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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Viel Zu Deutsch Und Irgendwie Auf Dem Weg

Nicht Mehr Ganz Jung,

Immer diese Reportage-Serie hier, die sich um nicht weniger bemüht, als interessante hiesige, im weitesten Sinne Git-Pop-Bands abzubilden, bevor die Pfade zu jenen asphaltiert und hell erleuchtet sind. Zu ihren Urzeiten konnte man sich mit der Serie tatsächlich noch eine eigene Lampenhaftigkeit anma
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Immer diese Reportage-Serie hier, die sich um nicht weniger bemüht, als interessante hiesige, im weitesten Sinne Git-Pop-Bands abzubilden, bevor die Pfade zu jenen asphaltiert und hell erleuchtet sind. Zu ihren Urzeiten konnte man sich mit der Serie tatsächlich noch eine eigene Lampenhaftigkeit anmaßen – denn deutschsprachige Gitarren-Acts? So was gab’s nur im Toco-Workshop Detmold-Süd, auf Punkkonzerten oder der aktuellen “Tabaluga”-Tour – aber ganz sicher nicht ganz selbstverständlich im Radio. Seit Wir Sind Helden und dem bereits von Ulla Kock am Brink in der “Typisch Deutsch”-Show benutzten unangenehmen Neo-Genre-Begriff “Juli-Silbermond” ist nun aber arg viel Licht an. Doch keine Sorge: In diversen Proberäumen, Jugendzimmern, Auftrittsorten wird man auch weiter und auf ewig nicht die Hand vor Augen sehen. Hier also ein Update für Fans und Deutschlands faulste A&Rs. Überparteilich und mit den Ex-Mini-Pigs und jetzt neuen big playern zuerst.

Madsen

Madsen und ihre momentane Furore – die Video-Rotation zu “Die Perfektion” machte aufmerksam. Bei all dem Brimborium seien aber die herangetragenen Vergleiche das Einzige, was die Jungs nerve. Zu plump: “Ich habe oft gehört, dass man uns mit den Sportfreunden vergleicht. Sportfreunde sind ja eine unheimlich positive Band irgendwie. Und das sind wir überhaupt nicht”, sagt Sebastian Madsen, Sänger und Songschreiber. Im Gespräch mit ihm eröffnet sich eine sehr entspannte Sichtweise auf das eigene Tun, mit lieber Distanz und angemessener Aufregung. Obwohl sie natürlich mitkriegen, was um sie herum geschieht, und darum wissen, dass die aktuelle Welle sicher auch Madsen berührt. Neben Sebastian sind da noch seine zwei Brüder Sascha und Johannes (Schlagzeug, Gitarre) sowie Niko (Bass) und Folli (Orgel). Die beiden Letzteren wurden klassisch in der Musik-AG und beim Rock-Musical aufgetan. Die relative kulturelle Kargheit ihrer Heimat, dem Wendland, sieht man bei Madsen wenig problematisch. Teil einer (Jugend-) Bewegung zu sein war für sie kein dringender Wunsch: “Es gibt hier keine Musikszene oder so. Und das ist ganz gut, man muss sich nirgendwo einreihen. Hätten wir in Hamburg gelebt, hätten wir uns vielleicht zu irgendwas zugehörig gefühlt, hier hat man die Birne eigentlich ganz gut frei.” Der Namenswechsel von Hoerstuatz zu Madsen kam letzten Sommer, eine schlüssige Veränderung ohne Schlüsselerlebnis: “Das war ziemlich natürlich. Bei unserem damaligen Crossover hat sich immer mehr Indierock eingeschlichen. Irgendwann sind wir dann noch mal auf den Namen gestoßen und haben gemerkt, dass er einfach irgendwie nicht mehr so ganz passt.”

Trotz vorheriger schlechter Erfahrungen mit Majors erscheint das selbstbetitelte Debüt mit gutem Gefühl bei Universal. Und so polarisieren sie nun schon vor VÖ die Musikforen dieses Landes. Die geradlinigen Kompositionen und die Unmittelbarkeit der Texte sprechen so was von aus dem Herzen. “Was ich beim Schreiben interessant finde, ist, dass man die Themen zunächst gar nicht klar erkennt. Bei vielen Liedern kann man ja denken, es ginge um Liebe. Und wenn man das Stück zu Ende hört, kommt irgendwann die Auflösung.”

