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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Stellen, um die es geht

Oasis

2002 traf Thees Uhlmann Oasis zum Interview. Zu unserem 25. Geburtstag heben wir diesen Schatz, der zwar wenig über das damals aktuelle Album verrät, aber trotzdem ein sehr schönes Stück Popgeschichte dokumentiert.
Geschrieben am
Auf der letzten Elliott-Smith-Platte gibt es bei dem Song »Can't Make A Sound« eine Stelle, bevor die Gitarre anfängt zu schrammeln. Smith singt da: »Why should you want any other when you are a world within a world.« Bei dem Song »Picadilly Palare« von Morrissey geht die Lautstärke, der Beat kurz runter, und dann erhebt er seine Stimme: »So why did you cry when you think about Earls Court.« Und in dem Stück »Without Mythologies« singt John K. Samson von den Weakerthans: »True meaning would be dying with you, and though I wanted to, I did not smile. But now I will give up on this wall that we have fought with, never uncover meaning behind our rich words. If I could I would make you a raging river, with angry rapids, supplied with rain, so you could always meander and forever be able to run away.«

Wenn ich könnte, und ich kann, würde ich auf Knien flehen, dass alle diese Stellen hören. Vielleicht sollte ich sie geschnitten ins Netz stellen. Verfügbar machen. Alles kulminiert an diesen Stellen: Das Leben lässt sich an ihnen reduzieren auf die Möglichkeit zu geben und zu nehmen. Ein Leben nur für sich und die Geliebten scheint greifbar zu werden. Alles scheint Essenz. Und alles scheint möglich! Nein, es ging nie um Party, Radio oder Hintergrund bei unserer Liebe zur Musik. Um alles andere, nur nicht das. Es war immer das Hinarbeiten auf diesen Moment, der in den Liedern passiert, die ich oben exemplarisch aufgeführt habe. Die Trauer um alles. Die Freude wegen eines einzigen Tones. Das Drücken hinter den Augen. Den Kopf um 20° nach oben recken, und dazu Kraft brauchen, die Arme leicht nach außen anwinkeln und in sich »C'mon, C'mon, C'mon« schreien.

Überall Kristall

Oasis sind Meister im Herstellen, Komponieren, Erschaffen dieser Stellen. Ich könnte 20 Stellen aufschreiben, die für mich dieses Verlangen, dieses Wollen ausdrücken. Ich hab' mir Lieder von ihnen vier Mal hintereinander angehört und hatte immer noch nicht genug. Ich musste sie noch mal hören, um zu verarbeiten, zu verstehen, wie sich die Lieder und ich gegenseitig begehren. Nach meiner »Faust-Panther-Halligalli«-Lesung (auf der »3 Fäuste für die Panther«-Tour zusammen mit Linus Volkmann und Thomas Venker) vor 50 Oi-Skins in der Münsteraner Luna Bar knieten mein Freund Hanno und ich in seinem schicken Appartement vorm Plattenspieler und rissen die Nadel immer wieder nach oben und setzten sie zehn Sekunden zurück: »I met my maker and I made him cry!« Und wieder. Und noch mal.

Wir schrien uns gegenseitig vor Freude an. Diese Momente, die Volkmann für uns, wegen Adrenalin und Bier kaum noch hörbar, so beschrieb: »Du sitzt mit Freunden zu Hause, trinkst Unmengen von Alkohol und legst in unlauterer Lautstärke deine Musik auf. Denkst nur noch ohne Tu-Wörter Fetzen wie ›Wir, hier, jetzt, geil, Abfahrt, mehr!‹ und singst mit, schüttelst deine kleine Faust in der Luft. Du freust dich über eine in Exzellenz gesungene Silbe, einen Gitarrenakkord. Du putschst dich auf und schreist und hast ›in echt‹ auf zehn Quadratmetern das Gefühl, das sich Techno-Typen auf Raves vorgaukeln. Dann verlässt du das Haus, weil man immer und überall einem Ausgehzwang unterliegt und sich mit B-Freunden in Kneipen verabredet hat und sie nicht enttäuschen mag. Und dann kommt der Absturz. Keine Euphorie mehr! Keine Fäuste, kein Adrenalin! Der Zusammenprall mit den Menschen, die man eigentlich nicht in seiner ›Freizeit‹ treffen will, weil man sie die ganze Zeit um sich hat. ›Als ihr noch nicht da wart, war es irgendwie geiler!‹ ist man versucht zu sagen. Und dann diese grauenhafte Musik überall, weil man ja nur zu Hause sein eigener DJ sein kann.«

