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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

interview von sonja eismann am 27.06.00

Nigo

Ist es eigentlich Absicht, dass sich die Namen von deinem Mode-Label und deiner Platte - "Bathing Ape" fürs Label und "Ape Sounds" jetzt für die CD - überschneiden? Ja. War das quasi ein strategischer Schachzug, weil das Mode-Label in Japan schon so gut eingeführt ist und damit ein höherer Wiedere
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Autor: intro.de

Ist es eigentlich Absicht, dass sich die Namen von deinem Mode-Label und deiner Platte - "Bathing Ape" fürs Label und "Ape Sounds" jetzt für die CD - überschneiden?

Ja.

War das quasi ein strategischer Schachzug, weil das Mode-Label in Japan schon so gut eingeführt ist und damit ein höherer Wiedererkennungswert gegeben ist?

Na ja, das liegt eher daran, dass ich den Film "Escape From The Planet Of The Apes" sehr gerne mag, das war der simple Grund.

Hat dieser Film in der japanischen Popkultur eine besondere Bedeutung? Denn der japanische Musiker Cornelius hat sich ja auch nach einem Affen aus dem Film benannt.

Einen wirklich besonderen Einfluss hat dieser Film auf die japanische Kultur nicht ausgeübt. Dass wir uns beide darauf beziehen, liegt vielleicht auch einfach daran, dass er ein Freund eines Freundes ist und wir einen ähnlichen Geschmack haben, aber eigentlich ist es eher Zufall.

Wie kam die Zusammenarbeit mit den vielen westlichen Musikern wie z. B. mit James Lavelle von Mo'Wax zu Stande?

James Lavelle ist auch ein Freund eines Freundes, und es gab dann da so eine Dynamik, dass er sich für meine Fashion interessierte und ich mich für James' Musik, daraus hat sich die Zusammenarbeit ergeben.

Entwirfst du Mode in der gleichen Weise, wie du Musik entwirfst, bzw. umgekehrt?

Die Ideen kommen nicht wirklich gleichzeitig, aber die beiden Bereiche sind in meinem kreativen Denken sicherlich aneinander gekoppelt.

Welchen Arbeitsbereich übernimmst du bei Musik und Mode, bist du da eher Producer oder nimmst du auch ganz konkret am Prozess teil?

Im Bereich der Mode bin ich als Artdirector tätig, bei der Musik als Producer.

Spielst du auch selbst oder suchst du dir nur die passenden Leute, die deine Ideen ausführen?

Im Bereich Musik habe ich einen Partner, K.U.D.O., mit dem ich ganz eng zusammenarbeite. Bei der Musik wird natürlich ein Großteil über den Computer abgewickelt, aber ich spiele auch Schlagzeug.

Ich habe gelesen, dass du großer Buddy Holly-Fan bist. Wirkt sich das irgendwie auf deine Musik aus?

[lacht] Als ich klein war, habe ich Buddy Holly kennen gelernt, und er war eigentlich der Anlass oder die Initialzündung, dass ich mich danach überhaupt für Musik und Mode interessiert habe.

[Ich sorge in dem kleinen Raum kurz für Erheiterung, als ich in meinem Tran, schon ganz auf die nächste Frage konzentriert, automatisch bei der Dolmetscherin nachhake, ob er Buddy Holly tatsächlich perönlich kennen gelernt habe. Alle lachen erheitert und verwirrt auf, und als ich peinlich berührt realisiere, dass ich gerade sozusagen meinen Fuß in den Mund gesteckt habe, sind wir schon bei der nächsten Frage.]

Das Album ist ja sehr eklektizistisch, was einen nach der Popularisierung japanischer Musik in westlichen Hipsterkreisen nicht mehr überrascht. Man erwartet das ja geradezu, seit man auch hier zu Lande weiß, dass die Tokioter Plattenläden im hippen Viertel Shibuya jede nur jemals im Westen produzierte Platte bereithalten und eigentlich mehr wie Musikmuseen als wie Plattenläden wirken. Wie erklärst du dir diese Entwicklung in der japanischen Popkultur, warum immer diese Rückgriffe auf den Westen, ist das jetzt - paradoxerweise - der typische japanische Style?

[Die Übersetzerin hat einige Probleme, zu erkennen, worauf ich mit meiner Frage hinaus will, und deswegen kriege ich erst mal eine eher kryptische Antwort.]

Ich habe mit meinem Album nicht bewusst was typisch Japanisches gemacht.

Aber typisch japanisch ist ja doch mittlerweile dieser Stilmix aus westlichen Musikgenres wie auf deiner Platte z. B. Indie, Lounge, Dub etc. mit Elementen aus Asia-Pop wie KungFu-Trash, oder wie siehst du das?

Ja, da stimme ich dir zu, Japan ist in diesem Bereich ein quasi grenzenloses Land. Es finden sich in ganz Japan Sachen aus der ganzen Welt, diese Mixtur ist jetzt sehr typisch.

