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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Adieu Befindlichkeit

OK Kid im Gespräch

Drei Jahre sind vergangen, seitdem OK Kid mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum Teile der Indie- und HipHop-Szene gleichermaßen erfreuten. Mit »Zwei« setzt sich das Trio nun noch bewusster zwischen alle Stühle – und landet dabei keineswegs auf dem Boden. Bastian Küllenberg besuchte die Band in verschiedenen Kölner Studios zu Gesprächen über konsequente Vielfalt, persönliche Lebensphasen und ausgestreckte Mittelfinger.

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Lange war es still um OK Kid. Dann das: Mitte Oktober letzten Jahres veröffentlicht die Band das Video zu »Gute Menschen« und zeigt sich ungewohnt zornig. Mit teilweise bitter-spöttischen Zeilen wird hier demaskiert, dass es zuallererst ein Problem der bürgerlichen Gesellschaft ist, wenn Pegida und ihre bucklige Verwandtschaft durch Deutschlands Städte krakeelen und rassistische Wutbürger Flüchtlingsbusse bedrohen. »Es ist ein Lied, das einen ehrlichen Mittelfinger zeigt«, kommentiert Sänger Jonas Schubert. »Der Grundimpuls ist: Das finde ich scheiße, da schreibe ich jetzt drüber.« Der Mittelfinger findet sich auch im Artwork des in Kürze erscheinenden Albums wieder: Auf dem Cover von »Zwei« wird das Peace-Zeichen durchs Abtrennen des Zeigefingers zum »Fuck you!«. Wer hätte gedacht, dass OK Kid mal einen so wütenden, explizit politischen Song machen würden – und dass die Chose dann auch noch so gut funktioniert? 

Jonas Schubert: Das klappt, weil wir uns dafür geöffnet haben. Genauso wie für »Ich kann alles«. Beim ersten Album wäre für so einen Song überhaupt kein Platz gewesen. Nicht inhaltlich, sondern weil wir nicht bereit waren, uns über so Sachen einen Kopf zu machen.
Moritz Rech: Es ist ein Zusammenspiel aus der eigenen Situation und der gesellschaftlichen.

Zu »Gute Menschen« gibt es ein Video des Kölner Fotografen Stefan Braunbarth, das die Thematik sehr treffend visualisiert. Haben Lied und Clip dazu geführt, dass ihr nun anders wahrgenommen werdet?
JS: Journalisten denken mittlerweile auch, man könne mit uns über Politik reden. In vielen Interviews ist »Gute Menschen« grade Thema. Als das Lied rauskam, haben wir viele Anfragen abgelehnt und nur die Musik sprechen lassen. Sonst bist du ruckzuck wieder in so einer Promophase drin, und das wollten wir nicht. Wenn man aber das Album komplett hört, ist das Lied auch nur ein kleiner Part. Es fällt einem schon auf, wie versucht wird, in eine Schublade gesteckt zu werden. Vielleicht ist es eine Aufgabe von uns, immer wieder Songs rauszubringen, mit denen die Leute nicht rechnen. Wir sind weder eine politische Band wegen »Gute Menschen«, noch stehen wir durch »Bombay Calling« für eine Glorifizierung von Alkohol. Nur weil so ein Lied rauskommt, sind wir nicht die Band unter der Überschrift.

Musikvideo zu »Gute Menschen«

Raffael Kühle: Es ist für die Presse viel einfacher, als zu sagen: OK Kid sind eine Band, die unter anderem über Politik redet, aber auch über Alkohol, ohne Alkoholiker zu sein, und auch noch andere Themen behandelt. Eindimensionalität in Musik feiern wir gar nicht. Hat ein Song nur eine Schicht, ist die auch schnell wegkonsumiert. Es war schon immer unser Anspruch, ein Album zu machen, bei dem du auch nach dem x-ten Hören noch etwas Neues entdecken kannst.
JS: Das ist natürlich nicht der einfachste Weg in die breite Masse, aber den wollen wir auch nicht gehen. 
RK: Es wird vielleicht nicht im Tagesprogramm im Radio gespielt, aber es wird honoriert. Es gibt viele Menschen, die uns genau dafür schätzen. Wir merken es an den Vorverkaufszahlen unserer Tour, aber auch an den Reaktionen auf »Gute Menschen« bei Facebook. Da waren keine rechten Hasskommentare bei, alle haben es so verstanden, wie wir es gemeint haben. Es ist einfach geil, wie sehr wir auf einem Film sind, mit den Leuten, die unsere Musik hören.
JS: Die Menschen, die OK Kid verstehen, sind doch irgendwie ein Spiegelbild von uns selbst. 