Angesprochen auf die Gespanntheit angesichts des baldigen Releases, meint Sebastian, dass es schon aufregend sei, man in der langjährigen Bandgeschichte aber auch gelernt habe zu warten. “Es ist auch immer noch so, dass einen Monat mal gar nix passiert.”

Astra Kid

“Stereo” heißt die aktuelle Platte von Astra Kid. Die dritte nach fast zehnjährigem Bestehen. Die ominöse dritte Platte, bei der angeblich entschieden wird, wer weiter mitmischt oder in der Versenkung verschwindet. Dem entgegen setzen Astra Kid ein prägnantes Bandmotto: “Unsinkbar” sei man, und so lautet auch der Titel der ersten Single-Auskopplung. “Der Song repräsentiert die Band und die Mentalität, dass es uns egal ist, was kommt, weil wir auf jeden Fall weitermachen”, so Sänger und Gitarrist Stefan “Pele” Götzer. Zusammen mit Bruder Christian, Andre Raschke und Marc Bauman ist er aus Datteln im Ruhrgebiet losgezogen, um über Musik auch mal anderes kennen zu lernen. Initialzündung für die Entscheidung, sein Leben dem deutschsprachigen Indierock mit “Liebe zu den Tönen” (O-Ton Rocco Clein) zu widmen, war Tocotronics “Hamburg Rockt”. “Ich fand es sehr interessant, auf Deutsch zu singen”, obwohl die Präferenzen bei Pavement und Sonic Youth lagen. Das Interesse an dem Umgang mit Sprache ist geblieben. Oder ist es etwa Zufall, dass der Refrain des Openers “Komm An” an Von Bondies “C’mon C’mon” erinnert? Ein linguistischer Kunstgriff, um den NME zu beeindrucken? “Es gibt ja kein Patent auf ‘Komm An’ oder ‘Come On’”, meint Pele. Derartige Sympathie-Haschereien haben die vier auch nicht nötig. Als bodenständige, unkomplizierte Jungs von nebenan werden Astra Kid häufig beschrieben. Doch gerade wegen solcher Verharmlosungen gibt es oft Gegenstimmen: “Entweder werden wir gehasst oder gut gefunden. Aber müssen wir uns in der Öffentlichkeit als Arschlöcher präsentieren, damit die Musik irgendwie gut klingt? Diese Nette-Jungs-Diskussion ...” – er stockt und sucht nach den richtigen Worten. “... geht auf den Sack?” helfe ich. “Ja”, antwortet er. Kann man verstehen.

Bosse

Bosse will nicht etwa Bruce Springsteen den Chefsessel streitig machen. Bosse heißt einfach nur so mit Nachnamen. Hier geht es demnach auch nicht um eine Band, sondern um einen Solokünstler. André Bosse kommt ursprünglich aus Braunschweig, lebt inzwischen aber in Berlin. Mit seiner ersten Band Hyperchild hat er schon als Teenager tief in die Abgründe des Musikbusiness blicken können. Jetzt startet er einen neuen Anlauf. Mit Mitte 20 heißt die Devise: ehrlicher, geradliniger Deutschrock. Bosse weiß genau, wie es sich anfühlt, als reines Produkt vermarktet zu werden, doch damit ist jetzt Schluss. Trotz Deutschpop-Hype und erneutem Majordeal. “Meine Musik kommt nicht von schwedischen Songwritern, sondern direkt aus meiner Feder. Ich nehme das alles sehr ernst und stecke da 100 Prozent drin, das ist mein Leben.” Wenn Bosse einem so gegenübersitzt, kauft man ihm das ab. Der Junge wirkt elektrisiert, raucht eine Kippe nach der anderen, spricht in schnellen, energiegeladenen Sätzen. Kein Gewäsch – hier will sich jemand freischwimmen: “Ich habe das dauernde Bedürfnis, Sachen aufzuschreiben, meine Gitarre in die Hand zu nehmen.” “Ich streck dir meine Kraft entgegen”, singt Bosse in “Kraft”, seiner ersten Single, mit der er das Formatradio inzwischen schon geknackt hat.