Weder benenn- noch abschüttelbar

Aus »Hello«: »We live in the shadows and we had the chance and threw it away and it's never gonna be the same cos the years are following by like the rain.« Marcus Wiebusch (Mastermind von Kettcat, Ex-But-Alive und Labelbetreiber von BA Records) umschreibt solche Zeilen als den »Drang zum Licht« ohne Einbeziehung der Chancen, dieses jemals zu erreichen. Wir sind »arm«, wir sind voll, aber wir wissen, was wir brauchen, und wir spüren eine Verantwortung, die wir weder benennen noch abschütteln können: Wir können das Verstreichen der Zeit spüren.

Aus »Gas Panic«: »Cos my family don't seem so familiar and my enemies all know my name.« Besser kann man diesen ganze Familien-Neurosen-Quatsch, den man mit sich rumträgt, diese ständige Präsenz der Erzeuger im Hinterkopf, die einen so mürbe macht, nicht in einer Zeile zusammenfassen. Eine andere Band hat es in genau der gleichen umschreibenden Schönheit in dieser anderen, von mir und euch erlernten Sprache so ausgedrückt: »Im Treppenhaus kommt mein Vater mir entgegen, hat den Heimweg angetreten [...] Letzte Nacht meinte meine Mutter, sie sei so müde und erledigt« (aus »Pro Familia« von Blumfeld).
Schönes Ding, die beiden Bands zusammenzubringen, Uhlmann. Es war ca. vor zwei Jahren, als wir mit unserer Band Tomte im Proberaum waren und unser Schlagzeuger Timo Bodenstein den zu übenden Song einfach unterbrach. Er hörte einfach auf zu spielen und setzte sein »Jetzt kommt eine meiner vier ernsten Fragen in einem Jahr«-Gesicht auf. Er fragte: »Thees, wie hoch schätzt du die Chance ein, dass du einen der Gallaghers in den nächsten Jahren kennenlernst.« Ich erwiderte: »110«. Ich wusste, dass ich recht haben würde. Ich bin so ziemlich damit gesegnet, dass alles eintritt, was ich mir wünsche, erhoffe, erleben will. Das soll sich beileibe nicht vermessen anhören, und es soll noch weniger so gemeint sein. Das sind Dinge, über die man nachdenkt, und sie machen einem genau soviel Angst wie Freude. Zuversichtlicher wird man dadurch übrigens auch nicht. Man fühlt sich nur erwachsen, wenn man über so etwas offensiv nachdenken kann. Which is good.

Schreien sie, wenn ihre Lieblingsfussballmannschaft Tore schießt?

Ich war zu Hause, zu einem meiner seltenen, aber doch regelmäßigen Besuche bei meinem Vater, als mich der Anruf des Promoters erreichte: »Thees? Sitzt du?« Ich trank gerade Schwarztee mit Vater, da sitzt man immer. »Du fliegst nach London und interviewst Liam Gallagher.« Schreien Sie, wenn Ihre Lieblingsfußballmannschaft Tore schießt? Sogar mein Vater wusste, dass das nichts Alltägliches war, und besaß auch die Fähigkeit, es in Worte zu fassen: »Ich war wohl gerade bei einer großen Sache dabei, was?«

War er, und ist er – und wenn es nur das Leben ist. Ich wurde jedenfalls eingeflogen. Aufgrund der Sache, dass alle immer mehr Geld verdienen wollen, und das meistens in New York oder London getan wird, ist der Himmel über diesen Städten voll von Flugzeugen. Ich komme so in den Genuss, drei extra Runden über dem Stadtgebiet zu drehen. Hat seine Vorteile, primär die verschiedenen Fußballstadien, die man von hier oben sehen kann. »Heiß«, kickt es mir durch den Kopf, »hier sind fünf Derbys oder so pro Saison.« Ich versuche auszuloten, durch welche Straßen Olli Koch (ebenfalls ein Member of Tomte) und ich im Oktober gegangen sind, als wir zum Oasis-Konzert (zehn Jahre und so) in London weilten. In the time of my love. Meine Ohren schmerzen – so wie immer, wenn ich mit nassen Haaren aus dem Haus gehe oder eben in Flugzeugen versuche, die Alternation zu verarbeiten. Es pikt links, und ich versuche, die Hörknochen mit geschickten Handkniffen wieder einzurenken, was sicherlich verdammt dämlich aussieht.

