×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

MacGyvers bitteres Album

Nils Frahm im Gespräch

Nils Frahm durfte für sein neues Album »All Melody« in die Vollen greifen: Sein Studio im Funkhaus in Berlin bietet alles, was er je wollte. Dass das aber gar nicht so wichtig ist und was der Protestantismus und MacGyver damit zu tun haben, erzählte er Silvia Silko in ebenjenem Studio.
Geschrieben am
»Nimmt einem irgendwann auch keiner mehr ab, dass Nils Frahm kein geeignetes Studio findet, um ein Album aufzunehmen!« sagt Frahm, zuckt mit den Schultern und zieht an seiner filterlosen Zigarette. Recht hat er. Kann ja nicht sein, dass immer irgendwas ist, was diesem großen Geist Steine in den Schaffensweg legt. Bei »Felt« waren es die geräuschempfindlichen Nachbarn, wegen derer Frahm die Hammerköpfe seines Klaviers mit Filzbelägen versah, wodurch der Sound der Platte einen eigentümlichen Überzug bekam. Das Album war 2011 Frahms Durchbruch. Nur ein Jahr später folgte »Screws«, für das sein gebrochener Daumen titel- und tonangebend war. Es entstand eine sonderbar anmutende Verletzlichkeit der Stücke, die bestens funktioniert. »Solo« wollte der Bitte der Fans folgen, das Gefühl eines Live-Auftritts abzuzeichnen – wenn man Frahm schon mal auf einem seiner Konzerte zugesehen hat, weiß man, dass das eine beinahe unmögliche Aufgabe ist. 

Unmöglichkeiten gibt es für Nils Frahm nicht. Wenn er abends in den Spiegel schaut, sieht er nicht seine eigenen Umrisse, sondern die breiten Schultern und den blondierten Vokuhila MacGyvers. »Man hat einen Riemen, etwas Schnur und eine Zigarette und muss daraus eine Bombe bauen, das ist das Spannende.« Nur dass Frahm keine Bomben aus Schnüren baut, sondern für seine »Explosionen« Instrumente zur Verfügung hat. Das MacGyver’hafte steckt dennoch einfach in ihm – da kann der Laptop mit sämtlichen programmierten Noten kurz vor dem Auftritt ausfallen oder das richtige Instrument nicht in Seattles KEXP-Radiostudio passen, es können Finger brechen oder Nachbarn mit dem Besen gegen die Wände klopfen – Frahm macht aus all dem Nebendarsteller seiner Musik. »Ich mag es, aus beschränkten Mitteln etwas Großes zu schaffen.«


Die elegante Seite der DDR

Was aber passiert, wenn MacGyver plötzlich alles hat, was er braucht? Wenn der unkonventionelle Held mit seinem messerscharfen Verstand nicht mehr das Unmögliche möglich machen muss? Wenn er nicht überlegen muss, wie er aus einem Nagelpflegeset ein Maschinengewehr baut oder wie aus altem Draht ein Elektrofahrrad werden kann? Wird er dann träge? Gelangweilt? Schaut er sich sonntags auf dem Sofa neidisch alte Folgen von »Das A-Team« an und sehnsüchtelt seinen eigenen großen Momenten nach? Vermutlich schon. Nils Frahm hingegen macht diesen Umstand der Grenzenlosigkeit in seinem Studio im Funkhaus Berlin zu einem Sidekick seiner Arbeit.
Seit 2015 gehört das Funkhaus Uwe Fabich, der es glücklicherweise aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst hat. In diesen Räumen, die in den frühen Fünfzigern einzig und allein für den perfekten Klang umgebaut wurden, moderte seit der Wende mehr oder weniger der Stillstand. Vorher wurden hier vier Jahrzehnte lang die Beiträge des gesamten Hörfunks der DDR produziert. Die Blöcke des Gebäudes direkt neben der Spree ragen in immer noch imposanter Klotzigkeit hervor. Im Inneren fühlt man sich in eine schicke Vergangenheit versetzt: Schweres Holz in tiefem Nussbraun, Parkett in Fischgrätenmuster, breite Steinsäulen und großzügige bodentiefe Fenster sind der Beweis dafür, dass die DDR neben Trabis, Honeckers Brille und Spreewaldgurken auch eine elegante Seite hatte. Seit gut zwei Jahren gibt es im Funkhaus Berlin wieder musikalisches Leben und die ambitionierte Ansage des Neubesitzers, aus ebenjenem ein internationales Musikzentrum zu machen. Scheint zu funktionieren: Künstler und Künstlerinnen wie Sting, Bon Iver oder Lisa Hannigan waren bereits vor Ort und haben aufgenommen und/oder auf Festivals gespielt. Es gibt Aufnahmeräume, Ateliers und Studios wie etwa Frahms »Saal3s«.

Nils Frahm wäre nicht Nils Frahm, wenn er das Dasein als Mieter seines Studios im historischen Funkhaus nicht in vollster Konsequenz ausleben würde. Vor eineinhalb Jahren entschied er sich vorerst gegen öffentlichkeitswirksames Auftreten und für den Traum jedes Hornbach-Mitarbeiters: Es wurde renoviert. Frahms Räumlichkeiten wurden sozusagen dem Erdboden gleichgemacht und komplett neu zusammengesetzt. Frahm kennt jedes Kabel beim Vornamen, die Stammbäume seiner Holzregale und hat beim Bau von Orgel und Mischpult selbst Regie geführt.