Steigt bei euren Fans dadurch das Bedürfnis, mehr von euch persönlich zu erfahren und näher dran zu sein?
JS: Man kann das als Band ein bisschen steuern, je nachdem, wie sehr man es darauf anlegt, sich persönlich darzustellen. Wenn du den ganzen Tag irgendwas aus deinem Privatleben postest, zieht man sich eine Fanbase hoch, die genau so etwas will. Ich kann verstehen, dass Leute uns treffen wollen und an unseren Personen interessiert sind, aber das kann man auch so tun, dass man selbst damit cool ist. Wir wollen nicht mit unseren Nasen auf dem Cover des Albums sein, und wenn wir in unseren Videos auftauchen, dann in Rollen und nicht als Band, die performt.
RK: Wir wollen in unserer Musik eine geile Sprache sprechen, alles andere stellt sich hintan. 
JS: Wir haben schon gemerkt, dass es manchmal zu sehr um unsere Persönlichkeiten geht. Wenn Menschen bei Auftritten nur noch mit dem Handy filmen und nur noch uns sehen wollen, denkt man, die hören gar nicht zu, denen geht es nicht um die Inhalte. Sie sind kein Teil des Moments und stehen vielleicht trotzdem nach dem Konzert als Erstes am Merchandise-Stand, um ein Foto mit uns zu machen. Das finde ich schwierig. Jeder kann Fotos von uns machen, das ist in einem gewissen Rahmen okay, und damit kommen wir klar. Aber dass wir wichtiger sind als die Musik, dagegen wehren wir uns! Wir leben nicht diesen Popstar-Traum!

Der Traum, den OK Kid sich derzeit selbst erfüllen, besteht aus stetigem Wachstum und Selbstbestimmung. Dazu gehört neben ausverkauften Konzerten selbst in der Peripherie auch, dass man sich montagsmorgens mit ortsansässigen Journalisten treffen muss. Es ist Mitte Dezember, und die Band hat ins Studio ihres Produzenten Sven Ludwig geladen, um zum ersten Mal einige Lieder des zweiten Albums vorzuspielen. »Du bist der Erste außerhalb des Teams, der mehrere Stücke hintereinander zu hören kriegt«, verrät Keyboarder Moritz merklich nervös, bevor Produzent Ludwig an seinem Rechner den ersten Track abspielt. Man spürt: Das Album ist zu diesem Zeitpunkt noch in der finalen Entstehungsphase, der Prozess noch nicht beendet. »Wenn dir irgendwas nicht gefällt, hast du jetzt noch die Chance, es zu ändern«, lacht Jonas, während im Hintergrund ein satter Bass zu brummen beginnt. Es sind noch nicht die finalen Mixe, doch man hört schon jetzt, dass OK Kid seit dem Debütalbum von 2013 eine Entwicklung durchschritten haben und wohl endgültig aus der HipHop-Ecke verschwinden, in deren Grenzbereich sie oft angesiedelt wurden. 

Zweieinhalb Monate später, in einem anderen Kölner Stadtteil, ein neuer Montagmorgen. OK Kid sind inzwischen im Parkhausstudio untergekommen, nachdem sie ihren alten Proberaum verlassen mussten. Das Album ist mittlerweile fertig und angekündigt, die Promo-CDs sind verschickt und erste Interview-Termine absolviert. Es bestätigt sich der Eindruck, dass die Band mit den zwölf Stücken von »Zwei« den Weg der musikalischen Vielfalt weiterverfolgt, und zwar ganz bewusst und mit aller Konsequenz. »Es ist der rote Faden des Albums, dass jeder Stil für sich konkret verfolgt wird, aber alles so produziert ist, dass es stimmig ist«, schildert Schlagzeuger Raffael Kühle, und Moritz ergänzt: »Wir haben irgendwann entschieden, uns die Freiheit rauszunehmen, die unterschiedlichen Genres zu mixen. So, wie wir Musik hören, wollten wir sie auch auf der Platte haben und beispielsweise einen Rap-Track mit einem Indie-Song auf demselben Album koppeln. Dabei sollen die Genres nicht ineinanderfließen, sondern konsequent ausproduziert sein.«

Ein gutes Beispiel dafür ist »5. Rad am Wagen«: wuchtiger Beat und klassische Rap-Parts mit einem Feature vom Berliner Megaloh. OK Kid können immer noch HipHop, wenn sie nur wollen. »Wir haben Megaloh auf Festivals kennengelernt und waren immer wieder fasziniert davon, wie gut er live rappt und als MC Rap verkörpert«, so Jonas. »Wir suchen Features nicht aus, indem wir eine Liste abarbeiten, sondern machen zuerst die Musik und überlegen dann, welche Person den Song noch besser machen könnte. Megaloh hat seine Zeilen sehr passend auf unseren Text bezogen. Es ist cool, dass man einen nicht belanglosen Feature-Song hinbekommt, der sich gut in das Album eingliedert, obwohl man nicht jeden Tag zusammen im Studio abhängt.« 