Trend

“Es geht nicht darum, punkig aufzutreten. Wir selbst sehen auch null wie Punker aus”, so Boris Koch von Trend. Das Punk-Konzept des Vierers geht anders: Man will sich gefälligst “durch Qualität vom Rest absetzen”. Im Fall Trend funktioniert das auch. Vor allem beim Spiel mit Erwartungshaltungen. Die Homepage besticht durch astreine 80s-Style-Sheets und lässt eher einen NDW-Abklatsch erwarten als schnörkellosen bis schnörkelhaften Punk. Außerdem erscheint neben einem neuen Album im September aktuell eine Single-Serie, deren Cover von befreundeten Künstlern wie Bongout aus Berlin oder einem Street-Art-Kollektiv aus New York gestaltet werden – auch nicht gerade typischste Punk-Manier. Doch genau der haben sich Trend musikalisch kompromisslos verschrieben. Es knarzt, rauscht und eckt an. Auch in textlicher Hinsicht. Auf der 2003er-Platte “Das Produkt” geht’s um die “Thälmann Tombola” oder um einen “Bleifreien Zeitgeist”. Trend spielen mit Schlagwörtern, ohne große Ausführungen über Positionen zu liefern. Die werden beim ersten Hören bereits eh klar. Das hat auch Tim Renner erkannt, der den Titel “Wir Haben Einen Auftrag” als Slogan für sein Motor FM Radio gewählt hat. “Nichts für den Mainstream”, so die FAZ, will Renner machen. Das machen Trend zum Glück auch nicht.

Dorfdisko

Schon nach dem ersten Demo kam bei einem Konzert ein etwas schmieriger Produzent auf Dorfdisko zu und wollte Großes mit ihnen anstellen. Allerdings unter der Prämisse, dass man als Erstes mit einem Cover auf sich aufmerksam macht. Und obwohl Dorfdisko da nicht einwilligten, hatte die Sache ein Gutes: “Wir haben uns dann zusammengesetzt und überlegt, was wir eigentlich wollen”, erklärt Gitarrist Peer Hartnack. Schnell kam man zu dem Entschluss, dass man mit einem Produzenten zusammen arbeiten wollte. “Konkrete Vorstellungen sind das eine, sie dann aber adäquat umzusetzen das andere”, und so entschied man sich bei dem Job recht schnell für Ekimas (Erdmöbel, PeterLicht u. a.). Und dann ging es auch ebenso schnell weiter: Gerade mal ein paar CDs verschickt, und es kam von Motor FM, dem Radioableger des gerade wieder neu auflebenden Motor-Labels, direkt die Anfrage, ob man denn im Radio gespielt werden wolle. Natürlich. Und ein Showcase in Berlin? Gern. Lief gut, Vertrag folgte. Das Ergebnis ist als erste EP erhältlich und schlitterte ganz knapp an den Charts vorbei. Wieder mit Ekimas, mit dem man nun, zusammen bei Motor unter die Haube gekommen, mehr Zeit investieren konnte. Diese Zeit reichte auch für ein komplettes Album, elf Songs, die es dann im Juli geben wird. Und heißt es textlich bei Dorfdisko auch noch “Ich bin unterwegs, doch weiß nicht wohin”, mit einem zaghaft angeschlossenen “Oder doch?”, so kann man sich sicher sein, dass die Richtung klar vorgegeben ist.