Zeit für ein richtig bitteres Album

Nach einem Jahr der baumaßnahmlichen Vorbereitungen gab es nichts mehr, was Nils Frahm an der musikalischen Arbeit an »All Melody« hätte stören können. »Es war an der Zeit, sich ein richtig bitteres Album zu geben, für das man hundert Tage an immer denselben Sachen arbeitet.« Im Fokus stehen nur noch der Musiker und seine Melodien, denen er ungestört nachspüren kann. Und was macht Frahm ohne all die Störfaktoren? Stücke komponieren, die Namen tragen wie »The Whole Universe Wants To Be Touched« oder »Fundamental Values« und geschaffen wurden, um das Hier und Jetzt in Frage zu stellen. Lässt man sich auf »All Melody« ein, fühlt man sich sogleich ein wenig von der Welt entrückt. Die Musik klingt wie ein Soundtrack für ein Ballett der Alltäglichkeiten: Passanten, sich im Wind wiegende Bäume, Straßenbahnen und Laternenlichter – sie alle haben auf einmal einen anderen Rhythmus, eine neue Erhabenheit. Die typisch Frahm’sche Absorbierung setzt dabei genauso schnell ein wie auf Frahms Vorgängerwerken. Er baut in alter Manier Klangwelten auf, die einen sofort hineinziehen und den eleganten Spagat zwischen Elektronik, Klassik und Abstraktem vollführen.
Und auch wenn sich auf Nils Frahm so ziemlich alle einigen können, kommt er selbst am besten mit seiner eigenen Konsequenz zurecht. Bereits vor Beginn der Arbeiten an der neuen Scheibe setzte er sich selbst eine Deadline, um sich nicht in den Stücken zu verlieren. »Sonst hört das nie auf! Das ist wie bei einem Stanley-Kubrick-Film: Man ist fertig und weiß, dass man die Sachen eigentlich direkt wieder von vorne aufnehmen könnte.« Die Unmöglichkeit, jemals dem eigenen Anspruch zu genügen, ist für Frahm das, was einen Künstler ausmacht. »Du kannst ja nur besser werden, wenn du permanent unzufrieden bist. Das ist so eine Art Grundvoraussetzung, um etwas Großartiges zu leisten.«

Haltung geht vor!

Nils Frahm zu sein klingt durchaus anstrengend, wenn er am Ende immer unzufrieden ist – Funkhäuser hin oder her. Frahm lenkt ein: »Es geht ja gar nicht um die Zufriedenheit und die Perfektion, sondern um die Haltung, mit der man etwas macht! Ich weiß immer, egal, ob auf der Bühne oder im Studio, dass die Stücke nicht fertig sind, dass sie niemals fertig und noch viel weniger jemals perfekt werden. Aber der Umgang mit dieser Fehlbarkeit ist doch das, was Spannung erzeugt.«  

Aufgrund dieser Haltung, die er sich mit den Jahren erarbeitet hat, fällt es Frahm leichter, mit seiner Kunst umzugehen – und auch damit, wenn diese auf sich warten lässt. »Den ominösen Kuss der Muse kenne ich gar nicht. Ich fände es bescheuert, darauf zu warten, dass ich inspiriert von irgendwas bin. Arbeiten und Musikmachen kann ich eigentlich immer, und wenn es mal nicht so läuft, öle ich halt noch mal ein Stück Holz oder repariere ein Kabel oder so. Mir wird hier nie langweilig.« Handfeste Griffe, Konsequenz und eine selbstkritische Haltung – Nils Frahm nennt sich selbst auch einen »typischen Protestanten«, der genaue moralische Vorstellungen hat, die er auch von seinen Mitmenschen verlangt.
»Man muss auch mal mit den eigenen Kollegen und allen um sich herum vor Gericht gehen. Ich bin beispielsweise wirklich kein Freund davon, dass alle jungen Bands im Zwei-Wochen-Takt neue Musik veröffentlichen, nur um maximale Aufmerksamkeit zu generieren. Wir fahren doch zur Hölle damit, wenn wir immer nur neue Inhalte bekommen und fordern. Dann verarmen wir kulturell.« Frahm ist ein Künstler, der sich eine solche Haltung leisten kann: Er ist etabliert genug, um anderthalb Jahre auf keinem sozialen Medium von sich hören zu lassen – ohne dass ihm seine Fans das übel nähmen. Im Gegenteil: Neuigkeiten von Frahm werden heiß ersehnt, und seine Konzerte sind teilweise längst ausverkauft. Die Zeit nach dem Fertigstellen eines Albums, an dem man so intensiv gearbeitet hat, bezeichnet Frahm als postnatalen Blues. »Aber was soll man machen? Dann trinkt man halt mal drei Wochen zu viel, hängt bisschen durch, und dann widmet man sich wieder neuen Aufgaben.« Gibt ja immer was zu tun!

Nils Frahm

All Melody

Release: 26.01.2018

℗ 2018 Erased Tapes Records Ltd.

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr