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Der Freitag mit Klee und Dúné

Olgas Rock 2008

Florian Weber ist auf Reisen gegangen und hat viel zu erzählen: Das Olgas Rock zwischen Ruhrpottromantik und 95 % Regenwahrscheinlichkeit.
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Florian Weber ist auf Reisen gegangen und hat viel zu erzählen: Das Olgas Rock zwischen Ruhrpottromantik und 95 % Regenwahrscheinlichkeit.

Der mit saftig grünen Industriegebietswiesen geschmückte Olga Park zu Oberhausen bot am Wochenende zum neunten Mal die Location für eines der aufstrebenden deutschen Umsonst-und-Draußen-Festivals. Seit der ersten Ausgabe 2000 hat vor allem das Booking-Team des Olgas Rock enorme Fortschritte gemacht. Zehn von achtzehn Bands haben sich die Talentscouts im Ausland geangelt. Aber auch deutsche Acts haben bei Olga eine Chance, z.B. wenn sie sich unermüdlich über Jahre hinweg den Arsch abtouren, wie die 5Bugs. Trotz Regenplage legten die fünf Berliner am Freitagnachmittag einen souveränen Gig hin, bei dem sie sich zusammen mit Britney und Guildo Horn in die Riege der "I Love Rock'n'Roll"-Coverer hievten.



Ob es an der angekündigten Regenwahrscheinlichkeit von 95% lag? Jedenfalls konnte man sich Dúné auch direkt vor der Bühne noch relativ unbedrängt anschauen. Die kleinen Poser aus Dänemark ließen sich aber vom geringen Zuschauerzuspruch und 10 Staus in 10 Stunden Anfahrt vom Taubertal nicht stören. Sie schmierten sich Lippenstift beim famosen "Dry Lips" ins Gesicht und überzeugten mit sauberen mehrstimmigen Gesängen, bei denen gerade Keyboarder Ole Bjorn Sorensen maßgeblichen Anteil hatte, wenn er mal gerade nicht "wie Joe Cocker auf Ecstasy" (Zitat des Stehnachbarns) über die Bühne stakste. Gegen Ende des Sets zeigte sich dann auch die ein oder andere Ruhrpott-Emo-Gestalt vom guten Gig der Newcomer überzeugt. Offenbar ist Oberhausen und Umgebung mit seiner deprimierenden Industriekulisse ein guter Nährboden: Hier gedeihen prächtige, formvollendete Emo-Exemplare in Hülle und Fülle.

Allgemein ein sehr junges Publikum, offenbar zum größten Teil aus Anwohnern bestehend, das sich hier im Olga Park versammelte. Interessenschwerpunkt war dann auch, oft ein Problem für die Künstler bei Umsonst-und-Draußen, mehr der Bierstand bzw. die Schnapsflasche im Rucksack als die Bühnen. Bühnen? Ja, es gab noch eine LKW-Anhängerbühne beim Antifa-Stand, auf der gar nicht mal so talentlose Punkbands (Aufschrift am Mikro-Loch der Bassdrum: "Insert Talent Here") den Pogo in seiner extremsten Form ausriefen.

Doch dann durften die Pärchen aus ihren Löchern kriechen. Klee luden zum Schmusen ein. Die gelben Plastik-Regencapes, die man direkt nach der Ankunft wegen der Wolkenbrüche überzog, wurden nach dem zweiten Song abgelegt und getreu Suzie Kerstgens Wahlspruch "Oberhausen, your Hausen is my Hausen!" eine gemütliche, schöne Atmosphäre erzeugt. Man merkt doch immer wieder, dass es für deutschsprachige Acts stilvoller ist, die Texte auf ein quantitatives Minimum zu beschränken und als immer wiederkehrendes Motiv in die Songs einzubauen. Klassenprimus Klee beherrscht diese Disziplin wie aus dem Effeff, und auch wenn mal der falsche Synthie zur falschen Zeit einsetzte, so wurde das Publikum an einem schönen Spannungsbogen entlang bis zur Zugabe "Erinner Dich" geführt. Höhepunkt des Sets: "Nicht immer, aber jetzt", bei dem Klee soundtechnisch alles auffuhren, was sie zu bieten hatten.

Wie so oft, wenn es dann bei kleinen und großen deutschen Festivals dunkel wird, dann die Frage: Liegt es an mir, oder sind die einfach nicht lustig? Die Rheinkultur-Dauergäste Monsters Of Liedermaching sorgten für den freitäglichen Abschluss und hatten auf Seiten des männlichen Publikums jenseits der Mitte-Dreißig auch einige Lacher zu vermelden, kamen aber über den Status der Möchtegern-Ärzte und -Jürgen-von-der-Lippes nicht hinaus. Folgerichtig ging man zur Heimreise über, die anscheinend nur die wenigsten Besucher über den Oberhausener Hauptbahnhof führte. Vielleicht spricht sich das Jahr für Jahr besser werdende Line-Up ja auch bald mal hinter den Stadtgrenzen herum. Vorbereitet wäre man im Olga Park jedenfalls.