Katze

Katzen sind seltsame Tiere. Erst schnurren sie vergnügt um die Beine, und dann feuern sie dir eine mit ihren scharfen Krallen. Bestrafen tut man sie nie dafür, denn sie sind zu niedlich. Ungefähr nach diesem Prinzip funktioniert die Musik von Katze. Dem eifrigen Intro-Leser dürfte das Trio ja zumindest aus den gleichnamigen Comic-Strips bekannt sein. Hier dreht es sich um die in Schwarz-Weiß-Rosa gehaltenen Band-Abenteuer von zwei Katern und einer Katze, die ihren juvenilen Rock’n’Roll-Lifestyle pflegen. In Fleisch und Blut machen sie trocken-melodiösen Garage-Pop inklusive fieser Doppelbödigkeit. Katze existieren schon seit über fünf Jahren, und in dieser Zeit hat sich der Umfang der Band um den Zeichner Klaus Cornfield (ehemals Throw That Beat In The Garbage Can) von Bigband-Dimensionen zum druckvollen Trio-Format komprimiert. Nachdem Cornfield & Co. ein paar Beispiele ihrer simplen, aber raffiniert gestrickten 3-Akkord-Rocker unter der Bürotür von Alfred Hilsberg durchschoben, signte dieser sie umgehend für sein ZickZack-Label. Daraufhin wurde in drei Tagen “Von Hinten” im Berliner Studio Transporterraum eingespielt, ein von Produzent Moses Schneider gut abgestimmter Longplayer mit einigen krachigen und ein paar zärtlichen Nummern, die gut zum Sommer passen. Während Cornfield seinen schnurrigen Gesang mit einem straighten UK-Punkgitarrensound zu kontrapunktieren weiß, liefert Minki Warhol die nötige melodiöse Würze mit einigen liebevoll gewählten Billigkeyboards – aber ganz dezent. Zeitloser dreckiger Pop mit – mal mehr, mal weniger – subtilen deutschen Texten, die nach “selbst erlebt” klingen. Und mit “Punx Not Dead” ist sogar eine richtige Pop-Hymne komplett mit Chor auf der Platte, die Anfang August erscheinen wird.

Und Intro

Musikjournalisten sollen ja bekanntlich zu Architektur tanzen können, aber manche von ihnen machen auch Musik. Deutschsprachige Musik. Dünnes Eis, denn unabhängig von den musikalischen Qualitäten der Autoren kann das im eigenen Heft kaum ins rechte Licht gerückt werden, ohne dass der Presserat “Networking” draufklebt und die Musikpolizei beschwört, dass Eigenlob schlicht unangenehm riecht. Aber was tun? Die Musik ist trotzdem gut. Und wem es noch nicht aufgefallen sein sollte, diese Verflechtungen sind das halbe Leben, und auch die hier vorgestellten Bands haben sich schon mal freundschaftlich verhakt. Im April erschien das Debüt “Für Immer Und Weiter” von Decorder bei Sitzer Records, vor zehn Jahren hätten sie dafür wahrscheinlich noch Signing-Bettelbriefe von nicht nur Hausmusik bekommen. Frühneunziger-Indie-Schule mit vielen offenen Akkorden können andere zwar auch, aber bei Decorder bleiben die Melodien einfach besser hängen. Das hymnische “Anders Als Gestern” kommt jedenfalls auf die Underground-Indie-Hitliste 2005. In einer anderen Ecke des Gitarrenladens tummelt sich das Pawnshop Orchestra – das einzige und damit mindestens weltbeste Ein-Mann-Orchester. Live gerne nackig und intim, nur mit Gitarre und Stimme, aber auch mal zum eigenen Backingtrack den Playback-Sinatra mimend. Im Juni erscheint der Erstling “Vaudeville”, erstmals mit Gästen an Schlagzeug, Klavier, Bass und Gitarren. Die Selbstauskunft “Mischung aus Schlager und Yo La Tengo” sollte reichen, um berechtigte Neugier zu wecken. Wolke, deren Debütalbum “Sušenky” seit März draußen ist, sind nicht weniger als “das Gegenteil von Bloc Party und Maximo Park”. Zwei Mann an Bass/Gesang und Klavier/Beatbox – da muss man schon aufpassen. Vorsicht: zerbrechlich. Aber die Gefahr ist hier eine Tugend, denn Wolke machen eben melancholisch-fragile Popmusik, bei der jede Pause ihr Plätzchen hat und die gerne mal ihr Herz öffnet. Es folgt weiteres Namedropping aus dem Autorenkosmos, die passende Memory-Karte bitte selbst aufdecken: Timid Tiger, Formation Doppelherz 2000, Bronco, Superpunk, Jens Friebe, Nirgendsonst, The Echo, Slut, The Rain, Gloria, Napoli Not Neapel, Bum Kun Cha Youth – plus tausend erfolgreiche, verkrachte und halbverkrachte Musiker, die auch genannt werden könnten. Glück auf.

Und außerdem

Zuhause (www.zuhause-pop.de / aktuelle VÖ “Dinge An Ihrem Platz” Reptiphon) – Hamburger, die schon mehr als nur den einen oder anderen Skeptiker wieder mit dem Genre “deutschsprachiger Indiepop” versöhnt haben.

