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Nachgefragt zu »Gute Menschen«

OK KID gegen die Doppelmoral

Mit ihrem neuen Video zu »Gute Menschen« treffen OK KID wunde Punkte wie Doppelmoral und Ignoranz. Am Freitag veröffentlicht, verteilte sich der bedrückend aussagekräftige Clip schnell durch die sozialen Netzwerke. Wir haben der Band und Regisseur Stefan Braunbarth ein paar Fragen zu ihrem Werk gestellt.
Geschrieben am
Was gab für euch den Ausschlag, euch mit diesem Video zur aktuellen Stimmungslage innerhalb der deutschen Gesellschaft zu äußern?
OK KID: Wir haben den Song schon vor zehn Monaten mehr oder weniger fertig geschrieben. Bis auf die Zeile mit Roberto Blanco und dem »wunderbaren Neger«  sind das also Beobachtungen, die schon recht weit zurückliegen. Da ist es erstaunlich, dass das Thema gerade immer noch so aktuell ist. Was wiederum aber leider  auch zeigt, dass der ganze Diskurs über Flüchtlinge, Homosexualität und die Frage nach der deutschen Identität keinen Schritt weiter ist. Wir haben uns entschieden uns dem Thema mit Ironie anzunähern. Das ist immer eine Gratwanderung und funktioniert dann nur über klare Klischees, damit wir eine klare Haltung formulieren können. Deswegen haben wir auch sehr auf Details geachtet: Das »Wir helfen Logo« der BILD-Zeitung auf dem Spendencheck, das Kind, das im »Je suis Charlie Sweater« auf den Flüchtling im »Paris«-Pullover schießt und auch die Aidsschleife beim Pfarrer. Das alles sind Symbole, die wichtig waren, um den Song im richtigen Kontext einzuordnen. 
 
»Gutmenschen« ist ein Schlagwort des Pegida-Lagers, ihr dreht es in eurem Song um und stellt stattdessen die »guten Menschen« in den Fokus, und sprecht damit Themen wie Ressentiments, Scheinheiligkeit und Ignoranz an. Beobachtet ihr diese Spezies Mitbürger als neues Phänomen? 
OK KID: So Menschen gab  es schon  immer und wird es auch immer geben. Aber dieses Phänomen spiegelt sich nur gerade offensichtlich in den sozialen Netzwerken wider. Je nach politischer Lage wollen viele Leute ihrer Sympathiebekundungen und ihr politisch korrektes Gewissen mit ihrem Profilbild zum Ausdruck bringen. Jeder soll nach außen sehen, dass man auf der richtigen Seite ist. Aber wer von diesen Menschen wird darüber hinaus aktiv und engagiert sich dafür, wenn eine öffentliche Debatte nicht mehr auf jeder Timeline ausgetragen wird?  

Am Freitag verbreitete sich der Clip rasant im Facebook-Feed, voller positiver Kommentare. Gab es bereits weitere direkte Reaktionen auf das Video?
OK KID: Wir haben uns tatsächlich krass gefreut, dass das Video von wirklich fast allen Menschen, die es gesehen haben, verstanden wurde. Das zeigen zumindest die Reaktionen darauf, die wir bekommen haben. Ehrlich gesagt haben wir damit gerechnet, dass wir ordentlichen Gegenwind in Form von genau diesen »Guten Menschen« bekommen könnten. 
 
Was muss sich ändern, damit die »guten Menschen« aus eurem Lied anfangen umzudenken?
OK KID: Das wird schwierig, wer würde sich schon selbst als doppelmoralischen, ignoranten Menschen bezeichnen? Aber vielleicht entdeckt sich ja der ein oder andere wieder und hinterfragt sein Handeln. Oft gibt es eine unbegründete Angst vor dem Unbekannten. Je mehr man sich ungewohnten Dingen öffnet und positive Erfahrungen macht, desto kleiner wird die eigene Unsicherheit gegenüber Neuem. Letztlich  entgehen einem so viele Sachen, die man aus Angst und Unsicherheit an sich vorbeiziehen lässt.
Wie lange haben die Vorbereitungen für das Video gedauert? War die Geschichte  von Anfang an klar?
Stefan Braunbarth: Wir haben ziemlich lange an der Idee rumgefeilt, haben uns immer wieder mit der Band getroffen und kleine Details hinzugefügt. Zwei bis drei Wochen benötigten wir für die reine Vorbereitung der Produktion. Die Geschichte war auf jeden Fall für alle Beteiligten glasklar, nur ob sie am Ende funktionieren wird und sich in nur dreieinhalb Minuten erzählen lässt wusste keiner so recht. Das Zusammenspiel aus Drama, Überspitzung durch Klischees und dem hochsensiblen politischen Thema war auf jeden Fall eine schmale Gratwanderung.  

Als Zuschauer kann man das Video als bedrückend und beschämend empfinden. Da stellt man sich einen solchen Dreh emotional extrem belastend vor.
SB: Der Dreh war extrem belastend. Jedoch hatte das nichts mit der Thematik zu tun, sondern eher mit dem Aufwand an Drehorten, Schauspielern und Komparsen. Während des Drehs hatten wir eigentlich sehr viel Spaß. Obwohl das Thema natürlich sehr brisant und besorgniserregend ist, heißt es ja nicht, dass wir beim Dreh Trauerflor tragen müssen. Ich glaube man muss mit einer gewissen Portion Zynismus an die Sache ran gehen, sonst könnte man verschiedene Szenen mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. 

Ihr habt euch dafür entschieden das Video zwei Mal zu unterbrechen und in diesen Sekunden die Figuren des Videos sprechen zu lassen. Wieso?
SB: Wir haben das Video dem Thema untergeordnet und entschieden, dass gewisse Szenen eben nur mit Sprechszenen umzusetzen sind. Die widerlichste Szene des Videos ist ja eigentlich, die Sequenz, wenn der Vater durchs Flüchtlingsheim geht und die Bewohner unbedarft, beinah wie Zootiere zur Fütterung behandelt. Ich glaube, dass sich gerade durch solche Szenen die Charaktere des Videos viel nackter und klarer zeichnen lassen. 

Es fällt sehr schwer bei der extremen Schlussszene hinzuschauen. Wolltet ihr diese Art von Reaktion erreichen?
SB: Es geht bei der Szene nicht darum mit Gewalt provozieren zu wollen, sondern im Todeskampf eine gewisse Ästhetik in der Brutalität zu finden. Die Schlussszene ist sozusagen eine Hommage an Gaspar Noés Film »Irreversible«. Da gibt es eine Szene mit Monica Bellucci. Als ich diese das erste Mal gesehen habe, war ich dermaßen niedergeschmettert. Dieses Gefühl wollte ich auch am Ende unserer Geschichte erzeugen