Glaubst du, dass im Gegenzug dieser japanische Style auch den Westen beeinflussen wird?

Ja, in der Zukunft wird dieser Einfluss sicher zunehmen, das ganze Niveau der Musik ist in Japan gestiegen, auch nach westlichen Standards. Daher dringen wohl auch mehr Musiker nach draußen bzw. in den Westen vor.

Sind für dich Mode und Musik wirklich untrennbar?

Ja, das empfinde ich schon so.

Über welches Modul läuft da die Verbindung?

Das ist zu schwer zu beantworten. [Denkt angestrengt nach, schweigt dann.]

Deine Mode soll nicht nur Mode sein, also nur Kleidung, die man sich überzieht, sondern du willst damit auch einen gewissen Lifestyle transportieren, oder?

Ich sehe das so: alles, was man im täglichen Leben so braucht, also z. B. Stühle, Tische, aber auch Musik etc., kann man selbst herstellen, anstatt es zu kaufen. Das ist viel bequemer, und das ist eigentlich das Konzept, das hinter meinem Label steckt.

Aber trotzdem verkaufst du diese Sachen in exklusiven Läden für teures Geld, wie passt das dann mit deiner DIY-Philosophie zusammen?

[lacht] Ich produziere natürlich kleinere Stückzahlen von meinen Kreationen. Ich habe keine Lust, das Gleiche wie viele andere zu tun. Viele Leute, besonders in Japan, möchten auch nicht gerne jemandem auf der Straße begegnen, der oder die das Gleiche trägt - das ist ihnen peinlich. Daher will ich eben nicht überproduzieren, und so kommt es, dass im Endeffekt alles ein bisschen teurer ist. Japaner mögen lieber Teile, die exklusiver sind, und nehmen dafür auch einen höheren Preis in Kauf, wenn es von diesem Ding dann weniger Stücke gibt. "Bathing Ape" ist in Japan sehr gut angekommen, aber ich denke, dass es in Europa vielleicht wirklich anders läuft; wahrscheinlich schauen sich die Leute hier die Produkte gerne und interessiert an, kaufen sie dann aber im Endeffekt nicht.

Wie gut verkauft sich deine Linie?

In Japan ist "Bathing Ape" wie gesagt sehr gut angenommen worden, in Hongkong und Europa, wo es auch schon Shops gibt, bis jetzt etwas weniger gut, aber dort baue ich auch auf die Zukunft.

Wo gibt es "Bathing Ape" bis jetzt?

Mein größter Wunsch im Moment wäre es, nach Frankreich zu expandieren. In England bin ich in einem Shop vertreten, wo meine Sachen gemeinsam mit anderen Marken verkauft werden, aber auf lange Sicht möchte ich lieber allein ausstellen, so wie in Tokio im Busyworkshop. [Er zeigt mir sein Heft mit seinem Stuff, spärlich verteilt in sehr kahlen großen Räumen.] Der Raum und der Leerraum zwischen den Gegenständen ist sehr wichtig. Diese Idee möchte ich in Zukunft auch in England verwirklichen.

Ich habe gehört, dass es eine Zeit lang ziemlich viele "Bathing Ape"-Fälschungen gab. Wie gehst du damit um? Das wirft ja auch die Frage nach dem Konzept der Authentizität auf, da es in der Postmoderne ja bekanntlich eine Krise des Originals gibt - theoretisch. In deiner Musik wird ja auch wild zitiert, wie geht das zusammen?

Es gab eine Weile sehr viele Fälschungen, aber zur Zeit hat sich der Markt dafür etwas beruhigt. Fälschungen auf dem Markt zu sehen ist nicht unbedingt negativ, denn es bedeutet ja, dass das Label von der Öffentlichkeit gut angenommen worden ist. Trotzdem habe ich natürlich auch eine Produktionstechnik entwickelt, die Originale bzw. auch Fälschungen besser erkennbar macht, also besonders gutes Material etc. Was ich produziere, empfinde ich schon alles als Originale. Aber natürlich mag ich in der Musik sehr vieles: HipHop, Reggae, Rock. Ich nehme mir von allem das, was mir am besten gefällt, und mixe es neu zusammen. Das ist dann mein Original.

Deine Läden sind ja sehr exklusiv, teilweise mit Anstehen und Einlass nur für kleine Gruppen. Sind dir denn kleine Strukturen wichtig, lebt da irgendwie die Idee vom Underground?

Ja, das Konzept des Underground ist in meinem Bewusstsein sehr stark.

Aber ich frage mich schon, wo da die Nicht-Kommerzialität, das Billige, selbst Gemachte der Punkideologie bleibt. Wie passt das bei dir zusammen, du hast da ja schon ein richtiges Firmenimperium?

