×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schluss mit lustig

Olli Schulz im Gespräch

Es läuft richtig gut für Olli Schulz: Man kennt und schätzt ihn als Musiker sowie als TV-Star an der Seite von Joko & Klaas. Nun hat der Liedermacher aber erst mal die Schnauze voll von der Fernsehwelt und konzentriert sich lieber auf sein sechstes Album. »Feelings aus der Asche« ist eine Abrechnung mit diversen Lebensabschnitten – Spaßiges fand Verena Reygers darauf nur selten.
Geschrieben am

In dem Lied »Als Musik noch richtig groß war« besingst du die größere Bedeutung von Musik in jungen Jahren: als Trost, zur Bewältigung von Teenager-Konflikten und beim Knutschen auf dem Sofa. Hat Musik für dich wirklich an Bedeutung verloren? 

Ja, leider. Ich habe einfach nicht mehr so viel Zeit dafür wie früher. Ich liebe es immer noch, eine gute Platte im Auto zu hören und natürlich Songs zu schreiben. Es wird mit dem Alter bloß immer schwieriger, sich für Musik zu begeistern. Das hat ja auch damit zu tun, dass Musik oft Teil einer Jugendbewegung ist. Ich habe früher viel Punk und Heavy Metal gehört, da ging es nicht nur um die Musik, sondern auch um die Haltung. Und das alles ist jetzt nicht mehr so wichtig, weil man sich selbst ein bisschen gefunden hat und Musikhören eher zum Luxus geworden ist.

Trotzdem ist deine Leidenschaft für Musik nach wie vor so groß, dass du deine
TV-Karriere nun hintangestellt hast, um ein neues Album zu machen.

Natürlich, Musik ist mir das Wichtigste. Aber wahrscheinlich wäre die Platte auch ohne meinen TV-Job erst jetzt rausgekommen. Ich habe nebenbei auch weiter an meinem Buch mit Kurzgeschichten geschrieben und bin mit der neuen Band auf Tournee gewesen.

Gab es weitere Gründe, dem Fernsehen den Rücken zuzukehren?

Sagen wir mal so: Ich habe mich in der Medienbranche nicht sofort so wohl gefühlt, dass ich dafür alles, was mir wichtig ist, stehen und liegen lasse, bloß, weil ich ein eigenes TV-Format habe. Außerdem hat es mich gestört, insgesamt so wenig Mitspracherecht zu haben, obwohl man so viel von sich selbst preisgibt. Du schlüpfst in so krasse Rollen, machst krasse Sachen und hast am Ende doch nicht die Entscheidungsgewalt darüber. Das ging mir manchmal ein bisschen auf die Nerven. Genau wie die Tatsache, dass zuletzt dann doch immer alles von den Quoten abhängt. Ob du gut oder schlecht bist, ist einfach nur eine Quotensache, es geht nicht um Qualität. Da muss man schon Glück haben mit einem passenden Redaktionsteam und einem mutigen Sender. 

Betrachtet man deinen musikalischen Output, so arbeitest du seit Jahren teilweise mit denselben Leuten zusammen. Wie wichtig ist es dir, deine Musik in einem vertrauten Umfeld entstehen zu lassen?

Ich brauche schon Leute, die mich verstehen. Alle in meiner Band sind Freunde und auch bessere Musiker als ich. Ich bin realistisch genug, zu wissen, dass meine Fähigkeiten als Texter, Musiker und Sänger begrenzt sind. Alles zusammengebündelt hat aber irgendwas, was bei den Leuten gut ankommt und etwas auslöst. Ich komme jetzt erst langsam an den Punkt, meine eigene Stimme bewusst hören zu können. Im Grunde fand ich sie bislang grauenhaft. Aber dann helfen mir diese Leute, denen ich mich auch anvertrauen kann.

Wie
Moses Schneider, der auch schon deine letzten vier Alben produziert hat. 

Ja. Moses ist nicht nur Produzent, er ist auch Betreuer und hat ein zwischenmenschliches Verständnis für seine Künstler. Das merkt man an vielen Alben, an denen er gearbeitet hat. »Kapitulation« von Tocotronic zum Beispiel. Immer noch die beste Platte, die sie je gemacht haben. Welche Band kann schon sagen, ihr achtes Album sei ihr bestes? Ich habe Moses über meine damalige Freundin kennengelernt, als ich 2005 ein Demo für einen Song aufgenommen habe. Und abends hörte ich zufällig die »Bossanova«-Platte der Pixies und las im Booklet: »Engineering Moses Schneider« – übrigens damals auch in den Hansa Studios.

Wo auch »Feelings aus der Asche« entstanden ist.
Genau. Dort habe ich mich zum ersten Mal als richtiger Musiker gefühlt. Das war sehr wichtig für mich. Ich wollte zehn musikalische Songs aufnehmen und keine Gag-Songs. Ich bin mir nicht zu schade dafür, zwischendurch mal eine infantile Phase zu haben, aber dieses Jahr hat das einfach nicht gepasst.

Stattdessen hat »Feelings aus der Asche« sehr ernsthafte Tendenzen. 

Eigentlich handelt die ganze Platte von einer Beziehung. »So muss es beginnen« beschreibt den Anfang einer Beziehung und geht auf ein Gespräch zurück, das ich mit dem Chefredakteur von »neoParadise« vor einigen Jahren geführt habe. Ich war frisch verliebt und hatte Bedenken, dass wir uns da zu sehr reinstürzen. Aber er erwiderte: »Mein Gott, was willst du denn sonst im Leben? So muss es doch beginnen. Mit Leidenschaft.«
»So muss es beginnen« ist also der optimistische Anfang, der, unterbrochen von anderen Songs, zielsicher mit den letzten Tracks in eine Trennung mündet. 
Es gibt zwischendurch Songs, die Streit thematisieren, aber die letzten drei sind dann wirklich das Auseinandergehen der Beziehung. »Das kann hässlich werden« handelt davon, sich so lange gestritten und einander Vorwürfe gemacht zu haben, dass du – obwohl du es doch versuchen willst – merkst, dass du dich eigentlich immer noch mehr reinreitest. Stattdessen brauchst du eigentlich einen klaren Schlussstrich, bevor du dich und den anderen zerstörst. Dieser Song ist im Moment des Schmerzes geschrieben worden. 

Ähnlich wie der Titeltrack, der zugleich finaler Song und endgültiger Abschied ist?
 
Eigentlich sollte das ein lustiger Titel werden und war ursprünglich als Liebeslied für dieselbe Person gedacht. Aber dann habe ich im Studio und während der Produktion noch viel umgeschrieben. So lockt der Albumtitel ein bisschen auf die falsche Fährte: »Ach, der Schulz, mal wieder richtig lustig, locker und lebensfroh.« Tja, ist nicht ganz so, das gebe ich gerne zu. 

Am Ende von »Feelings aus der Asche«, einem Stück voller emotionaler Wucht, singt eine Frau die letzten Zeilen ...
 
Das ist Kat Frankie. Ich habe sie bewusst die letzten Zeilen schreiben lassen, weil das ganze Album ja aus der Sicht des Mannes geschrieben ist. Da ist es einigermaßen fair, auch mal die Frau zu Wort kommen zu lassen. Sie hat mich mit ihren Worten sehr getroffen, weil sie etwas sehr Wahres geschrieben hat: »One, two moments after you I breathe a little lighter [...] and you were always turning and I can’t keep chasing you.« Das stimmt, denn ich führe kein normales Leben, weil ich nachts aufstehe und Songs schreibe, weil ich zerrissen bin zwischen witzig und traurig sein und das alles in mir trage – das ist nicht besonders leicht. Und dass Kat, ohne die Frau zu sein, mit der ich zusammen war, die aber mich und die Story kennt, diese Zeilen als faires Ende für die Platte geschrieben hat, die noch mal das weibliche Pendant seine Sicht der Dinge sagen lässt, hat mich sehr berührt. 

Das ist alles ziemlich persönlich. Befürchtest du nicht, dass jetzt jeder in deinem Privatleben rumstochert?
 
Nein, ich passe auch sehr auf, andere nicht zu nah an mich ranzulassen. Man kann sich denken, dass jemand nicht so viele Trennungslieder schreibt, weil er Bock auf ‘ne Trennungsplatte hat, sondern dass andere Gründe dahinterstecken. Ich bin gar nicht der Typ, der mit seinem Privatleben hausieren geht, aber ich habe immer lange Beziehungen gehabt, die es mir auch wert sind, einen Song darüber zu schreiben. 

Viele werden trotzdem von deiner Ernsthaftigkeit auf dieser Platte überrascht sein. Stört es dich, dass die Leute von dir immer den lustigen Entertainer erwarten?
 
Das ist nicht schlimm. Früher hatte ich damit mehr Probleme, aber wenn Leute auf meiner Facebook-Seite schreiben: »Schade, dass du so ‘ne alberne Scheiße im Fernsehen machst, als Musiker bist du viel authentischer«, denke ich, sie sollten sich meine Sendungen auch nicht ansehen. Andere wiederum finden es geil, wenn ich »fickificki« in die Kamera rufe. Ich stehe auf einen guten schmutzigen Witz, wenn der Zeitpunkt stimmt, und meine auch, den Grat zu kennen, wann es genug ist. 

Aber willst du nicht, dass die Leute dich vor allem als Musiker ernst nehmen? 
 Natürlich gibt es Leute, die sagen, dass sie mit meiner Musik nicht klarkommen, aber im Fernsehen einen Lachkick kriegen. Das ist besser, als wenn sie alles scheiße finden. Ich bin ja selber derjenige, der am meisten mit sich hadert. 

Weil du deine Stimme so grausam findest?
 
Oder weil ich einen Witz reiße, der sexistisch wirkt, und deshalb Bedenken habe, während alle sagen: »Mensch Olli, das wissen die Zuschauer doch, dass du nicht so bist.« Ich aber denke: Nein, das wissen die nicht. Da schlafe ich dann schon mal eine Nacht nicht, weil ich mich schäme und denke, ich gebe dadurch in der Öffentlichkeit etwas preis, das eigentlich für meinen Freundeskreis bestimmt ist, weil der das auch einschätzen kann. Aber ich bin nicht traurig, wenn Leute sagen, sie finden entweder nur meine Musik oder nur die TV-Sachen gut. Und mit dem Fernsehen ist ja jetzt vorerst auch mal Schluss. 2015 wird wieder viel Musik gemacht und live gespielt. Das brauche ich einfach, um durchzuatmen und Ideen zu sammeln für neue Projekte und Songs.

Olli Schulz

Feelings aus der Asche (Bonus Edition)

Release: 09.01.2015

℗ 2014 Trocadero