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Standing On The Shoulder Of Giants

Oasis

Samstag morgen: Schon auf dem Weg zur U-Bahn, als mir die Postbotin im Treppenhaus das Tape in die Hand drückt. Sofort wieder hoch, Walkman holen. U-Bahn-Fahrt mit Seite 1. Beim vierten Stück fast schon die Gewißheit: ihr 'Weißes Album'. 'Who Feels Love?', der klassische George Harrison-Sitar-Phasen
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Autor: intro.de

Samstag morgen: Schon auf dem Weg zur U-Bahn, als mir die Postbotin im Treppenhaus das Tape in die Hand drückt. Sofort wieder hoch, Walkman holen. U-Bahn-Fahrt mit Seite 1. Beim vierten Stück fast schon die Gewißheit: ihr 'Weißes Album'. 'Who Feels Love?', der klassische George Harrison-Sitar-Phasen-Song. 'Little James' als einziger Rückfall in Zeiten von 'Wonderwall'. Der Rest: hymnische Pop-Psychedelik. Fuzzbox, übersteuerte Hammondorgeln. Das, was ich schon an 'Be Here Now' so mochte, weitergedacht. Samstag mittag: Mit Mike im Citroën, mit 160 nach Winterberg. Noch mal Seite 1. Das großartige, konsequente Intro. Die sensationelle Baßfigur in 'Go Let It Out'. Diskussion über das neue Bandmitglied Andy Bell (Ex-Ride). Raststätte. Seite 2. Zwei Noel-Songs nacheinander. 'Where Did It All Go Wrong?', 'Sunday Morning Call', dieses Oasis-Gefühl, berückend schön. Man denkt, man weiß genau, wie die Melodie weitergeht, aber Gallagher fällt immer noch was Besseres ein. Der Rausschmeißer: 'Roll It Over'. Der 'Champagne Supernova'-Effekt. Am Ende immer episch, jetzt aber mit Pink Floyd-Gitarren. Wir sind von den Socken.
Samstag abend: Privatparty in einem Club in Meschede. Gegen eins wandert das Tape in die Anlage. Diskussion mit Stephan, Mike und Klaus. Stephan und Klaus meinen, 'Champagne Supernova' sei besser als 'Roll It Over'. Mike und ich finden das nicht. Klaus, der vor Urzeiten mit den Gallaghers das dritte (!) Interview in Deutschland geführt hat, 'Definitely Maybe' war gerade im Kasten, sagt: 'Das einzige Mal, daß ich mit der Prognose, daß die Band mal ganz groß wird, wirklich richtig lag.' Er hat recht: eine Band, die über vier Alben ihr ohnehin hohes Niveau immer noch verbessert, ist groß. Das sind Oasis spätestens mit 'Standing On The Shoulder Of Giants' geworden. Ganz groß.

Sascha Ziehn

Zur Zeit steht ein Vox AC-30 in meinem Zimmer. Ein guter Gitarrenverstärker. Ich schalte ihn ein, hänge mir meine tolle elektrische Gitarre um und fühle mich wie Noel. Einige meiner Bekannten nennen den großmäuligen Oasis-Gitarristen 'Nöl'. Darüber kann man aus mehreren Gründen lachen. Wenn Noel at home seinem jüngsten Lendensproß ein neues Liedchen vorspielt, darf er den Gitarrenverstärker nicht wirklich laut drehen. Pssst, Rock'n'Roll und Windeln - die Kombination stinkt mehr als ihre einzelnen Bestandteile. Vier Alben und kein bißchen Einsicht in die Unmöglichkeit, so gut zu sein wie die geistigen Väter. George Harrison haßt sie wie die Pest. Nehmt es als Zeichen! Harrison hat schon mal einer Beatles-Cover-Band 500.000 Pfund geboten, nur damit sie sich auflöst. Der würde sich freuen! 'Standing On The Shoulder Of Giants' ist retrospektive Retrospektive, das Mellotron als Zitat klingt im Falle von 'Go Let It Out' wie der allerletzte Versuch, in eine Hall Of Fame einzutreten, die bereits 1972 geschlossen wurde. Da waren Pink Floyd, The Beatles, Emerson, Lake & Palmer, Hendrix und Led Zeppelin schon drin. Klappe zu, Affe tot. Wie Gallaghers Lyrizismen. Das ewige Besingen neuer Hoffnung nach durchzechten Nächten, wir sind die Besten und du kannst das auch sein, wenn du nur ein wenig Liebe in dir fühlst, der Opener 'Liebemachen in den Büschen' (realistisch wäre 'Drinking And Falling On My Face In The Bushes') und das anbiedernde 'Roll It Over', die Kopie einer eigenen Kopie und die Bitte, sich die Platte noch mal anzuhören. Warum? Nach einem Mal weiß ich alles, Nöl: Ihr seid die 'hardest working band in the world', arbeitet eure Songs in den Orkus der Belanglosigkeit und wirkt anno 2000 so langweilig und altklug, daß ich gar nicht anders kann, als mich heute in der Zukunft zu wähnen. Ihr seid die Nummer Eins und werdet das wieder sein. Aber das war Lou Bega auch. Ich gehe jetzt mal meinen persönlichen Album-Opener produzieren, 'Throwing Up In The Bushes'.