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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Waiting For The Sirens’ Call

New Order

War ja klar: Ein zweites "Technique", wie von Online-Nachrichtendiensten in den vergangenen Monaten tapfer daherspekuliert, haben Bernhard Sumner und Kameraden mit ihrem achten Studioalbum freilich nicht abgeliefert. Wie auch? Die Leichtigkeit, mit der das Quartett britisches C-86-Gitarren-Post-Wa
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War ja klar: Ein zweites "Technique", wie von Online-Nachrichtendiensten in den vergangenen Monaten tapfer daherspekuliert, haben Bernhard Sumner und Kameraden mit ihrem achten Studioalbum freilich nicht abgeliefert. Wie auch? Die Leichtigkeit, mit der das Quartett britisches C-86-Gitarren-Post-Wave-Geschrabbel mit verdrogten Balearic-Hedo-Clubsounds aussöhnte und vor nunmehr sechzehn (!) Jahren eines der nachhaltigsten Pop-Alben überhaupt schuf, kann 2005 kaum eine plausible Entsprechung finden und scheint somit unwiederbringlich perdu. Die Hoffnungen auf gewissenhaften (Ex-) Indie-Pop mit unbeschwertem Hi-NRG-Flavour, die mit "Here To Stay", dem in Zusammenarbeit mit den Chemical Brothers entstandenen "24 Hour Party People"-OST-Beitrag, geweckt worden waren, erfüllen sich auf "Waiting For The Sirens' Call" trotz Ankündigung ("Das Album wird zur Hälfte aus Dance-orientierten Sachen und zur Hälfte aus Gitarrenstücken bestehen, weil New-Order-Fans genau das mögen.") kaum. Stattdessen wartet das durch den 29-jährigen Ex-Marion-Gitarristen Phil Cunningham marginal verjüngte Quartett mit grundsolidem New-Order-Gitarren-Rock-Pop auf, der mehrheitlich an die erhabeneren Momente der Alben "Brotherhood" und "Technique" erinnert.

Trotz des vielversprechenden Kompetenzteams Stephen Street (Smiths, Blur), John Leckie (Stone Roses, Muse, Radiohead) und Stuart Price (Madonna, No Doubt) ist derweil vom Einfluss gut gemachter Homosexuellen-Disco, mit der sich die Band stets von ihren Zeitgenossen abgehoben und nicht zuletzt Peter Hooks hochdramatisches Biker-Rock-Posing (wir dachten immer: vorsätzlich) konterkariert hatte, wenig zu spüren. Im Klartext: Kein "Subculture", kein "Bizarre Love Triangle", kein "Round & Round", nicht mal ein lumpiges "World" diesmal. Einzig beim Breitwand-House-Smash "Guilt Is A Useless Emotion" und "I Told You So", das in etwa klingt, als hätte ein betrunkener Ex-Ace-Of-Base-Roadie eine mittelprächtige Tears-For-Fears-B-Seite nachempfunden, verlässt sich die Band ausdrücklich auf ihre Fertigkeiten als Elektro-Sounddesigner mit zweieinhalb Dekaden Berufserfahrung. Hatte sich in der Vergangenheit der spezielle New-Order-Charme nicht unwesentlich in der uneitlen Attitüde manifestiert, dass sich nicht jeder Musiker zwangsweise zu jeder Zeit zur Ausübung seines Instruments verpflichtet fühlte (wir erinnern uns an Drummer Stephen Morris und Bassist Peter Hook, die sich live bei Klassikern wie "Your Silent Face" z. T. linkisch hinters Keyboard bzw. Octapad verkrümelten), so ist jedem Track der Ursprung Jam-Session anzumerken. Es scheint, als habe die Band neben Keyboarderin/Gitarristin Gillian Gilbert die bislang alles dominierende Strenge hinsichtlich konzeptioneller Larger-than-life-Coolness gleich mit verabschiedet. Oder hätte man sich 1987 New-Order-Songtitel wie "Dracula's Castle" oder "Who's Joe" vorstellen können?

Jürgen Dobelmann

Lasst mich mit einer netten kleinen Anekdote rund um das Interview beginnen. Nicht dass sie konkret was mit der Qualität des neuen New-Order-Albums zu tun hätte - sie beschreibt nichts, was nicht auch zum Zeitpunkt des letzten Albums "Ready" gegolten hätte -, und dennoch ruft sie ins Gedächtnis, wie sehr sich die Rahmenbedingungen seit den Tagen der Bandgründung vor 25 Jahren verändert haben. Ohne jetzt in nervende Nostalgie zu verfallen: Dies waren jene Tage, als noch nicht alles mit modernen Begriffen wie Schedule vollgekleistert war, als die Kunst noch jene Luft zur Verfügung hatte, die sie abgrenzte von den normalen Wirtschaftsbereichen. Oder ist es doch nur eine dieser Verklärungen, dass es früher noch ein Happening geworden wäre, wenn beispielsweise New Order, um die es hier ja gehen soll, für einen Tag nach Berlin kommen (wenn sie denn überhaupt damals schon kamen), um über ihr neues Album zu sprechen? Bestimmt nicht.

Gedanken, die nicht von irgendwoher kommen, sondern aus dem Herzen der Berliner Boheme. Unmittelbar nach dem Ende des Interviews mit Bernard Summer und Stephen Morris (für unsere letztmonatige Titelgeschichte) klingelte das Handy. Am anderen Ende Jim Avignon, Popartkünstler und überhaupt ein Tausendsassa. Er fragte - ganz so, wie es nur Künstler untereinander wohl fragen können: "Und was machen New Order heute Abend? Soll man sich treffen?" Es war zu spät für die Frage, Jürgen Dobelmann und ich waren schon draußen auf der Straße, wieder in der Kälte Berlins angekommen, aber das Schedule hatte statt künstlerischen Austausch eh anderes vorgesehen: Die beiden mussten nach Hamburg weiter, wo Bandkollege Peter Hook schon andere Medienpartner bediente.