Freizeit 98 (www.freizeit98.de / “Kommunikation Ein Totes Pferd”) – Aus Waldkraiburg (bei München). Was für liebe Jungs, deren Musik in der Anajo-Ecke fischt. Empfehlenswert und frei anzuhören: “Roboter” auf ihrer Homepage. Die Band ist gerade im Studio von Tobias Siebert (Delbo) und nimmt neue Songs auf.

Klez.e (www.klez-e.de / “Leben Daneben” Loob Musik / Alive) – Apropos Tobias Siebert von Delbo, das hier ist dessen zweite sehr bemerkenswerte Band. Sehr schöner Noise-Pop mit elektronischen Aspekten. Höchstens schon etwas zu lange dabei, um hier als junge Talente durchzugehen. Aber sei’s drum.

Tchi (www.tchi-musik.de / Split-10-Inch mit Grafzahl auf Kontraphon) – Neben den Grätenkindern (Tumbleweed Records) eine weitere Band aus der gerade sehr agilen Braunschweiger Szene.

Peer (www.libudarecords.de.vu / “Lieder, Um Sie Auf Das Ende Eines Mixtapes Zu Machen” Libudarecords) – Die großartige Soloplatte des Mobilé-Chefs Peer Göbel – die wurde vom alten Daniel Decker im letzten Heimspiel noch nicht genug abgefeiert. Außerdem Herausgeber des Soma-Fanzines.

Beatplanet (www.amadis.net/beatplanet.html / “Wer Beatet Mehr?”) – Attraktives Seitenprojekt der Boys von Sofaplanet (die sich mit ihrem Indie-Rummelplatzsex-Hit “Liebficken” so nachhaltig zum One-Off gemacht haben).

Die Autos (www.autos-band.de / “Supermarkt”) – Die Band findet Jens Friebe super, hört man als Referenz auf den Kanälen. Sehr hektisch und wild und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen EA80-Vorläufer.

Und überhaupt

Superleutnant – Pophymnen für alle fordert diese Berliner Band. Schöne kantige Musik, intelligente Texte, über die man sogar ein zweites Mal lachen kann. Dazu noch Romantik wie eine epische Telenovela. In der eingemauerten Stadt bekam die Band schon reichlich Airplay, das Album “Gib Her!” steht diesen Sommer im Laden.

Karpatenhund – Sonnenberg und Walter (Locas In Love u. a.) haben nach drei gespielten Konzerten den Majorvertrag schon so gut wie in der Tasche. Erstes Demo gerade in Arbeit. Sängerin Claire singt vornehmlich über die drei S-Wörter: Sommer, Saufen und Sex.

Planlos – Gelten nicht nur als Toten-Hosen-Aficionados, sondern klingen auch so. Unter Vertrag bei dem Neo-Mäzen und Ex-Hosen-Drummer Kirschwasserkönig Wölli. Sein Supporter-Label für junge deutsche Acts heißt dabei – leicht proto-unangenehm – Neue Zeiten.

Pornophonique – Noch ein blöder Name. Dieser hier lässt Fahrstuhl’n’Kegelabend-Musik erwarten – auf pornophonique.de findet man aber u. a. mit dem Gratis-Song “Sad Robot” einen kapitalen Hit. Läuft in der Redaktion wieder und wieder. Selbstbeschreibung der Band: “Lagerfeuer meets Gameboy.”

Aromatherapie – Ziemliches Demostadium, aber neben derbem Befindlichkeitsgedengel in Moll (Stimmung) und Müll (Sound) klingt es oft angenehm wie die Wiener Band Jugendstil.

Bolzplatz Heroes – Promi-Aspekt und Spiellaune. Einige Mitglieder der Sportfreunde, von Notwist und Cosmic Casino dürften ihre Hauptbands als erste Mannschaft empfinden. Aber um mal ohne Tordruck zu kicken, geht’s raus auf den Bolzplatz. Oder zur Zweitband. RRRocken mit bayrischer Lebensart, auf Englisch und jenseits des Radio-Formats. Echt gut entfesselt.

Sedlmeir – Coole One-Man-Poser-Band. Multilingual Rockabilly-Electro. Platte auf Haute Areal. Hasenheim – Alte Hasen, neue Töne. Der neuen Platte kann man im Online-Tagebuch beim Werden zuschauen. Unter hasenheim-band.de.

