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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bundesberti und die beiden Annas

Nina Hagen & Meret Becker

Er hat ja schon fragwürdige Dinge transportiert, der Brechtsche Jubelzug, auf den momentan alle aufspringen. Doch während man über Unerfreulichkeiten wie das KONSTANTIN WECKER-Album besser einen ganzen Kleiderschrank des Schweigens hüllt, versprach das Programm mit dem Titel "Wir heißen beide Anna
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Autor: intro.de

Er hat ja schon fragwürdige Dinge transportiert, der Brechtsche Jubelzug, auf den momentan alle aufspringen. Doch während man über Unerfreulichkeiten wie das KONSTANTIN WECKER-Album besser einen ganzen Kleiderschrank des Schweigens hüllt, versprach das Programm mit dem Titel "Wir heißen beide Anna" ein äußerst spannendes zu werden. MERET BECKER, die Ätherische, und NINA HAGEN, die Mutter der Space-Nation, singen Brecht! Und das auch noch im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, in dem Bertolt einst selbst wirkte. Entsprechend hoch war der vorauseilende Kult- und Kulturfaktor.
Am wenigsten beeindruckt davon zeigen sich jedoch die Stars des Abends. Unbekümmertheit, Respektlosigkeit, manchmal gar Anflüge von charmanter Planlosigkeit erhalten den Vorzug vor kniefallenden Hommagen à la UTE LEMPER. Das ist auch richtig bei einem wie Brecht, dem nichts verhaßter war als einlullende Gefühlsduselei. Do the Verfremdungseffekt, Baby: Da schneidet mal die Band um NEUBAUTEN-Gitarrist Alex Hacke der im Abendkleid mit atemberaubenden Ausschnitt auftretenden MERET das Wort ab. Da verwechselt der vorwiegend als Schlagzeuger und Rezitator agierende Hacke schon mal das Geburtsdatum Brechts. Da nimmt sich NINA den alten Sozialisten mal richtig zur Brust und kommentiert die von ihr gesungenen Zeilen mitten im Song: "Mensch Bertolt, wann hast'n das geschrieben? Klingt nach Pariser Commune. Oder doch nach Kreuzberg?" Überhaupt NINA. Die ist in Hochform. Sie konzentriert ihre früher oft anstrengenden exzentrischen Ausfälle auf einige wenige Momente und erreicht damit eine verblüffende Wirkung. Sie ist fantastisch, wenn sie in die Rolle des Gangsters Macheath schlüpft und mit MERET ein Liebesduett singt. Sie stützt sich auf ihre Routine und hält das zusammen, was der spielerischen MERET ansonsten durch die Finger rinnen würde. MERET ihrerseits hat als Dreigroschenoper-Polly ihr großes, mitreißendes Solo. Es folgen stehende Ovationen, ein ganzer Reigen von Zugaben und ein wunderschöner Abschluß: NINA packt eine Spieldose aus, dreht an der Kurbel, und es erschallt die Moritat von Mackie Messer, die MERET auf der singenden Säge begleitet. Wenn man diesen unglaublich oft (Hallo STING!) nachgesungenen Song überhaupt noch interpretieren kann, dann wohl so. Hervorragend!