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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

No More Wig For Ohio

Odd Nosdam

Anticon hat viele Freunde gewonnen in letzter Zeit. Was nicht so sehr verwundert: Die Musik von Sole, Del, Dose One und Mayonnaise, die halluzinogenen Exkursionen Clouddeads, die düsteren Poems eines Sage Francis und die wahnsinnig gewordenen Indietronic-Läsionen Boom Bips behaupten nach wie vor ihr
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Anticon hat viele Freunde gewonnen in letzter Zeit. Was nicht so sehr verwundert: Die Musik von Sole, Del, Dose One und Mayonnaise, die halluzinogenen Exkursionen Clouddeads, die düsteren Poems eines Sage Francis und die wahnsinnig gewordenen Indietronic-Läsionen Boom Bips behaupten nach wie vor ihre relative Einzigartigkeit im HipHop. Der gleichermaßen von Noise, Art-Rock und Psychedelic beeinflusste Sound des Labels ist vielleicht nicht die Zukunft selbst, aber allemal eine erstaunliche Fortentwicklung von etablierten Gewohnheiten und, gerade weil formal nicht in sich abgeriegelt, immer gut für Überraschungen. Weshalb Anticon-Fans dem je neuesten Outlet mit einer hübschen Portion Neugier entgegenfiebern. Dummerweise erzeugt die alte Tante “Erwartung” die Möglichkeit ihrer Enttäuschung gleich mit. Und siehe: Von Odd Nosdams Album “No More Wig For Ohio” hatte ich mir tatsächlich wesentlich mehr versprochen – schöne Überraschung. Teil #1 der CD ist ein collagenartiger Spaziergang in die Welt der Werbung und die nicht weniger bekloppte amerikanischer Kirchengänger, durchaus skurril in der Wahl der Samples aus Talk- und Radioshows – eine heiter zusammengeschnipselte Session eigentlich und eher etwas zum Schmunzeln denn zum darin Versinken. Teil #2 tauscht diese Stimmung aus, indem Odd Nosdam die Gimmick-Samples durch John-Carpenter-hafte Themen, das heißt: durch besonders dumpfe Düstermelodien ersetzt. Das klingt so banal, wie es sich liest, und erscheint angesichts der wunderbar abseitigen Meskalin-Teppichknüpfereien von Clouddead, zu deren Produzenten auch Nosdam gehört, reichlich unterkomplex. Der Rest von Teil #2 ist mit Teil #1 weitgehend identisch. Und der Rest, das sind die Beats. Die ruckeln und stolpern, was natürlich Absicht ist, nur sollte man die immer gleichen, bewusst fabrizierten Fehler vielleicht nicht auf jedem zweiten Track zur Schau stellen. Ansonsten ist ihnen eine in ihrer Konsequenz fast schon wieder bemerkenswerte Sparsamkeit im Ausdruck eigen – kein Beat, der sich vom anderen hörbar unterschiede. Sie klingen alle gleich: blecherne Auswüchse eines besonders billigen Oldschool-Traums. Auch von Bassfundamenten kann nicht wirklich die Rede sein. Und obwohl es Nosdam möglicherweise exakt darum ging, den Underground in seiner spartanischen Variante humorvoll wieder auferstehen zu lassen – über die Distanz von 55 Minuten ist das einfach nur langweilig. Ein bisschen so wie drei Stunden am Stück Rehe im Zoo gucken.