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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Dig Out Your Soul

Oasis

Dass Oasis nicht nur die Lager spalten, sondern mitunter auch Zähne und Bierflaschen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Daher gleich rein in das Battle um die jüngste Veröffentlichung: Champagne Supernova oder arschkalter Kaffee?
Geschrieben am
Dass Oasis nicht nur die Lager spalten, sondern mitunter auch Zähne und Bierflaschen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Daher gleich rein in das Battle um die jüngste Veröffentlichung: Champagne Supernova oder arschkalter Kaffee?

Pro
"Are you gonna wake up then, yeah? For some real songs?" Es ist ein Sonntagmittag im Juni 1994. Glastonbury. NME-Stage. So oder so ähnlich begrüßt Liam Gallagher mich und 60.000 andere matschverschmierte Indie-Kids. "Shakermaker", "Fade Away", "Digsy's Dinner". Die Kinnlade ist unten. Nichts war wie vorher. Rock'n'Roll zurück und für mich: zum ersten Mal wirklich da. Großartige Zeit. Wie das erste Mal betrunken oder der erste Sex. Man starrte beim Tanzen plötzlich nicht mehr auf seine eigenen Füße, sondern schrie sich gepflegt an, bewarf sich mit Bierdosen und musste nicht mehr Blur und Carter USM gut finden. Es gab noch richtiges Musikfernsehen, keine Klingeltöne, keine Downloads und keinen Informationsoverkill. Es gab nur Oasis, alles andere interessierte nicht. Pure Magie.

Ja, früher war alles besser. Aber nicht ganz. "Dig Out Your Soul" ist das Wurmloch nach 1994. "Bag It Up", und schon bröckelt der Putz von der Decke. Lauter. Meine Nachbarn gehen durch die Hölle. Die Single "The Shock Of The Lightning" lässt mir keine andere Wahl: Ich bin gezwungen, mich augenblicklich mit Schnaps zu übergießen und Luftgitarre zu spielen. Shake your reptile, baby! Es gibt keinen Schwachpunkt, keine Schnulze, kein "Wonderwall". Vier grandiose Songwriter übertreffen sich gegenseitig. Die Stooges sind allgegenwärtig. Search and destroy! Die Platte ist das ultimative Ajax 72. Football total. Rock'n'Roll total. Oder Oasis' "White Album", von dem John Lennon mit einem Sample in "I'm Outta Time" grüßt und Liam in "Ain't Got Nothin'" erklärt, dass er unschuldig an der Wild-West-Schlägerei im Bayrischen Hof gewesen sei. Ja, sicher. Es rockt. Es rockt so wie zuletzt vor 14 Jahren. The 'sis are back! Genau wie 1994 ist es so, als würde schon beim ersten Ton die gesamte Musikszene ausgemistet. Zurück durchs Wurmloch. Coldplay kommen in die grüne Tonne, Pete Doherty in die gelbe. Bitte voll aufdrehen und betrinken. Let's 'ave it, lads!
Hanno Schaaf (der Autor ist wichtige Stütze der Oasis Ultras West)


Contra
Oasis in den Staub zu schreiben ist 2008 keine sonderlich originelle Position. Das Material dazu hat einem die Band in den Jahren seit ihren beiden furiosen ersten Alben selbst schon zur Genüge an die Hand gegeben. Wie fast jede Rockband sind sie mit Vollspeed in das Vakuum gerast, das entsteht, wenn aus den hedonistischen und materiellen Träumen der Working-Class-Rocker Alltag wird, wenn Sturm und Drang gegen das Verwalten des eigenen Status' bzw. Images getauscht wird. Und so erweitern Oasis ihren kanonisierten Katalog, der sich um Songs wie "Live Forever", "Champagne Supernova", "Don't Look Back In Anger", "Supersonic", "Wonderwall" ... spinnt.

Dass Verwalten im Jargon einer Band vor allem Konzerte-Spielen meint, ist dabei ein Vorteil für Oasis: Denn auf der Bühne macht diese Langeweile, die die Band verkörpert, dieser urbritische Mischmasch aus Prollgemeckere, Bier, Amphetaminen und absoluter geistiger Leere (siehe auch die im letzten Jahr erschienene, unglaublich dröge Doku "Don't Slow Me Down") Sinn: Plötzlich ist dieses unprätentiöse Gelangweiltsein, das Liam so schön zu geben weiß, das Sich-gegenseitig-lahm-Finden der Band eine so schöne wie große Geste gegen die übliche Rockbühnen-Inszenierung. In Shorts mit Bier in der Hand auflaufen und den Katalog runterspielen: Mehr Reihenhaus-Mentalität geht nicht - und trotzdem vermitteln Oasis jene Lebensgier, die einen mitnimmt. Ein Mysterium. Diese Platte hingegen kein bisschen. Fast schon tragisch sei ergänzt: Sie tut aber auch nicht weh. Schlicht fühlt sich das so an: Es ist kein Neuzugang zum Best-of-Katalog zu vermelden, dafür gibt es solides Songwriting mit einigen pathetischen Momenten, aber eben keinen Hauch von Träumen, dem Wichtigsten von allem.
Thomas Venker

Oasis "Dig Out Your Soul" (Big Brother / Indigo)

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