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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lass uns nicht von Liebe singen

Noga Erez im Gespräch

Die Newcomerin Noga Erez macht in ihren Texten auf die weltweiten politischen Zustände aufmerksam – ob es um Machtmissbrauch oder die Gleichstellung der Frau geht. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Ori Rousso unterlegt sie ihre Aussagen mit treibenden Beats.
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Wie im Interview so auch in ihrer Kunst: Noga Erez steckt voller Power. Selbst schwierige Themen wie »despotische Erbdynastien« verpackt sie in treibende Beats und Bilderfluten, die ein krasses Pendant zur philosophischen Abhandlung in einer Politrunde bilden. »Viele Leute schauen nicht in die Zeitung, weil sie einfach nicht lesen wollen, was in Syrien oder Gaza passiert. Aber sie wollen unterhalten werden. Wenn sie also über Entertainment von diesen Themen hören, ist das doch eine großartige Sache.«

Die 27-Jährige wird nicht müde, über die politischen Ungerechtigkeiten der Welt zu sprechen. Über Machtmissbrauch und vererbte Machtstrukturen zum Beispiel, wie in ihrem aktuellen Video zum Song »Toy«. »Natürlich ist Israel von Staaten umringt, in denen es viel extremer zugeht. Aber die gesamte Welt gibt doch nur vor, in einer Demokratie zu leben, selbst in den noch so liberalen Ländern. Politiker schachern ihren Verwandten die besten Jobs zu. So funktioniert es in Israel, in den USA, in Deutschland, überall. Es ist eine Show, an der wir alle teilnehmen.«
Liest man etwas über Noga Erez, steht ihre Herkunft häufig im Fokus. Für sie ist es aber gar nicht wichtig, woher sie kommt. »Viele finden das interessant, weil Israel oft in den Nachrichten vorkommt und dort viel passiert. Natürlich sind meine Songs davon inspiriert, woher ich komme, aber es geht nicht alleine darum. Es geht um die Realität, in der wir alle leben.«

Noga wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, in dem Musik immer ein Thema war, obwohl ihre Eltern beide nicht auf diesem Gebiet tätig sind. »Ich habe Musik von klein auf geliebt.« Sie bekommt früh Gesangsunterricht, lernt Klavier und Percussions. Dass sie heute elektronische Musik macht, ist eher zufällig passiert, denn zunächst studierte sie klassische Komposition in Jerusalem. »Das gab mir das Know-how, verschiedene Instrumente zu arrangieren, und ist die Basis für das, was ich heute tue. Aber ab einem gewissen Punkt wollte ich nicht mehr alles in Noten aufschreiben, sondern das hören, was ich im Kopf habe. Also habe ich angefangen, mit einem Computer zu arbeiten.«

Noga Erez’ Sound erinnert oft an M.I.A. oder FKA Twigs, sie selbst stellt andere Künstler in ihrer Einfluss-Liste weiter nach vorne: »Ich werde oft mit den beiden verglichen, weil sie auch weibliche Künstler mit einer Art von Botschaft sind. Ich bin aber eher von Flying Lotus, Kendrick Lamar oder PJ Harvey beeinflusst. Doch ich verstehe den Vergleich zu diesen ›feministischen‹ Künstlerinnen, da ich innerhalb der von Männern dominierten Welt Power zeige. Vielleicht macht mich allein das zu einer Feministin. Ich habe mich nie so gefühlt, als müsste ich für meinen Platz kämpfen. Aber ich denke, das ist eine Sache der Wahrnehmung. Es hat viel damit zu tun, wie wir erzogen sind, denn die meisten Frauen hören ständig, dass sie weniger wert sind, bestimmte Rollen spielen oder manche Sachen nicht machen müssen.«
Gleiche Bezahlung und ein Ende der Gewalt gegen Frauen sind Nogas wichtigste Forderungen an eine emanzipierte Welt. Den Schlüssel dazu sieht sie in der Bildung: »Die Mädchen selbst sind eine wichtige Antwort zu der ganzen Sache. Sie sollten anders erzogen und unterrichtet werden. Und wir Frauen sollten uns gegenseitig helfen, anstatt zu konkurrieren. Wir sollten andere und uns selbst mehr schätzen, bevor wir das von der Welt verlangen können.« 

Auch in ihrer Musik möchte sie Frauen nicht als Opfer darstellen, was vor allem in ihrem Song »Pity« deutlich wird. Dafür hat sie sich von einem medienwirksamen Sexualprozess inspirieren lassen, in dem es darum geht, ob ein im Internet geteiltes Video eine Gruppenvergewaltigung darstellt oder nicht. »Die Frage war immer nur, ob die Frau ihr Einverständnis gegeben hatte oder nicht. Doch selbst wenn sie einverstanden war, wollte sie ganz sicher nicht, dass das Ganze gefilmt wird und dann auf Social-Media-Kanälen und in den Nachrichten landet. Im Song geht es darum, wie du als Frau herumlaufen und all deine weibliche und sexuelle Macht nutzen kannst. Aber manchmal wirst du genau deswegen auch ausgenutzt. Und das ist eine dünne und heikle Linie, die sehr leicht überschritten werden kann.«

Drei Jahre lang haben Noga und ihr musikalischer Partner Ori Rousso am Debütalbum »Off The Radar« gearbeitet. Die Texte entstanden oft aus gemeinsamen Gesprächen. »Wir hatten ursprünglich gar nicht geplant, ein Album zu machen. Doch schließlich hatten wir elf Songs aus ganz unterschiedlichen Genres zusammen – und genau diese Unterschiedlichkeit mögen wir. Trotzdem hatten wir das Gefühl, die Songs mit einer Art Kleber verbinden zu müssen, damit sie alle auf das Album passen. So kamen wir auf die Idee, zusätzlich fünf Interludes einzufügen.«
 
»Off The Radar«, der Titeltrack des Albums, handelt von der Angst, vergessen zu werden und in einer Welt voller Selbstdarstellung anonym zu bleiben. »Natürlich hatten auch unsere Großeltern das Bedürfnis, gesehen und gehört zu werden. Doch durch Social Media erleben wir erstmals diese Dualität im Leben – durch diese Online-Persönlichkeit, bei der wir selbst aussuchen können, welche Momente wir zeigen möchten und welche nicht. Das ist eine sehr verwirrende Art zu leben. Ich bin der schlimmste Typ dieser Generation, denn ich möchte einerseits, dass Menschen meine Musik hören, versuche aber andererseits, nicht von Social Media kontrolliert zu werden. Und ich kann alle anderen nur ermutigen, das auch zu tun.«

Wer sich selbst von Noga Erez überzeugen möchte, hat am 12.08. in Berlin die Gelegenheit. Dann spielt die Künstlerin ein Konzert im Acud Macht Neu. Hier sind alle Infos.

Noga Erez

Off the Radar

Release: 02.06.2017

℗ 2017 City Slang