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Kolumne: Nadja Schlüter und Lars Weisbrod über einfache Ziele

»Offene Türen«

Manchmal muss man sich ganz dringend aufregen, damit man nicht platzt. Wie schön, dass es für diese Gelegenheit ein Ventil gibt: die einfachen Ziele! Prenzlauer-Berg-Mütter, die deutsche Bahn, München. Einmal im Monat schlagen Lars Weisbrod und Nadja Schlüter die offene Tür kurz zu und fragen sich: Woher kommt eigentlich der Hass auf unsere Lieblingsopfer? Und was sagt er über uns Hater? Diesen Monat: Lehramtsstudentinnen.
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»In meiner Vorlesung sind sooo viele Lehramtsstudentinnen«, sagen Bachelorstudenten der Germanistik oder Romanistik oder Mathematik und rollen dabei mit den Augen. Unabhängig davon, wie viele junge Männer dort sitzen, um später mal ihr Referendariat an der Realschule oder dem Gymnasium antreten zu können, immer sind es die »Lehramtsstudentinnen«, über die sich alle beklagen. Vielleicht, weil der Frauenanteil in diesem Studiengang größer ist. Vielleicht aber auch, weil ihre Vorgängerinnen in jahrelanger, harter Arbeit eine Klischeemauer um sich herum aufgebaut haben, die die männlichen Studenten nicht mit einbezieht.

Lehramtsstudentinnen, so der Vorwurf, sind die rosafarbenen Mäuschen im Hörsaal. Die Mädchen, die gerne »was mit Menschen« respektive »Kindern« machen wollen und deren Gehirne nicht dazu geeignet sind, einen Stoff in seiner Tiefe zu begreifen, sondern nur in seiner Breite. Die eigentlich lieber zusammen mit den Schülern mit der Musterschere Muster ausschneiden wollen und sich freuen, dass sie jedes Jahr zehn Wochen Ferien haben. Die aber dann vor jedem Prüfungstermin völlig ausrasten und sich andauernd beklagen, wie anstrengend das alles doch sei und wie unfair! Dann stehen sie auf, zupfen den zugeknöpften Esprit-Cardigan zurecht und stampfen in ihren kniehohen Stiefeln nach vorne zum Dozenten, dass der Pferdeschwanz nur so hüpft. Erreichen dort nichts, bilden Lerngruppen und schreiben am Ende alle eine Eins. Die Bachelorstudenten schlagen derweil die Hände überm Kopf zusammen und rufen »Und die unterrichten später mal meine Kinder!« Bis dahin ist aber noch genug Zeit, sich gründlich aufzuregen.

 

Lehramtsstudentinnen sind ein leichtes Ziel, weil sie unter dem Generalverdacht stehen, nicht zu wissen, was sie wollen, und darum irgendwas machen, mit dem sie hinterher sicher einen Job kriegen und Geld verdienen können. Und im 21. Jahrhundert in einer westlichen Industrienation und mit Abitur »irgendwas Rentables« zu machen und nach Sicherheit zu streben, ist in etwa gleichbedeutend damit, vor jedermann zuzugeben, dass man irre langweilig und uninspiriert ist. Also streng verboten. Das privilegierte Studentenpublikum könnte auch auf denen rumhacken, die nach dem Abi eine Ausbildung bei der Versicherung machen, aber das gehört sich nicht, weil: Hat vielleicht nicht für mehr gereicht, der Grips. Aber wer studiert, der soll sich doch bitte verwirklichen und in die große, weite Welt streben, anstatt dahin, wo er vorher schon 12 Jahre verbracht hat: an die Schule. Das ist doch wie einen Schritt vor und zwei zurück zu gehen.

 

Sobald die Lehramtsstudentinnen Lehrerinnen sind, denkt komischerweise keiner mehr darüber nach, dass sie mal Lehramtsstudentinnen waren. Denn Lehrerinnen braucht das Land und manche machen halt wirklich gern was mit Menschen respektive Kindern, ohne Musterschere, aber mit Motivation. Dann geben sie den Staffelstab des leichten Ziels an die nächste Generation weiter, deren Vertreter an der Uni neben Jura- und BWL-Studenten als Prügelknaben herhalten müssen. Beziehungsweise als Prügelmädchen.

 

Nadja Schlüter, 26, hat ihre Jugendjahre mit Lars Weisbrod in der »Trivial Pursuit Jugend Westerwald« verbracht und wurde dann Autorin für Lesebühnen, jetzt.de und die Süddeutsche Zeitung, um aufzuschreiben, was sie dabei alles gelernt hat. Zum Beispiel, welche offenen Türen man besonders gut einrennen kann. Darüber schreibt sie nun im Wechsel mit Lars in dieser Kolumne.