Das zweite Lied, das stilistisch weit vom Rest abweicht, ist der Power-Pop-Song »U-Bahnstation«. Sterne-Sänger Frank Spilker ist im Refrain zu hören – eine Zusammenarbeit, die man von OK Kid nicht unbedingt erwartet hätte. »Das Instrumentalstück lag schon sehr lange bei uns in der Songideen-Kiste, und irgendwann haben wir es ausgegraben«, erzählt Jonas. »Wir waren nie große Fans der Hamburger Schule. In ›Blüte dieser Zeit‹ gibt es eine Zeile, die zeigt, wo wir musikalisch herkommen. Die Sterne fanden wir aber immer cool, da sie anders waren und sich oft neu erfunden haben. Dass man gerade so jemanden wie Frank Spilker für unsere Platte nimmt und schaut, dass es passt, sollte auch einen kleinen Reizpunkt setzen.« Klar, wer hätte mit diesem Gastsänger schon gerechnet? 

Überhaupt finden sich auf »Zwei« neben den neuen musikalischen Schritten auch inhaltliche Weiterentwicklungen, die man so vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. OK Kid 2016 bedeutet ein Ende der Befindlichkeitszentrierung. Heute wird kein Kaffee mehr warm gehalten für eine Zukunft, die mehr Fragen als Antworten zu bieten hat. »Wir haben mit ›Zwei‹ gewartet, bis wir was zu sagen hatten«, so Moritz. »Das erste Album ist natürlich irgendwie ein Potpourri aus dem ganzen Leben. Viele der Lieder entstanden bereits fünf, sechs Jahre vor Erscheinung unseres Debüts. Mit Anfang 20 stellt man sich viel mehr Fragen, als das mit Ende 20 der Fall ist. Jetzt sind wir in einer Situation, zumindest zu wissen, was wir zu tun haben.«

Jonas ergänzt: »Bei der ersten Platte war unser Lebensalltag ganz anders: Wir verdienten mit Musik noch kein Geld, trotzdem hat Raffi sein Studium abgebrochen, und wir beide haben unsere Jobs nicht angefangen. Wir haben beschlossen: Wir machen jetzt nur noch Mucke. Dadurch war auch sehr viel Befindlichkeit Thema, die zu dem Zeitpunkt aber real war und nicht konstruiert. Es ist immer spannend zu sehen, dass die Musik sehr eng mit der Phase zusammenhängt, in der du gerade bist. Umso schöner ist es für uns zu spüren, dass wir nicht einen Inhalt konstruiert haben, sondern eigentlich ein Spiegel unserer selbst sind.«

Das Gefühl, eine Stufe in der persönlichen Entwicklung genommen zu haben, bildet den Rahmen von »Zwei«. Nicht befindlichkeitszentriert, sondern der eigenen Stärken und Schwächen bewusst, aber auch selbstbewusst und zuversichtlich nach außen. Zugespitzt findet sich jene Haltung im Chorus von »Ich kann alles«. Man darf es jedoch gern auch als eine Grundaussage des Albums verstehen: »Alles glänzt, was ab jetzt vor mir liegt. Bis ich aufschlage, beweis ich, dass ich flieg.«

Musikvideo zu »Ich kann alles«

JS: Es geht darum, dass man sich nicht mehr so viel mit sich selbst beschäftigt. Wenn das Ego nicht mehr im Mittelpunkt steht, kann man Dinge klarer sehen und eine Haltung entwickeln. 
RK: Die Perspektive auf sich selbst hat sich geändert. Da ist nicht mehr dieses fragende Gefühl, in der Vielfalt der Möglichkeiten verloren zu sein. Mittlerweile weiß ich, wohin ich gehöre, woher ich komme und wohin ich will. Natürlich zweifelt man auch immer mal wieder. Aber der Umgang mit solchen Gedanken hat sich geändert. Man weiß, dass schlechte Phasen auch wieder vorbeigehen.
MR: Das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein, eröffnet einem die Möglichkeit, den Blick nach außen zu wenden. 

OK KID

Zwei

Release: 08.04.2016

℗ 2016 Four Music Productions GmbH

– Intro empfiehlt: OK Kid »Zwei« (Four / Sony / VÖ 08.04.16) Intro empfiehlt die Tour vom 15. bis 24.04. und 19.10. bis 08.11.

Aus dem Archiv: Abriss mit OK Kid