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der japanische unkle

Nigo

Denn da ist er nur einer von vielen. Die Liste der Contributors zu “Ape Sounds” liest sich wie eine Allstar-Versammlung von Vertretern möglichst verschiedener Musikrichtungen: Money Mark, Mike D und Ben Lee mischen ebenso mit wie Cornelius, Tycoon Tosh und die Plastics - und das ist nur
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Autor: intro.de

Denn da ist er nur einer von vielen. Die Liste der Contributors zu “Ape Sounds” liest sich wie eine Allstar-Versammlung von Vertretern möglichst verschiedener Musikrichtungen: Money Mark, Mike D und Ben Lee mischen ebenso mit wie Cornelius, Tycoon Tosh und die Plastics - und das ist nur ein Ausschnitt des fetten Billings. Nigo selbst spielt zwar auch Drums, sieht seine Rolle aber mehr als die eines Producers, der wie eine große Klammer alles zusammenhält und die Richtung vorgibt. Als ich wissen will, welchen Part er konkret im Produktionsprozess übernimmt, erklärt er mir zunächst, dass er im Studio einen musikalischen Partner zur Seite habe, K.U.D.O., Produzent von Major Force West, mit dem er eng zusammenarbeite, dann aber fügt er kryptisch hinzu, ein Großteil der Musik werde ja am Computer generiert.
Dies bleibt nicht das einzige Fragezeichen während des Gesprächs, denn meine Detailfragen müssen durch unser Sprachmedium geschickt werden, eine entzückend bemühte, ca. 50-jährige japanische Dolmetscherin, die aber leider ziemlich out of touch mit dem Thema ist und all meine stilistischen Nuancierungen auf Basics wie Rock, Pop und HipHop reduziert. Nigo sitzt bescheiden zusammengesunken am Tisch und versteckt sich hinter einer großen blaugetönten Brille und den Rändern seines Pilzkopfes; meistens antwortet er schlicht mit einem nett zustimmenden “Hai, sou desu ne” (“Ja, so ist es”).
Meine Frage nach seinem Verhältnis zur mittlerweile fast zur Trademark gewordenen japanischen Eklektik, bei uns im Westen ja spätestens seit Matadors Signing von Cornelius (ein Freund eines Freundes, mit dem Nigo seine Vorliebe für den Film “Escape From The Planet Of The Apes” teilt) geschätzt und auf “Ape Sounds” mit einem hiphoppigeren Edge abgefeiert, geht demzufolge erst mal ins Leere: Er habe kein typisch japanisches Album abliefern wollen, erklärt er, aber dann, ja, Japan sei im popkulturellen Bereich ein quasi grenzenloses Land, in dem man Versatzstücke aus der ganzen Welt antreffen könne, die musikalisch verwurstet würden. Auf “Ape Sounds” ergibt das eine heterogene Mixtur aus überdrehtem Asia-Pop mit Bruce Lee- und Jackie Chan-Reminiszenzen und ironischem Kampfgeschrei, indielastigen Down Tempo-Nummern, düster eingefärbten Dope Beats und veritablen Scratchgewittern, um ein paar Rosinchen rauszupicken. Wenn Nigo, schon seit Jahren DJ, ungefähr einmal im Monat vor 300 bis 1000 Leuten auflegt, gehen alle Styles von HipHop über Reggae bis zu Rock ineinander über.
Okay, fehlt da nicht eine Koordinate im Japan-Pop-Puzzle? Was ist mit Nigos Vergangenheit als Schlagzeuger der Coverband Tokyo Sex Pistols? Er lacht verlegen, woher ich denn das wisse, er sei nur manchmal dem Sänger zuliebe für den chronisch absenten Drummer eingesprungen. “In den 50ern gab es Rockabilly, in den 60ern Mods und in den 70ern Punk”, erklärt er umständlich, “und gerade Punk mag ich überhaupt nicht.” Also ist meine Theorie über das Vorbild Malcolm McLaren (ebenso wie Nigo Musik- und Modemann) Essig. Als Inspiration für seine Streetwear-Linie “Bathing Ape”, die mit ihrer schlichten Funktionalität und exklusiven Verkaufsstrategie die japanische In-Crowd für sich gewinnen konnte, schaut er sich gerne Bilder von den Beatles und The Who an. Und natürlich Spielzeug, am liebsten “Star Wars”-Devotionalien. Musik und Mode sind für ihn untrennbar verquickt, und auch das Bewusstsein für Underground sei in beiden Bereichen bei ihm stark ausgeprägt. Da bin ich aber doch neugierig, wie das mit der Verkaufspolitik seiner Modelinie zusammengeht, für die die Leute geduldig vor den unscheinbaren Läden Schlange stehen und gesalzene Preise in Kauf nehmen. “In Japan ist es den Menschen peinlich, wenn sie auf der Straße jemandem begegnen, der das Gleiche trägt wie sie, daher nehmen sie für geringe Stückzahlen auch gerne höhere Preise in Kauf. Und was das Business betrifft, da gibt es eine strikte Trennung: Ich mache das Kreative, das Geschäftliche erledigt die Firma”, erläutert Nigo aufrichtig lächelnd. Zum Abschluss schenkt er mir einen kleinen gelben Ansteckaffen. Auf der Verpackung steht “not for sale”.