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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Musik als Ausbruch

Nova Heart im Gespräch

Das bevölkerungsreichste Land der Erde glänzt nicht gerade mit erfolgreichen Pop-Exporten. »China war eigentlich sehr einflussreich auf die weltweite Kunst und Kultur – leider ist das schon 1000 Jahre her«, sagt Helen Feng. Mit ihrer 2011 gegründeten Band Nova Heart versucht sie das zu ändern. Christian Schlodder traf sie in Berlin.
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Helen Feng redet schnell. Helen Feng redet viel. Helen Feng hat viel zu sagen. »Ich habe ein großes Mitteilungsbedürfnis, und da mein Umfeld nie genug Geduld aufbrachte, mir zuzuhören, habe ich angefangen, Melodien unter meine Worte zu legen«, sagt sie. Tatsächlich braucht man ihr nur ein Stichwort hinzuwerfen, und sie beginnt mit ihren breiten Ausführungen über chinesische Innenpolitik, Kommunismus, Kapitalismus, Imperialismus, den Orientalismus des 19. Jahrhunderts oder Claude Debussy. Die frühere Moderatorin bei MTV China ist eine kluge und reflektierte Frau, die seit ihrem fünften Lebensjahr Musik macht. »Musik hat mich an einen Punkt geführt, an dem ich meine Sicht auf die Welt und meine Ideen ausdrücken kann. Wenn man so will, ist Musik der Stachel, mit dem ich mein Gift in andere Menschen injizieren kann«, sagt sie ironisch. 

Die Musik des Trios Nova Heart erinnert an frühere Wave-Pop-Bands und lässt jeglichen chinesischen Einfluss vermissen. »Vieles, was die Leute für typisch chinesisch halten, ist nur Fassade. Was wirklich chinesisch war, wurde größtenteils in der Kulturrevolution zerstört.« Während der politischen Kampagne wurden einmalige Kulturgüter ausgelöscht, dem Land sein kulturelles Gedächtnis genommen, etwa 400.000 Menschen, vor allem aus der intellektuellen Oberschicht, getötet. Auch Fengs Familie litt unter den Repressionen der Kulturrevolution, landete am Ende sogar auf der schwarzen Liste. Es gab Verhaftungen, nahezu alle Erinnerungen in Form von Fotos und Büchern wurden vernichtet. Feng vergleicht ihre Familiengeschichte daher auch mit dem aktuellen Zustand der chinesischen Musikszene: »Es ist wie ein Haus voller Erinnerungen, das man in den Flammen verliert. Man kann immer wieder in der Asche wühlen und wird trotzdem nichts finden. Um etwas zu erschaffen, hat man also nur die Wahl, die Asche zusammenzutragen oder den Blick nach außen zu richten. Gerade macht die chinesische Kunstszene diesen Prozess durch. Sie sucht nach ihrer Seele in einem bis auf die Grundmauern niedergebrannten Haus.«
Das Land tritt allmählich aus der Asche seiner Fehler der Vergangenheit. Helen Feng beziehungsweise Nova Heart stehen bereits an der Speerspitze einer neuen Independent-Kultur, die ihre Zentren in Peking und Shanghai hat. Mit ihrem gerade erschienenen selbstbetitelten Album wollen die drei nun heraus aus der Untergrundnische. Die Zeichen stehen gut, dass sie bald mehr als nur ein Geheimtipp sein könnten. Im Juni waren sie bereits auf dem Glastonbury zu Gast, im Oktober stellen sie sich dem deutschen Publikum vor, begleitet von Shao Yanpeng alias Dead J, einem der spannendsten Electro-Künstler Chinas. Helen Fengs Pläne sind aber noch größer: »Ich möchte etwas Einzigartiges schaffen. Etwas, das Jahrhunderte überdauert. Etwas, das die Grenzen ein wenig verschiebt. Etwas Intelligentes, ohne dabei blind dem dummen Ziel ewigen Ruhms hinterherzujagen. Ich möchte mit meiner Musik ausbrechen.«

Nova Heart »Nova Heart« (Staatsakt / Universal / VÖ 02.10.15)

Nova Heart

Nova Heart

Release: 02.10.2015

℗ 2015 Staatsakt.