Es ist (nicht nur, aber auch wegen des gerade Ausgeführten) einfach nicht möglich, ein zweites "Technique" von New Order zu erwarten. Und auch nicht wünschenswert. "Technique" war gerade deshalb damals so geil, weil es nicht vorhersehbar war. Die Band, damals schon etabliert, überraschte, indem sie auf das Ende der von ihnen wesentlich mitgeprägten Post-Punk/New-Wave-Dekade mit einem unvergleichlichen Akt des "sich fallen lassen" in das Neue reagierte. Ein Akt, den man nicht beliebig reproduzieren kann und der wohl nur bis zu einem gewissen Alter (leider) in dieser Intensität möglich ist. Auch in Deutschland konnte man damals sehen, dass viele Anfangdreißiger (Leute wie Wolfgang Voigt oder Jörg Burger - und natürlich auch jede Menge einfacher Tänzer) sich von Acid House mitreißen ließen; doch anders als diese beiden, die den Sound als Absolutes annahmen, brachten New Order die visionäre Leistung mit, schon im Moment selbst den nächsten Schritt zu wagen und die Synthese aus ihrem alten Sound und dem der Stunde zu bringen. (Was die anderen keineswegs in ihrer großartigen Leistung schmälern soll: Voigt und Burger sind mit für das Beste verantwortlich, was aus diesem Land an Musik eigentlich je kam.) Das war schlichtweg sensationell. Konzeptionell als auch im mitreißenden Sound. Ein solch frischer neuer äußerer Einfluss fehlt dieser Tage allerorts. Das Einzige, was sich derzeit vermelden lässt, ist das nostalgische "Zurück zur Gitarre", das uns mittlerweile auch schon zwei Fenstersimse voll schlechter Kopien beschert hat, und das Revival von Post-Punk, das zwar etwas mehr Spaß macht, aber halt bei den meisten auch eher müde wirkt im Vergleich zu den Originalen (wovon derzeit ja all die tollen ReReleases von Labels wie Ze zeugen). Diese Impulse sind in "Ready", erschienen, als die Trends noch nicht ihren Zenit überschritten hatten, eingegangen und haben sicherlich auch mitgeholfen, dass das Album so einen Lauf bekommen konnte; und sie prägen auch "Waiting For The Sirens' Call", stellen aber nicht den Hauch eines externen Paradigmenwechsels wie damals dar - und können somit eben auch keinen internen auslösen. Es stimmt, "Ready" mag auf den ersten Blick mitreißender, euphorischer, ja, auch glücksversprechender gewesen sein, aber auf den zweiten Blick stellt sich dieses Trio Infernale auch bei vielen der neuen Songs ein. "Waiting For The Sirens' Call" zeigt abermals, was für hervorragende Songwriter New Order doch sind: Ihre eingängigen Melodien, scheinbar beliebig produzierbar, so zahlreich sind sie. Man kann ihnen nichts vorwerfen - denn "perfekter Gitarrenpop" (z. B. "Hey Now What You Doing", "Turn" und das Titelstück), das ist eine Zuschreibung, für die die meisten Bands sterben würden, wenn sie auch nur so nahe rankämen wie New Order mit diesem Album. Und weiter geht es mit den ganz kapitalen Smashern des Albums: "Dracula's Castle" beispielsweise. Bestes Stück der Platte (ein elektronischeres im Bandrepertoire, das übrigens sehr an Phantom & Ghost erinnert), geprägt von dieser herzzerreißenden Melancholie, wie sie nur New Order hervorrufen können, diesem kribbeligen Spannungsverhältnis zwischen Listening-Pop und E-/Club-Euphorie. Noch ein weiteres Highlight ist "Guilt Is A Useless Emotion". Nicht nur ein Stück mit einem großartigen Titel, es liefert alles, was guten Elektropop auszeichnet: "I need your love", "I want your love", eben die klassischen Nightlife-Motive, eingebettet in ein sich hochschraubendes Popgewirbel. Und - ja, ja, ja - auch "I Told You So" ist ein ganz großes Stück. Es mag cheap klingen; aber nur, wenn man es bei diesem Eindruck belassen will - denn wenn man sich drauf einlässt, dann nimmt es einen mit, und man kann Happy-Mondays-Momente am Wegesrand erkennen.

Und auch textlich weiß das Album zu überzeugen, von Ausnahmen wie dem banalen "Jetstream", in dem sich Summer wohl von seinem Leben in der Businessclass hat inspirieren lassen (und bei dem passenderweise die Scissor-Sisters-Sängerin Ana Matronic mit dabei ist), mal abgesehen. Leitmotiv ist das Ausloten des Lebens zwischen unendlichem Freiheitsbegriff und dem Erkennen von Grenzen, zwischen dem jugendlichen Sturm&Drang-Gefühl, das einem erzählt, man könne die Welt erobern, und der (leider) mit dem Alter einsetzenden Gewissheit, dass es auch für einen selbst Grenzen gibt und nicht nur für die anderen. So. Ich frage euch: Klingt das, als ob "Waiting For The Sirens' Call" nur durchschnittlich wäre? Ich investiere doch nicht einen halben Tag zum Schreiben einer Spektakel-Kritik, wenn das hier nicht der real shit wäre.