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On An Island In The Sun

So war das Sziget Festival

Wer einmal auf dem Sziget gewesen ist, kann andere Festivals nur noch als mittelmäßig einstufen, findet unser Autor Florian Weber.
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Wer einmal in Budapest auf dem Sziget gewesen ist, kann andere Festivals nur noch als mittelmäßig einstufen, findet unser Autor Florian Weber.


12.08. - 17.08.2009 Budapest, Obudai-Sziget

Beim Gang über die alte Stahlbrücke wird bereits die internationale Vielfalt des Sziget Festivals deutlich. Auf großen Plakaten werden die Besucher in allen möglichen europäischen Sprachen willkommen geheißen, während sie mit oft mehr als 1000 Reisekilometern in den Knochen ihr Ziel erreichen, die Donauinsel Obudai im Norden Budapests.

Für eine Woche im August verwandelt sich die Insel in eine eigene bunte Stadt voller Sonne und Staub, Musik und Spiel, Bier und gutem Essen. Was 1993 als eine Art studentisches Stadtfest begann, lockt inzwischen fast 400.000 Menschen aus der ganzen Welt auf das 108 Hektar große Areal. Man möchte meinen, dass sich die Ungarn dabei inzwischen sogar in der Minderheit befinden.

Zusammen erfreuen sich die Besucher an einem Programm, das im Grunde genommen für eine Woche völlig überdimensioniert ist. Man könnte es auf einen Monat strecken und hätte noch immer mit Reizüberflutung zu kämpfen. Allein in punkto Live-Musik kann man sich von 13 mittleren bis großen Bühnen teils rund um die Uhr von Bands und DJs aus aller Welt beschallen lassen.

Deutschland wird dabei unter anderem durch die Toten Hosen vertreten, die auf der Main Stage zwischen ihren Gassenhauern vor allem den ähnlichen Klang der Worte "Köszönöm", ungarisch für "Danke", und "Düsseldorf" herausarbeiten. Als weiterer Vertreter sind The Notwist zur besten Zeit im sogenannten A38-Wan2-Zelt vor einer Menge, wie sie in Deutschland vermutlich eher selten bei Notwist-Konzerten erreicht wird, aufgrund technischer Schwierigkeiten zumindest über einen Großteil der planmäßigen Stagetime nicht in der Lage, zu spielen.



Die für das Festival untypischen Sound-Probleme sind auch noch bei den nachfolgenden Babylon Circus deutlich zu spüren, verziehen sich aber im Laufe des Konzerts, so dass die Franzosen ihre Ska- und Reggae-Offbeats auf die tanzende Masse nur so abfeuern können. In eine ähnliche, aber plattere Kerbe schlagen Ska-P am ersten Tag des Festivals auf der Hauptbühne, wobei die Spanier sich nach fünf Jahren nun auch einmal von einigen Elementen ihrer Bühnenshow trennen könnten.

Fleißiger sind da ihre Landsmänner von der Artistentruppe La Fura gewesen, die ihr neues Programm speziell auf das Sziget zugeschnitten haben. Die Katalanen sind spätestens seit ihrer Mitwirkung bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona ein Begriff und bieten jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit eine einstündige Show, die beeindruckender als jedes Konzert auf der Insel ist. Eine Art überdimensionales Laufrad mit acht Personen sowie eine gitterartige Aufhängung von sage und schreibe 52 Menschen an acht Seilen, jeweils per Kran in wahnwitzige Höhen befördert, stellen die beeindruckenden Höhepunkte in dem Stück "The Beat Of The Forest" dar.

Ein solches Theaterstück ist einer von vielen Skills des Sziget Festivals, die bei den meisten anderen Festivals maximal verkrüppelt ausgeprägt sind. Die Konzerte der Bands stehen nicht im Vordergrund. Es ist eine ganze Breitseite an kultureller Masse, die hier den Besucher mit voller Wucht trifft. Man tauscht sich beim Faulenzen in der Hängematte mit Italienern über die Mafia in Neapel aus. Man schärft seine Sinne für natürliche Prozesse wie die Änderung des Pegels der Donau, die bisweilen das idyllisch am Ufer aufgebaute Zelt bedroht. Beim Gang zum Dixie-Klo stolpert man auf einem Waldweg über einen ungarischen Folklore-Zug. Tagsüber kann man an unzähligen Ständen Handwerken und Spielen nachgehen. Man kann Ungarisch-Kurse belegen, sich einer Thai-Massage unterziehen, selbst ein Poker-Zelt ist vorhanden.