Es gibt bei mir eine klare Trennung zwischen Business und Kreativität. Ich mache immer nur das, was mir gut gefällt, den Rest überlasse ich meiner Firma. Ich habe schon von Anfang an nur das produziert, was mir gefällt. Ich habe z. B. 50 T-Shirts hergestellt und den Großteil an Freunde verschenkt. Den Rest habe ich verkauft. Der Restverkauf wurde aber immer größer, und so ist eben ein Business draus geworden.

Deine Kombination von Mode-Label und Musiktätigkeit erinnert mich ein bisschen an Malcolm McLarens Klamottenladen und seine Managerfunktion für die Sex Pistols. Bist du von diesem Konzept beeinflusst? Du hast ja auch mal in einer Band namens Tokyo Sex Pistols gespielt.

In den 50ern gab es Rockabilly, in den 60ern die Mods, in den 70ern gab es Punk. Die 70er waren für mich überhaupt kein Vorbild. Ich mag Punk als Stil gar nicht, deswegen ist es kein Einfluss.

Aber du hast doch in dieser Punkband gespielt?

Woher hast du das erfahren? [lacht] Es gab diese Band wirklich, der Sänger war ein Freund von mir. Der Schlagzeuger ist oft zu den Proben nicht aufgetaucht, daher bin ich manchmal für ihn eingesprungen. Es war wirklich so eine Coverband.

Ist dir bei deinem Kleidungs-Design die Funktionalität sehr wichtig, und wie stehst du überhaupt zu den großen Designern?

Ich mag Comme Des Garçons sehr gerne, das ist in Japan auch sehr bekannt. Natürlich mag ich auch einige Sachen von den ganz großen Designern. Aber sie sind ja nur Designer, sie haben eine klare Linie in ihren Entwürfen, die sie immer gleich durchziehen. Ich selbst produziere Bekleidung in der Art, wie man eine Zeitschrift herstellt, ich entwerfe Kleidung, so wie man Artikel schreibt.

Wie meinst du das genau?

Ich habe eine Designerschule besucht, habe aber auch einen Kurs im Editionsbereich belegt. Was ich herstelle, kommt aus meinem Inneren. So wie man eine Zeitschrift editiert, wie man verschiedene Artikel zu einem Ganzen zusammenstellt.

Woher bekommst du die Inspiration für deine Kreationen?

[lacht und schweigt zunächst] Von Spielzeugen, Star Wars [lacht], Musik. Ich mag die Beatles und Bilder von ihnen, das bringt mich auf Ideen. Das Styling von The Who inspiriert mich auch zu eigenen Sachen, das schaue ich mir gerne an.

Ist die Tragbarkeit von Kleidung für dich wichtig?

Das ist sehr wichtig. Ich ändere neu entworfene Kleidung selbst, an meinem Körper, und überprüfe so, wie es sich anfühlt. Japanische Design-Riesen korrigieren optisch, nach Augenmaß, aber ich finde es ganz wichtig, die Stücke selbst anzuziehen und sie am Körper auf die richtige Passform zu korrigieren.

Du hast doch früher eine Kolumne namens "Last Orgy 2" geschrieben, in was für einem Magazin war das?

Es gibt eine monatlich erscheinende Zeitschrift über japanische Kultur, die recht bekannt ist und übersetzt so was wie "Schatzinsel" heißt, da habe ich zwei Jahre lang eine monatliche Kolumne gehabt. Bei den Themen gab es keine besondere Vorgabe, ich habe einfach über alles geschrieben, was mir so eingefallen ist und was mir gefallen hat.

Wenn du als DJ arbeitest, in welchem Rahmen legst du dann auf?

Ich lege ungefähr einmal pro Monat in verschieden großen Clubs inner- und außerhalb Tokios auf, größenmäßig rangiert das zwischen 300 und 1000 Leuten. Das geht dann stilistisch von HipHop bis zu Rock.

Ich habe gelesen, du hättest 1993 einen Unfall gehabt und danach deinen Lebensstil zu dem geändert, wie er heute ist, also erst danach angefangen, konkret kreativ zu arbeiten. War das wirklich so ein einschneidendes Erlebnis?

[lacht] Ich hatte gar keinen Unfall! Wahrscheinlich geht es da um einen Freund von mir, der einen Unfall hatte.

Gehst du mit deinem Album auch auf Tour?

Es gibt noch keine fixen Pläne für Europa, aber am Ende des Jahres toure ich jedenfalls sicher in Japan.

Danke für das Interview.

[Zum Abschied, nachdem ich schnell ein verschämtes Andenkenfoto von Nigo geschossen habe, macht er - Klischee, Klischee - ebenfalls ein Foto von mir. Dann schenkt er mir noch einen kleinen gelben Ansteckaffen. "Join the Celeblation", steht hinten auf der Verpackung und: "not for sale".]