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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Beige Album

Olli Schulz Und Der Hund Marie

Herr Olli Schulz, wie man ihn kennt und liebt, ist der Chefpoet der komischen kleinen Dinge. Der wirklich kleinen Dinge - ein Song, der einen durch die Nacht bringt, spazieren gehende Elefanten -, nicht nur derjenigen, die permanent über sich selbst hinaus auf Großes verweisen. Auch jenes neue, "da
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Herr Olli Schulz, wie man ihn kennt und liebt, ist der Chefpoet der komischen kleinen Dinge. Der wirklich kleinen Dinge - ein Song, der einen durch die Nacht bringt, spazieren gehende Elefanten -, nicht nur derjenigen, die permanent über sich selbst hinaus auf Großes verweisen. Auch jenes neue, "das beige" Album, wieder in Zusammenarbeit mit Kumpan Hund Marie a.k.a. Max Schröder entstanden, hakt an dieser Stelle ein. Im nicht wirklich gerechtfertigten, aber nahe liegenden Vergleich zu den Grand-Hotel-Herren Wiebusch und Uhlmann beispielsweise fehlt den Schulz/Hund-Songs das Pathos - was einerseits wohltuend ist, andererseits mein kleines Herz, das nur allzu bereit ist, sich von Landungsbrücken-Dramatik krallen zu lassen, beim ersten Hördurchgang leicht links liegen lässt (Vierer-Alliteration, gute Güte).

Aber eins nach dem anderen. Zweiter Hördurchgang: Auch wenn die Platte im Wesentlichen stiller, schlichter wirkt als der Vorgänger, gibt es doch erstmals zwei Hits, die Indiejungs am Freitagabend in typisch verhaltener Begeisterung zur Tanzfläche schieben könnten: "Jetzt Gerade Bist Du Gut" und "Und Dann Schlägt Dein Herz", dessen Zeile "Dieses Land ist nicht für Rock'n'Roll gemacht" man sich sehr gut an inbrünstigen Mitsingern vorstellen kann. Ein Country-Ausflug beschränkt sich zu meiner persönlichen Freude auf das leicht hyperaktive "Die Ankunft Der Marsianer", welches ein gewisses Übersättigtsein an Spektakulärem zum Thema hat. Übers Knie gebrochene Überleitung: Spektakulär ist Olli Schulz in erster Linie auf der Bühne - auch noch, wenn man gewisse Schneckenwitze und Rockschtargeschichten zum fünften Mal hört. Auf den Tonträger rettet er das durch gesprochene, extrem lustige bis leicht dämliche Zwischentitel - die beim fünften Hören wiederum nerven können. Aber skippen gilt ja. Mal ganz am Rande: Manche sollen sich ja nicht so ganz anfreunden können mit der nöligen Schulz'schen Stimme. Sich sogar genötigt fühlen, großmütterlich vor sich hin zu sagen: "Junge, nuschel doch nicht so." Verständlich. Andererseits erfreute es mich, die Zeile "Der Film beginnt, das ist deine Rolle" zunächst als "Der ferne Hund, das ist deine Rolle" missverstanden zu haben. Und im Ernst: Niemand kann das Wort "Affenbär" so schön singen wie Olli.

"Das Beige Album" bietet für etwas, das kein Buch ist, eine Menge Geschichten: vom Angekommen-, Unecht-, Zuversichtlich-Sein. Vom Sätze-wie-in-Filmen-Sagen, Sich-gefunden-Haben, Sich-verloren-Haben. Von spooky Girlfriends, Klappskalli und anderen undurchsichtigen Gestalten. Musikalisch und textlich unverschwurbelter als "Brichst Du Mir Das Herz, Dann Brech Ich Dir Die Beine" ist es. Weniger gut in den Momenten, in denen es von der Schlichtheit zu nah an die Plakativität rutscht ("Doch Alle Deine Fehler Hatten Einen Sinn"), am besten in jenen, in denen eine zerbrechliche Komik - fern von Ironie - eine Traurigkeit durchscheinen lässt. In den Olli-Schulz-Momenten also. Und wenn es um Liebe geht, dann wird nicht von Dingen gesungen, für die alle Worte vom vielen Gebrauch bereits erstarrt sind - also dem großen Glück, dem großen Schmerz, weil "ich hab keine Zeit zu bluten" -, sondern von jener armseligen Leerstelle, die bleibt, wenn etwas vergeht, das eventuell niemals da war. Und genau auf diese Weise kriegt es mich dann doch, irgendwie, das Beige. Kratzt nebenbei ein bisschen Schorf von den Wunden, wir bluten doch wieder ein wenig, und es tut verdammt noch mal gar nicht weh. Oder eben kaum.