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Millencolin war gestern

Nikola Sarcevic

Der Sänger von Millencolin wandelt auf den Pfaden Bob Dylans und macht Musik zum Kuscheln.
Geschrieben am

26.11.06, Köln, Prime Club. Erinnert sich noch jemand an Melodycore? Ihr wisst schon: uffta-uftfa-Schlagzeug und fröhliche Klänge zu eigentlich gar nicht so fröhlichen Texten. Das waren noch Zeiten damals, als wir mit 15 Mann zu Kapellen wie Lagwagon oder Millencolin gepilgert sind, um uns im Circle Pit ordentlich die Rippen von Ellenbogen Gleichgesinnter polieren zu lassen. Aber irgendwie ist man dieser Musik, wie sagt man so schön, entwachsen. Man hört jetzt "anspruchsvolle" Musik, geht zu Singer-Songwriter-Konzerten und die Platten der alten Liebe Melodycore verstauben langsam im Regal. Man wird eben älter.

Die Möglichkeit dieser alten Liebe mal wieder Respekt zu zollen, bot sich im Prime Club: Nikola Sarcevic, seines Zeichens Sänger von Millencolin, präsentierte seinen zweiten Solo-Output, der, wie schon der Vorgänger relativ country-folkig daherkommt. Vorher allerdings eine Geduldsprobe: "The Black Sheep", Kölner Mädchenband und wahrscheinlich die weibliche Antwort auf Tokio Hotel. Sollten die Mädels mit ihrem Set an diesem Sonntagabend jemanden gewonnen haben - spätestens mit der Ansage, man spiele bald als Support für Silbermond, dürfte sich das erledigt haben. Nach gefühlten 8 Stunden Teeniehölle dann endlich Herr Sarcevic nebst Backing Band. Und plötzlich sind sie alle wieder da, die Jungs von damals. Nur eben erwachsen. Wie auch Nikola selbst, der jetzt schöne, traurige Lieder über Liebe und das Älterwerden singt. Wie passend. Die musikalische Marschrichtung prangt bereits auf dem T-Shirt des Gitarristen: "Dylan". Und zwar so richtig echt, mit Mundharmonika und Piano. Entsprechend auch kein circle pit, sondern gemütliches Schunkeln allerorts. Da kann der Millencolin-Jünger auch mal seine Freundin mit nach vorne nehmen, ohne blöd angeschaut zu werden. Überhaupt knutschende und kuschelnde (oder sagt man jetzt gruschelnde?) Pärchen überall. Kein Wunder, schließlich dürfte auf jedem "willst du mit mir gehen"-Mixtape eines Melodycore-Fans ein Song von Sarcevic vertreten sein. Dieser schäkert übrigens gut gelaunt mit dem Publikum, gibt nahezu komplett seine beiden Alben zum Besten und beweist mal ganz nebenbei, dass Sing-Along-Chöre nicht nur bei seiner Hauptband funktionieren. Die Passage "I am a Loser" aus "New Fool" wird vom gesamten Publikum begeistert wiedergegeben. Nikola schafft es, dem sonst etwas kühlen Prime Club eine warme und intime Atmosphäre zu verpassen, was wohl nicht zuletzt am Nostalgie-Effekt liegt. Millencolin-Akustik-Cover gibt es, trotz diverser, laut geäußerter Wünsche allerdings keine. Zweimal lässt sich der nette Herr zu Zugaben zurück auf die Bühne bitten, bevor er sich mit "Ihr müsst doch alle morgen arbeiten und braucht Eure 8 Stunden Schlaf" verabschiedet. Recht hat der Mann, wir sind schließlich erwachsen.