Endlich in der Innenstadt angekommen, fahre ich per Tube zur Baker Street und suche die Straße, in der das Büro des Ingnition-Managements liegt. Selbiges betreut die Gallagher-Brüder. Freunde klären mich nach meiner Rückkehr auf, dass die Baker Street die Station sei, an der auch Madame Tussaud ihren Pavillon stehen habe. Ich hasse Wachsfiguren-Kabinette. Trashkultur in Formvollendung. Das ist wie ein Museum, in dem nur mittelmäßige Bilder von untalentierten Künstlern aufgehängt sind. Danach noch in den »London Dungeon« und sich dann back again in Pirmasens bourgeoise Hochkultur vorgaukeln. »Man muss sich eine Stadt erlaufen«, lauten Sätze von Menschen, die so was machen.

Das kriegst du, wenn du mit dem Intro pennst

Zeit totschlagen, immer gern gemacht. Das Büro liegt in einem relativ wohlgenährten Londoner Bezirk. Hier werden die Parks noch verschlossen, und man braucht die geeigneten Schlüssel, um sich zu erholen. Ich muss kaum erwähnen, dass ich keinen mit mir hatte, also versuche ich, irgendwo etwas zu essen, kaufe eine Batterie für das Mikrofon und hole mir die aktuelle Ausgabe des NME, die mit der tollen Headline: »That's what you get for sleeping with the enemy« (aus »My Big Mouth« von Oasis). Na, verstanden? Enemy wird zu NME? Und dank des verschlossenen Parks suche ich nach einem Platz zum Bleiben, zum Durchgehen, zum Vorbereiten. Ich habe Angst. Ich wäre nicht der erste, der durch das Kennenlernen seiner Chefs nie mehr mit demselben unverkrampften Enthusiasmus die Lieder hören konnte, wenn er von diesen nicht wahrgenommen wurde. Wenn man nicht erkannt wird, für das, was man getan hat: einen Teil seines Lebens einer Band verschrieben, seine Gedanken mit ihr geteilt, sie mehr als so manchen Menschen geliebt zu haben.

Neben mir hält ein Taxi in zehn Meter Entfernung. Liam Gallagher steigt aus. Und ich fühle mich wie nach der ersten Kneipen-Schlägerei, die ich hatte und in deren Verlauf Marcus Wiebusch (genau selbiger von weiter oben in diesem Beitrag) einen 190 cm großen Proll die Wand hochdrückte, wie man es aus Bud-Spencer-Filmen kennt. Die Knie zittern. Ich verlerne mit einem Schlag 40 Prozent meiner Englischkenntnisse. Und was macht Liam? Er steigt aus, schnippt eine Zigarette beiseite und geht, wie er geht – so wie ich es auch geübt habe. Aus Witz. Als Form der Respektzollung. Natürlich ist es lächerlich, den Gang von jemanden zu imitieren. Es sieht vor allen Dingen geschrieben noch lächerlicher aus. Aber wenn Sie mich in schlechter Laune vorfinden, werden Sie wissen, warum ich so gehe.

Dümmlich nachgemacht, aber in vollster Überzeugung sich lächerlich gemacht: I wanna be a Panzer – aber ohne Waffen nach vorne raus. Mir ist es egal. Redet auf einer Vernissage mit Westbam, erzählt mir, dass Rammstein nette Jungs sind, geht zum Black-Heart-Prince-Billy-Konzert. Es ist mir einfach egal, was ihr gut findet und was ihr jemals gut finden werdet. In diesem Augenblick geht eine Reise zu Ende. Eine aufregende, schmutzige, wilde Reise, die alles überragt, was der gesamtdeutsche Abi-Jahrgang 2002 auf Interrail dieses Jahr erleben wird. Wenn es um Liebe geht, dann gibt es keine Argumente. Und wenn du die Freundin deines Freundes hässlich und uncool findest... Mich hat das immer angestachelt. Habe alles im Kopf, wie einen Film. Habe mein Bündel Liebe geschnürt. Es ist größer als deins, und wenn du versuchst, es anzupacken, musst du mit den Konsequenzen leben.


Belfast – Hamburg – London

Gallagher mustert mich und kommt näher. Ist es im Endeffekt doch so wie 1993, als ich alleine die Straßen von Belfast, Nordirland durchschritt und aufgrund meines SNFU-T-Shirts ein paar Punks vor dem Rathaus kennenlernte und sie mich einluden, für einige Tage zu bleiben? Nur, weil unsere Koordinatensysteme zu 80 Prozent übereinstimmten. Ich sage: »Werde dich nachher interviewen!« Liam antwortet: »That's cool. Where you are from? Ah! How is Germany?«

Ich hatte mich im Vorfeld für Geschenke, aber keine Autogramme holen entschieden. Dementsprechend packe ich vor dem Büro meine Starclub-Hamburg-Tasche und zwei Astra aus. Mir reicht das als Geste. Das Interview findet in einem Pub neben dem Ignition-Management-Gebäude statt. Gallagher bestellt ein Bier. Dankbar, da nehme ich doch auch eins. 11.30 Uhr, egal. Im Endeffekt habe ich leider so wenig mit der Gesellschaft zu tun, dass es nun auch egal ist, dass ich nicht wie die anderen um 19.30 Uhr mein Bier trinke.

Vor mir sitzt ein freundlicher, aufgeweckter junger Mann. Gut sieht er aus in seinen stilvollen Klamotten. Das wird ja immer wichtiger in diesen Zeiten, weil keiner mehr aussehen will, als ob er sein Stilbewusstsein von Mutter gelernt habe. Gallagher nimmt mir das Interview aus der Hand, weil er merkt, dass ich, nun ja, fertig bin. Zu viel kulminiert hier. Der Auftritt beim Immergut-Festival im letzten Jahr, nach dem ich meine Gitarre in das Gras schmiss, weil ich sie hasste, weil sie mich an einen Punkt führte, den ich nicht mehr in der Lage war, zu kontrollieren. Den ich so früh nicht erwartet hatte und für den ich nicht bereit war. Ich wurde zu weit in die Welt aus Anerkennung und Geben gestoßen. Genau dieser Moment und das Interview mit Liam Gallagher finden hier zueinander.

Interview Im Schnelldurchlauf

Ich frage ihn, ob er schon überlegt hat, das Land zu verlassen aufgrund seines Status' und der dadurch verursachten Pressetumulte. »Nein, ich meine, hier bin ich aufgewachsen und sehe es nicht ein, denen einen Gefallen zu tun und nach irgendwo zu ziehen. Ich bleibe hier, weil hier meine Freunde und meine Familie sind. Und verdammt noch mal, ich bin Engländer und möchte hier wohnen. Wenn du mich direkt auf die NME-Story ansprichst ... [Zur Erklärung: In der damals aktuellen NME-Ausgabe ist eine Meldung mit der Überschrift ›Liam's back on booze again.‹ Darüber findet sich ein Foto, wie er mit einem 2,50 großen Bouncer rangelt - daraufhin meldeten sich ominöse ›friends of the band‹ beim NME, die zu Protokoll gaben, wo und wieviel Gallagher vorher getrunken habe.) Also, ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber wenn ich ausgehe mit meiner Dame, und das mache ich in der Situation, in der ich lebe, wirklich schon nicht mehr so häufig, wie ich eigentlich will, dann bin ich auch ich. Und wenn jemand deine Frau anpackt, dann hat der ein blaues Auge. Auch wenn du getötet wirst, der Typ hat was hängen.« Darauf kann man sich einigen, oder?

Und ihn einfach weiterreden lassen: »Natürlich willst du, wenn du eine Platte machst, damit auf eins gehen. Aber mir ist das egaler geworden. Ich weiß, dass unsere Platte gut ist. Aber wenn die Leute es nicht hören wollen, ist das ihre Entscheidung. Ich glaube, dieses Ding heißt Demokratie oder so.« Mancunian Humor! Und ehrliche Worte zu den Kollegen dann draußen: »Ich mag dieses ganze neue Zeug schon, aber ich glaube, dass wir die Ehrlichsten, die Normalsten sind. Ich finde die Hives schon wirklich gut, aber was wird passieren, wenn sie ihre Anzüge ausziehen, dann wird die Band wahrscheinlich tot sein. Was traurig ist, denn es muss nicht so sein.« Kennen Sie meine Theorie, dass Rockmusik ein Elitecollege ist, in dem man fünfmal so schnell lernt wie an einer normalen Schule, zum Beispiel dem Gymnasium Warstade? Egal. Und dann doch der charmante Wahnsinn: »Ich bin immer noch der Überzeugung, dass wir zur Zeit - gerade mit den neueren Bandmitgliedern - die besten Lead- und Rhythmus-Gitarristen, den besten Schlagzeuger, den besten Bassisten und den .. talentiertesten Sänger haben. Wenn ich uns höre, und ich kann uns wirklich zuhören, dann ist das einfach meine Meinung.« Und ich weiß, was er meint.

Mario Kart Riot After The Storm

In dem von Paulo Hewitt veröffentlichten Tourtagebuch zu der »Be Here Now«-Tour von Oasis gibt es eine Passage, in der Liam Gallagher Bobby Brown in Florida trifft. Brown zu Gallagher: »I am your nigger and you are my nigger.« Gallagher: »Where I come from we don't use this word.« Angesprochen auf diese so unglaublich charmante Stelle, meint er: »Ich weiß schon, dass die das Wort anders benutzen, aber ich möchte dieses Wort einfach nicht hören. Ich bin weiß, und für mich bedeutet das ›Sklave‹. Es ist ein Wort von ›früher‹. Bobby hat es verstanden. Alles war cool.« Herrgott, werde ich denn nie enttäuscht von dieser Band?

Dann ist notgedrungenerweise irgendwann Schluss. Zumindest fast. Der Promoter flüstert mir ins Ohr: »You've got five minutes left!« Und ich verjage mich in einem Maße, wie ich es mit acht niemals in der Geisterbahn getan habe. Sie lachen über mich. Dann höre ich drei Minuten früher auf und gebe ihm die Hand. Und er bedankt sich.

Zurück zum Flughafen. Nach Hause. Es ist mein Geburtstag. Und ich treffe mich mit Wiebusch und seinem Bruder Lars. Wir spielen »Mario Kart« bis spät in die Nacht. Ich bin ausgelaugt wie nach drei Wochen Tour. The noise, the confusion. Sollte Ihnen dieser Artikel zu wenig Information über die neue Platte bieten, bitte ich Sie, das charmante und informative Interview im Rolling Stone mit den beiden Chefs drauf zu lesen. Ist wirklich gut, gibt's hier aber nicht. Nicht, solange ich hier tippe oder bis ich gefeuert werde.

Die Welt der eigenen Schuld und Depression

Ich traf neulich, nach einem unserer leider regelmäßig notwendigen Benefiz-Konzerte in Hamburg, vor einer Bar einen lieben Freund, der weinend, mit blutenden Fäusten, die er immer weiter gegen die dreckigen Backsteinmauern haute, auf mich zukam und sagte: »Scheiße, Uhlo, ich habe alles zerschissen. Alles, was ich anpacke, zerstöre ich. Diese beschissenen Wichser.« Ich begriff die Größe dieses Augenblicks und wusste, dass jeder, der das nicht kann, niemals mein Freund sein wird. Das sind immer wir, die so zusammenbrechen und aufstehen. Sah niemals andere, die sich so gehen lassen müssen. Wo sind die anderen, die so leben? Sind da welche? Menschen, die kochen? Iss den ganzen Tag nichts. Fang stattdessen um 19.20 an, dir Becks auf den Magen zu kippen. Ich sage nicht, dass das gut ist. Ich sage nur, dass es das Leben interessant macht. Ich erklärte ihm jedenfalls die Welt der eigenen Schuld und Depression, so gut ich konnte und so schnell ich konnte. Ich war exakt 25 Minuten später mit meinem Zusammenbruch dran. Ich erfuhr Trost. Ich stand zwischen Henning, unserem Mischer, und Dennis Becker, als plötzlich Menschen in mein Leben traten, mit denen ich nie gerechnet hatte ... aber das ist ausnahmsweise privat.

