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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Ich bin einfach nur ein Sänger«

(K)ein Gespräch mit Omar Souleyman

Omar Souleymans Album mit dem vielversprechenden Titel »To Syria, With Love« ist wie Autoscooter: laut, aufgedreht, bunt glitzernd und der Welt abseits von Zuckerwatte völlig abgewandt. Dabei hat der Mann, der vor dem Krieg aus Syrien fliehen musste, sicher viel zu erzählen. So recht will er das aber nicht, wie Vincent Lindig bemerkt.
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Omar Souleyman begann seine Karriere als Hochzeitssänger in Syrien. Animationsmusik, Songs über Liebe und Treue zu quirlig-elektronischen Beats. Dann kam der Krieg, er musste fliehen und wurde irgendwie ein gefeierter Popstar. Es folgten Kollabos mit Größen wie Björk und Damon Albarn, Diplo holte ihn auf sein Label Mad Decent, und spätestens jetzt wurde klar: Omar Souleyman ist eine coole Nummer. Aber irgendwas schmeckt fad an der Geschichte. Der Sound ist seit der Erfolgsplatte »Wenu Wenu« synthetischer geworden – man könnte auch sagen: kälter. Auf »From Syria, With Love« liegen erbarmungslos dudelnde Synthies über Beats, die selbst für die Jungs von Scooter eine Mutprobe wären. Dann wieder entfaltet sich auf Songs wie »Mawal« Souleymans fesselnde Stimme über einem ruhigen Instrumental – und plötzlich ahnt man die Seele unter der knisternden Hülle. Auf Albumlänge klingt die Mischung aus traditionellen Einflüssen und modernen Sounds aber leider oft eher kalkuliert als organisch. Hinter dieser Musik verbirgt sich ohne Frage eine vielschichtige Künstlerpersönlichkeit.

Sprechen will Omar Souleyman darüber leider nicht. Vor dem Interview bekomme ich einen Katalog mit Fragen, die ich nicht stellen darf und der wiederum viele weitere Fragen aufwirft. Wie komme ich ran an Souleyman, wenn ich einen Mann, der seine Gagen 2013 an Flüchtlingshilfen spendete, nichts zu Syrien und dem Krieg, nichts zu Religion und politischen Themen im Allgemeinen fragen darf? Wenn so viele Aspekte ausgeklammert werden, die seine Person abseits der Musik interessant machen?  Also sprechen wir über die Zusammenarbeit mit Diplo, das Verständnis seiner Musik zwischen Tradition und EDM und sein Selbstverständnis als Künstler. Die Antworten sind ernüchternd: Souleyman hat Diplo nie getroffen, von EDM weiß er nichts, eine tiefere Message seiner Musik verneint er. »Ich bin einfach nur ein Sänger.«
Nach dem Interview bleiben mehr Fragezeichen als zuvor – und der Katalog mit denselben verbotenen Fragen begegnet mir bei einem anderen Künstler ein paar Tage später wieder. Woher kommt die Müdigkeit, sich zu Themen abseits der Musik zu äußern? Liegt es daran, dass Artists wie Souleyman unpolitisch sind und keine Ahnung von nichts haben? Oder daran, wie Musiker von der Musikpresse auf Stereotype festgenagelt werden? Vielleicht ist es ein bisschen was von beidem. 

Es ist Zeit, wieder gesprächsbereiter und interessierter zu werden. Sonst lesen sich Interviews nämlich wie die Antworten von Omar Souleyman, die auch eine bescheidene Selbstbeschreibung angebotener Leistungen auf Helpsters sein könnten: »Ich bin einfach nur ein Sänger.« Und das ist mit Sicherheit sehr tief gestapelt. »To Syria, With Love« klang irgendwie vielversprechender.

Omar Souleyman

To Syria, With Love

Release: 02.06.2017

℗ 2017 Mad Decent under exclusive license to Because Music LC33186