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Songs From The Velvet Grave

Nilson

Gleich mal Unsympathie-Punkte sammeln: Man solle seine EP doch mal von einem unterbeschäftigten Praktikanten rezensieren lassen, schreibt Nilson auf den Beipackzettel. Dazu gibt es Promogewäsch der übelsten Sorte – ein kurzer Text, der so lange auf den Wörtern „seelische Befindlichkeit“, „schmerzdur
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Gleich mal Unsympathie-Punkte sammeln: Man solle seine EP doch mal von einem unterbeschäftigten Praktikanten rezensieren lassen, schreibt Nilson auf den Beipackzettel. Dazu gibt es Promogewäsch der übelsten Sorte – ein kurzer Text, der so lange auf den Wörtern „seelische Befindlichkeit“, „schmerzdurchrüttelte Post-Adoleszenz“, „Gemüt“ und „Melancholie“ rumreitet, dass man die schick gestaltete CD gar nicht mehr einlegen möchte. Und dann heißt ein Song auch noch „The Hamburg Years“. Damit steht das Bild: ein wehleidiger Hamburger mit leiser Gitarre und wimmernder Stimme – noch einer. Nur hält Nils Hinnerk Schulz alias Nilson (der sonst bei Romy am Mikro steht) in keiner Weise, was man sich da an Vorurteilen zusammengegrantelt hat. Natürlich ist der Grundton der fünf Tracks ein melancholischer, aber statt 08/15-Songwriter-Geklampfe verbindet Nilson gekonnt akustische Gitarrenklänge mit pluckernden Beats, Samples, Chören und Bläsern. Darüber schwebt seine leise, aber feste Stimme, die in keinem Moment zum Wimmern gerät. Den Opener „Winston“ hätte man zum Beispiel problemlos auf die letzte Tunng-CD mogeln können – was hier bitte als höchstes Kompliment gelesen werden soll. Und das gefürchtete „The Hamburg Years“ entpuppt sich gar als rein elektronischer Song, aufgeblasen mit gesampelten Streichern und Chören, die klingen, als hätten seine Gothic-Kumpels sie eingesungen. Das hatte man nicht unbedingt erwartet. Der Ausklang „Take Me Home“ ist dann wieder hohe Songwritingkunst, die einen tatsächlich recht zufrieden und melancholisch zurücklässt. Gute EP also – jetzt bitte auf Albumlänge.