Ich spüre eine fast physische Kraft, die ausgeht von den Songs, die mich in den letzten zwei Jahren begleiteten, mich stetig irgendwie hoch hielten und an etwas glauben ließen: nicht an den Erfolg, sondern ans Überleben. Songs, die ich alleine zu Hause voll vor der Anlage hörte und die ich mit 40 anderen auf Partys sang, inklusive Tanzversuch. Wenn Sie das lächerlich finden, dann nehmen Sie das: »Du kannst das doch nur nicht ab, weil du dich generell für nichts mehr begeistern kannst, weil du es verlernt hast! Aber in meinem Körper ist noch ein Funken Leidenschaft. Deswegen lass deinen Mist ruhig bei mir ab. Habe genug Kraft zu stehen.« Und wenn Ihnen das noch nicht reicht, lege ich gerne noch ein Schimpfwort für Männliche diesseits und abseits des sagenden Mundes nach. Die neue Oasis-Platte »Heathen Chemistry« ist übrigens wahnsinnig gut. Die Lieder von Liam gefallen mir bis dato am besten. Haben Sie etwas anderes erwartet?

Die Menschen da draussen

Herzblut wird immer klappen. Wenn eine Stimme sich ernsthaft erhebt, merken das die Menschen, die ich gerne »die Menschen da draußen« nenne, denn sie sind nicht so doof, wie viele denken. Die Leute sind vielleicht nicht »schlauer«, als man denkt, aber sie haben mehr emotionale Intelligenz. Sie können immer noch after all spüren, welches ihre Band ist. Das wirkliche Leben, die Wahl, sich zur Verfügung zu stellen.

Es war immer der Song, immer das helfende Element, das mir bei Oasis gefallen hat. Das Da-Sein für sich und für die Massen. Justin Freshman von Elastica sagte einmal, dass sie nicht genug von der Vorstellung bekommen könne, dass 14jährige zu ihrem Antlitz onanieren. Ich stelle mir vor, dass Oasis nicht genug davon bekommen können vom dem Wissen, dass Hunderte während eines ihrer Songs sagen: »Halte mich für die Dauer der Töne fest. Es ist zu anstrengend ohne dich. Und lass uns glauben, dass wir - am Ende - alt werden, werden.« Das ist übrigens auch noch ein schöner Oasis-Insider gewesen, und ich bin der erste Mensch, der zweimal hintereinander »werden« geschrieben hat - und bei dem es Venker und die Lektorin Tina Engel stehen lassen.

Ich habe mich entschieden, Sachen preiszugeben, Sachen einzugestehen. Und zwar, da ich die Angst in mir hege, dass man es nur durch das »Schwupps, bei mir genau dasselbe« schaffen wird, Sachen, Menschen, Ideen zu bündeln, um diese große sarkastische Langeweile zu bekämpfen, die immer mehr um sich greift. Und wenn es keinen interessiert, so haben doch manche Menschen diesen Weg - vielleicht unbewusst - erkannt. Das Gute ist: Ich kenne einige davon. Zwei davon gehen mit mir immer auf Lesetour, einen traf ich an meinem Geburtstag in London. Ist das jetzt so, wie wenn du Talkshows guckst und beiseite schaust, weil es unerträglich ist, nur jetzt ist es irgendwie geiler? Wenn ja, dann gut. Wenn nicht: Während des Schreibens erreicht mich ein Anruf meiner Mutter: »Oma ist im Krankenhaus.« Mutter hat noch einmal die Blumen gegossen bei ihr. Wer weiß für wen und »Gute Reise«, denke ich leise. Mein Hund legt sich schlafen auf meiner Lederjacke - weil sie nach mir riecht. Man ist dankbar geworden für solche Sachen. Das ist gut so. Es gibt wieder die Chance, sich zu konzentrieren.

Oasis

Heathen Chemistry

Release: 01.07.2002

℗ 2002 Big Brother Recordings Ltd