Wer einmal in Budapest auf dem Sziget gewesen ist, kann andere Festivals nur noch als mittelmäßig einstufen, findet unser Autor Florian Weber.

Nachts steigen allerorten Partys, zu denen sie dir in Deutschland die Bude einrennen würden. Das achteckige meduza-Pécs2010 Zelt mit offenem Dach bietet unter dem Budapester Nachthimmel die perfekte Kulisse für die audiovisuellen Mash-Ups von Addictive TV, die von Fußballspielen bis zu Filmklassikern reichen. Für die absolute Kulturüberdosis existiert seit diesem Jahr ein Schiff, mit der man sich vom Sziget direkt in das Budapester Zentrum verfrachten lassen kann, um dort eine der schönsten Städte Europas kennenzulernen.

Bei diesem Attraktions-Overkill kristallisiert sich nicht nur seitens der Besucher ein fester Stamm heraus. Auch Bands kehren immer wieder gerne zurück. The Prodigy beispielsweise waren bereits 1996 im Lineup des Sziget. 2009 sind sie die Band mit dem größten und wütendsten Publikumszuspruch. Ebenfalls Headliner und zum dritten Mal zu Gast sind Placebo, deren neuer Drummer Steve Forrest den Testosteronhaushalt der Band mehr aus ausgleicht.

Hervorzuheben sind weiterhin die Auftritte von Bloc Party, die im Gegensatz zu ihrer Melt!-Performance großartig aufgelegt sind, Nouvelle Vague mit der allseits bestaunten sexy Sängerin Nadeah Miranda sowie die Manic Street Preachers, die eine nahezu magische Atmosphäre schaffen. Besser im Zelt geblieben wäre man dagegen bei The Offspring, die mit Wohlstandsbauch und Pianoeinlagen eher unfreiwillig belustigend wirken. Faith No More mit einem pseudo-cholerischen Mike Patton und seinem Gehstock lassen die Frage offen, wer genau denn jetzt unbedingt eine Reunion gebraucht hat, und Life Of Agony, die am letzten Tag den Abschluss auf der MTV Headbangers Ball - Rock Stage bilden, lassen unter der Flagge des immer noch aktuellen Albums "Broken Valley" fast nur die zähen alten Brecher los.

Das vergleichsweise zeitlose und Genres außer Acht lassende Booking des Sziget bringt auch Popstar Lily Allen auf die Hauptbühne, die leider zeitgleich mit dem bekanntesten Act der World Music Stage spielt: Calexico stehen stellvertretend für das Programm auf der zweitgrößten Bühne des Sziget, deren Auswahlkriterium zu sein scheint, für einen Filmsoundtrack geeignete Musik zu machen. World Music halt. So passen auch die Briten Oi Va Voi gut ins Programm, denen man bereits morgens beim Soundcheck zuschauen kann, bevor ein paar Stunden später die Abendgarderobe ausgepackt wird.

Fatboy Slim packt in sein medleyartiges Tanz-Set einen ganzen Wust an Zitaten, die Klaxons hämmern den verhältnismäßig wenigen Zuschauern vor der Hauptbühne ihren Namen in guter Erinnerung ein, die Subways machen sich um 15:00 Uhr nachmittags durch Rockstar-Gehabe größer als sie sind und Maximo Park geben selbst bei sengender Hitze eine sehr gute Figur ab.



Festzuhalten bleibt: Das Sziget sprengt jeden Rahmen. Es spielt in seiner eigenen Liga. Wer sich überzeugen will, sollte dies möglichst bald tun, denn das Bier wird mit jedem Jahr teurer. Der halbe Liter frisch gezapftes Dreher lag 2009 schließlich schon beim Rekordpreis von 450 Forint (ca. 1,65 Euro).