EL*KE – Hey, nichts gegen Bands mit Sonderzeichen. Chaos Z meets Tomte. Früher nannte man das Emo-Powerpunk. Heute vielleicht immer noch. “Mein Herz schlägt 180 im Stehen / ich explodiere, explodiere / Adrenalin!” Ziemlich klasse. Platte, “Wilder Westen”, im August. Oiro – Düsseldorfer Veteranen-Biber-Punk. Himmlisch. Muss man kennen.

Witchbanger – “Aus Der Kolonie In Die Upperclass”: kaputter Post-Madheft-Core ohne kausalen Erzählstrang. Dafür übersteuerte Beleidigungen und Unsinn. Schön neurotische Wohnzimmer-Subversion aus Münster.

Locas In Love – Muss ja nicht immer deutsch sein. Teile der Ex-Unser-Kleiner-Dackel-Gang. Inklusive Motto: “Weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß.”
(www.locasinlove.com / “What Matters Is The Poem” Hobby Deluxe / Sitzer Records / Indigo)

Uwik – Knister-Rhythmen, die sich in einem Smiths-Schlagzeug auflösen, dazu elegische weibliche Vocals. Shoegazer-Indie gänzlich ohne Deutsch-Act-Attitüde. Aus Oldenburg und auf Englisch. Auch mal schön. Aktuelles Album auf Schinderwies heißt “Finding”.

Endearment – Nur der Sänger klingt ein bisschen deutsch in seinem Englisch. Sonst eine hochverdichtete melodische Post-HC-Band mit Bezug auf Sunny Day Real Estate, Promise Ring und die Hessen Coach. Album heißt “We Are The Factory”. High Quality Girls – Die 10-Inch “Tribute To Wesley Willis” kommt bei den Hools von Fidel Bastro, klingt aber nicht nach Wesleys Casio-Ovationen, eher nach dem abgehangenen Country-Spirit eines Hermann Halb.

Taxi – Ein Angestellter des Berlin-Torstraße-Kult-Fress’n’Absturz-Ladens White Trash fährt einen Style wie der Bäcker oder Lokomotivführer von Village People und drückt seine selbstgemachte Debüt-CD gleich mit der Rechnung in die Hand. Und, du lieber Himmel, was ein Schatz. Schwer geschmackvoller P!O!P!, wissend und smooth. Irgendwo zwischen Blackbox Recorder und Don Lennon. Mehr zu erfahren unter www.kerosin.org.

Noch mehr Licht

Viel zu entdecken. Auch im Compilation-Sektor. Zu empfehlen:

Diverse “Müssen Alle Mit 3” (Tapete / Indigo) – Der Einfluss von Tapete darauf, dass der künstliche Aufschwung des Genres “Juli-Silbermond” auch eine stabile, schön ornamentierte Indie-Basis besitzt, ist immens. Tapete boten deutschen Acts Shelter, als andernorts nur auf jene geregnet wurde. Der Lohn dafür ist daher jetzt auch gerecht und üppig. Mit Gruppen wie Wolke, Anajo und anderen veröffentlicht man Bands auf dem Sprung nach ganz oben. Die neueste Version von “Müssen Alle Mit” beinhaltet Darlo, Tele, Mon)tag, Hidalgo, Crash Tokyo, JaKönigJa u. v. a.

Diverse “Aufnahmezustand 4” (Zyx) – Als Band-Label zwar nicht so ein dezidierter Supporter der hier betrachteten Szene, aber dafür als Kompilierer ganz nah dran an allem. Zuletzt erschien mit einer Clip-DVD zum Thema ein ziemliches Novum. Zucker und Salz auf Mühlen und Wunden, die das Ende von Viva2 und zurechnungsfähigem Indiemusikfernsehen hinterlassen haben. Wenige Monate später nun schon eine weitere Audio-Folge der Reihe. Doppel-CD mit Trend, Clickclickdecker, Nachlader, Wunder, Die Perlen, Janka, Raketensommer, Die Türen u. v. a.

Texte: Linus Volkmann / Außerdem: Vanessa Romotzky (Madsen), Thomas Markus (Astra Kid, Trend), Daniel Decker (Dorfdisko), Oliver Minck (Bosse), Martin Riemann (Katze, Superleutnant), Walter Benjamin (“und überhaupt”), Klaas Tigelchaar (“und Intro”)