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Mittelschwerer Albtornado

Obstwiesenfestival

Umsonst & draußen - und dabei wartete das diesjährige Festival auf der Schwäbischen Alb doch mit einigen Hochkarätern auf.
Geschrieben am
19.-21.07.07, Dornstadt bei Ulm.

Die Gemeinde Dornstadt bei Ulm ist nicht gerade eine Keimzelle des Rock 'n' Roll. Seit nunmehr 16 Jahren findet auf der Schwäbischen Alb im Nirgendwo zwischen Stuttgart und München dank der gütigen Erlaubnis des örtlichen Schäfers das Obstwiesenfestival statt, dass sich bis auf einen fast schon symbolischen Obulus für Campen und Parken hartnäckig als "Umsonst & draussen" behauptet hat. In den neunziger Jahren rülpsten dort noch Bands wie "Wurzelsepp" und "Schimmelpils" ins Mikro, heute kann man das Booking von Veranstalter Michael Gugelfuß im Bezug zum ländlichen Umfeld fast schon als elitär bezeichnen. Denn der Auftritt der Ulmer Rock' n' Soul Coverband On Air zur Festivaleröffnung am Donnerstag war tatsächlich der einzige kleine Kniefall vor dem Habitus des Dorfpublikums und schwäbischem Klüngel. Stattdessen karrte der Obstwiesenfestival e.V. mit Tocotronic, Goose, den Hidden Cameras und Naked Lunch formidable Bands auf die Obstwiese, die sonst nur über die A7 und die A8 an Dornstadt vorbeifahren oder mit dem Flugzeug darüber hinwegfliegen. Musikalische Sozialisation zum Preis eines sich jährlich wiederholenden Thrills um den Break even. Aller Ehren wert.

Zu des Pudels Kern, der Musik: Schon die Ulmer Band Nufa spielte am Freitag als Opener auf der Hauptbühne dermaßen guten Deutsch-Rock, dass man sich vornehmen sollte, die Sache mit kostenpflichtigen Downloads demnächst mal auszuprobieren. Kevin Hamann alias ClickClickDecker brachte danach charmant-gekonnt seine Nabelschau 'Nichts für Ungut' mit Band - inklusive Audiolith-Labelchef Lars Lewerenz am Bass - auf die kleinere Bühne des Zirkuszeltes, das am Mittag glücklicherweise noch einem mittelschweren Albtornado standgehalten hatte.

Den Preis für die hübschesten Outfits, aber auch für das schönste Liedgut räumten im Anschluss die keyboardenden Waldfeen von Au Revoir Simone aus New York ab, ehe die Hamburger The Dance Inc. mit 'Don't Run To The Suburbs' die Obstwiese erstmals zum Dancefloor umfunktionierten. Nachdem auch Hidden Cameras um einen gut gelaunten Joey Gibb das Publikum zum Hüpfen im Takt der Geige gebracht hatten, folgte mit dem deutsch-englischen Projekt Get Well Soon der Überraschungsknüller des Festivals. Denn das, was Konstantin Gropper aus dem badischen Biberach mit seinem sechsköpfigem Orchester da auf die Bühne brachte, war schlichtweg phänomenale Po(m)pmusik mit ganz großem Referenzkasten. Sozusagen der deutsche Patch 2.0 von Arcade Fire, live nicht minder umwerfend. Das Publikum vom Haldern-Festival darf sich schon mal freuen.Im Vergleich zu diesem tonalen Sommersturm wirkten The Blood Arm eindeutig kurzatmiger und bemühter, da konnte Sänger Nathaniel Fregoso noch so emsig durch den Bühnengraben tänzeln. "I like all the girls and all the girls like me" haben am Ende aber doch alle versöhnlich gesungen, auch wenn auf schwäbischen Campingplätzen in Sachen Singalongs immer noch die Bloodhound Gang zu triumphieren scheint. Goose wurden der Bürde des Freitags-Headliners nicht ganz gerecht, zu steif böllerten die Belgier ihren Dance-Rock in die Menge. Eher ein Kandidat für die Zeltbühne.

Am zweiten Festivaltag waren früh bedrohliche Gewitterwolken aufgezogen, die sich zunächst jedoch ausschließlich im benachbarten Bayern entluden, bevor es pünktlich zu Naked Lunch auch in Dornstadt zu regnen begann. Zuvor war mit den Kilians, Klez.e und Fertig, los! bereits dreimal frische, aufstrebende Popmusik aus Deutschland mit schräg aufwärts gerichteter Daumenstellung durchgewinkt worden, während The Drones aus Australien mit keifendem Brutalo-Bluesrock für offene Münder vor der Zeltbühne sorgten. Der Auftritt von Friska Viljor (Foto) war daraufhin fast schon eine lupenreine Antithese: Ursympathischer, adoleszenter Rumpel-Pop mit mehr als einer Einladung zum Mitsingen. Bravo!

Doch zurück zu Naked Lunch, die bereits beim Obstwiesenfestival 2004 wegen eines heftigen Unwetters unverrichteter Dinge abreisen mussten. Die Klagenfurter, die ihr Schaffen auf Konzertlänge mittlerweile zu einem dynamischen Gesamtkunstwerk gerafft haben, überzeugten trotz Soundproblemen und niederprasselndem Regen mit Beerdigungspop, der selbst eine Hymne wie 'Military Of The Heart' nur ganz beiläufig auszuspucken scheint. Erwartungen bestätigt, im Gegensatz zu Shy Child, die außer einem Mini-Gig im Berliner Club 103 amüsanterweise ausgerechnet auf der Obstwiese, die nun mal so gar nichts von New Rave hat, ihr Deutschlanddebüt gaben. Und irgendwie schafften es die beiden New Yorker auch nicht, das Publikum zu packen. Hier fehlte live eindeutig der Druck, oder sollte man sagen der Produzent? Zum Auftritt von Tocotronic wird wohl das Gästebuch auf der Festival-Homepage mal wieder überquillen vor gegenläufigen Meinungen, jedenfalls kristallisieren sich nach einem extrem rockigen und strammen Set langsam die Live-Favoriten von 'Kapitulation' heraus: 'Mein Ruin', 'Aus meiner Festung', 'Imitationen'. Einzig das fehlende kommunikative Bekenntnis zum Festival und der Örtlichkeit ist Tocotronic etwas anzukreiden, wenn man an das Herzblut der Veranstalter denkt, die am Tag danach mit bloßen Händen den Müll aufsammeln. Und auch im Gästebuch wird fast nur gemeckert: Zu viel Indie, keine Stimmung, zu eintönig. Ich sage: Ganz, ganz toll. Und danke.

.: www.obstwiesenfestival.de :.