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Alter ist kein Hindernis

New Order im Gespräch

Man hatte sich fast schon damit abgefunden, dass New Order ein paar Konzerte mit ihren totgehörten Hits der letzten 35 Jahre spielen und irgendwann langsam und leise von der Bildfläche verschwinden würden. Mit ihrem zehnten Studioalbum »Music Complete« zeigt die Band allerdings, dass sie auf vielen Ebenen doch noch überraschen kann.
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Der Grafiker Peter Saville hat in der Musikgeschichte etwas Einmaliges geschafft: Im Jahr 1983 hatte er ein Artwork für eine Maxi-Single entworfen, die sich später etwa zehn Millionen Mal verkaufen und ein Meilenstein der elektronischen Musik werden sollte. Allerdings war sein Design derart aufwendig, dass die Platte zu einem finanziellen Desaster wurde. Die Single, um die es geht, heißt »Blue Monday« und ist von New Order. Kürzlich griff Saville wieder zu seinen Zeichenwerkzeugen: Es galt, das Artwork für das zehnte Studioalbum der Briten zu entwerfen. Wenn man vom 2013er »Lost Sirens« absieht, das nur aus Archivaufnahmen besteht, ist es das erste Album seit zehn Jahren.
Dass es dieses Album überhaupt gibt, grenzt an ein kleines Wunder. Nachdem Bassist und Gründungsmitglied Peter Hook die Gruppe 2007 wütend verlassen und eigenmächtig erklärt hatte, dass New Order nun Geschichte seien, gab es nicht mehr viele, die an neue Songs glaubten. »Nicht einmal wir selbst haben gedacht, dass wir jemals wieder ein neues Album aufnehmen«, sagt auch Gillian Gilbert. Seit 2011 ist sie wieder Kern der Band, die sie 1980 zusammen mit Bernard Sumner, Stephen Morris und Peter Hook nach dem Tod von Ian Curtis als Nachfolge von Joy Division gegründet hatte. Vor 2011 legte sie eine zehnjährige Auszeit ein, um sich um ihre beiden Töchter zu kümmern, die sie mit Drummer Stephen Morris hat. »Nur dass wir jetzt zu fünft sind, war anfangs irgendwie merkwürdig für mich«, sagt sie mit einem Lächeln. Neu dabei sind der Bassist Tom Chapman und Keyboarder Phil Cunningham. Die Band hatte im letzten Jahr beim Lollapalooza in Chile für Überraschungen gesorgt: Mit »Singularity« und »Plastic« hatten sie nicht nur zwei unbekannte, sondern auch viel elektronischere Songs präsentiert. »Wir waren einfach wieder so weit, etwas Elektronisches zu machen. Und es ist so erfrischend, zum alten Sound zurückzukehren. Die Musikwelt um uns herum ist sowieso viel elektronischer geworden, deshalb war es auch für uns okay, die Gitarren etwas zurückzufahren und den Kreis für uns zu schließen«, erklärt Gilbert die Rückbesinnung. 
Maßgeblichen Anteil daran hatte auch Tom Rowland von den Chemical Brothers, der bei »Singularity« mitwirkte. Von da an war die Marschrichtung klar: neuer alter Sound. Entstanden ist das Album im Laufe des letzten Jahres zwischen unzähligen Tourstopps auf der ganzen Welt. Nur die Namensfindung war schwieriger als gedacht. »Wir hatten einen Haufen potenzieller Titel. Aber da das zehnte Album für uns eine Art Meilenstein war und das auch der Titel ausdrücken sollte, passte ›Music Complete‹ einfach am besten«, sagt Gilbert. Wenn man allerdings Millionen Tonträger verkauft hat und einst als DIE New-Wave-Band und Pioniere des Electro gefeiert wurde, ist die Erwartungshaltung überall immens. »Es war seltsam, da wir keine Ahnung hatten, wie die Resonanz da draußen sein würde«, sagt Gilbert etwas schüchtern. Und tatsächlich taten sich bereits bei der ersten Single-Auskopplung »Restless« zwei Lager auf: das der neuen alten Fans und das der neuen alten Kritiker. Die Debüt-Single ist eine sichere New-Order-Nummer – nicht weniger, aber leider auch nicht mehr. Dabei zeigt sich »Music Complete« in der Summe durchaus abwechslungsreich und experimentierfreudig und schlägt eine Brücke zwischen den alten und den neuen New Order. »Den Kreis schließen«, diese Formulierung benutzt Gilbert auffällig oft. Im Track »Stray Dog« darf Iggy Pop minutenlang vor sich hin monologisieren, weil er einst Joy Division zum Musikmachen inspirierte.
Auch wenn gerade dieser Track stellvertretend für das insgesamt mäßige Songwriting der Platte stehen könnte, erinnert es eindrucksvoll daran, wie aus ein paar Musikern aus Macclesfield mit etwas Glück und Talent Weltstars werden konnten. Eine seltsame Mischung aus Zufällen und dem allgegenwärtigen Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Ding, die am Ende zu einer großartigen Geschichte namens New Order wurde. Gillian Gilbert erzählt auch heute noch gerne von ihrer Begegnung mit Joy Division und ihrem heutigen Mann Steve: Damals spielte sie in einer kleinen Punkband und suchte nach einem Auftritt eine Mitfahrgelegenheit nach Hause. Die vier damals noch nicht ganz so bekannten Jungs nahmen sie mit. Der Sound, der später die Musikwelt erschütterte, gefiel ihr anfangs gar nicht: »Sie gaben mir eine Platte mit. Ich fand die Songs grausam. Selbst Steve hat sie gehasst, und er war immerhin Teil der Band. Ich erinnere mich noch, wie er über ›Closer‹ sprach. Er regte sich über die Drum Machines auf und hasste nahezu alles daran. Heute findet er es großartig. Doch schon damals lagen Welten zwischen den Aufnahmen und den Live-Auftritten. Joy Division live zu sehen war etwas Besonderes.«
Wenn Gilbert heute von Familien-Gesprächen am Esstisch erzählt, muss sie schmunzeln: »Ja, unsere Kinder hat es anfangs etwas genervt. Da fielen dann des Öfteren Sätze wie: ›Könnt ihr mal über was anderes als New Order reden, Mum!?‹ Doch am Ende haben sie mich ermutigt, zur Band zurückzukehren, und das ist großartig.« Eine Band, die seit 35 Jahren im Geschäft ist, verhandelt früher oder später dennoch die Frage, wie lange man noch relevant für eine sich ständig verändernde Musikwelt sein kann, auch wenn man das mit dem aktuellen, sehnsüchtig erwarteten Album mehr oder weniger unter Beweis stellen konnte. »Wir sind bereits in einer Phase, in der wir uns für vieles zu alt fühlen. Aber dann haben wir einen Auftritt vor einem Haufen junger Leute, die nur wegen der Musik da sind. Da beginnen wir schlagartig zu begreifen, dass Alter gar kein Hindernis darstellen muss.« Es könnte also durchaus sein, dass Peter Saville noch das eine oder andere Cover entwerfen darf – solange seine Designs nicht zu Schnappatmungen bei den Finanzbossen der Labels führen.

– Intro empfiehlt: New Order »Music Complete« (Mute / GoodToGo / VÖ 25.09.15) Auf Tour vom 04. bis 24.11.

New Order

Music Complete

Release: 25.09.2015

℗ 2015 New Order Ltd under exclusive licence to Mute Artists Ltd