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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Here Are The Old Men

New Order

Dreieinhalb Jahre nach dem geglückten Comeback-Album ›Get Ready‹, das die Band aus Manchester so was von zurück in unsere Playlisten befördert hat (der euphorischen Popenergie von Songs wie ›Crystal‹ oder ›60 M.P.H.‹ konnte und kann sich noch immer niemand entziehen), vermelden Bernhard Sumner (49),
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Dreieinhalb Jahre nach dem geglückten Comeback-Album ›Get Ready‹, das die Band aus Manchester so was von zurück in unsere Playlisten befördert hat (der euphorischen Popenergie von Songs wie ›Crystal‹ oder ›60 M.P.H.‹ konnte und kann sich noch immer niemand entziehen), vermelden Bernhard Sumner (49), Peter Hook (49) und Stephen Morris (47) anlässlich ihres achten Studioalbums den ersten Personalwechsel in 24 Jahren: Mit Bandküken Gillian Gilbert (44) verließ nicht nur das einzige New-Order-Member die Band, das nicht bereits zur Besetzung der legendären Vorgänger-Formation Joy Division gehört hatte, sondern gleichsam das New-Wave-Keyboarderinnen-Role-Model der frühen Achtziger. Obgleich langjährige Fans mit den Tränen ringen, befindet New-Order-Drummer Stephen Morris – immerhin Gillians Ehepartner: »Es gibt Wichtigeres, über das wir uns unterhalten sollten.« Keine Zeit für Gefühlsduselei. Aber hey – der Verlust ermöglicht es immerhin, den Titel eines nie veröffentlichten New-Order-Videos (Katalognummer FAC 237) als Headline zu verwenden, ohne großartig unhöflich zu sein.

Am Anfang von New-Order-Songs steht oft eine Atmosphäre von Laziness und Boredom, später bekommt der Song seine Dynamik, eröffnet dem Hörer Horizonte und zeigt, wie die Welt sein könnte. Ist das Gefühl der Langeweile für dich ein großer Einfluss auf die Musik von New Order?
S: Wie – Langeweile? Man macht das alles doch eigentlich, um von der Langeweile wegzukommen, oder? Songs zu schreiben ist eine kreative Sache und an sich schon sehr befriedigend. Natürlich gibt es langweilige Phasen im Studio, aber eigentlich versucht man ja, der Langeweile durch die Musik zu entkommen. Wenn es keine Langeweile in der Welt gäbe, hätte man wahrscheinlich auch keinen Grund, Songs zu machen. Man wäre die ganze Zeit nur glücklich.
B [kommt ins Zimmer]: Hallo.
S: Wir sprechen gerade über Langeweile.
B: Mir ist langweilig.
S: Bernhard ist langweilig.

Kommt das von den Interviews oder vom Leben generell?
B: Hm. Die Leute fragen mich immer, ob ich gerne auf Tour gehe, und ich antworte: Nein. Daraus schließt man, dass ich nicht gerne Konzerte gebe. Ich spiele aber gerne live, ich mag nur nicht die Langeweile dazwischen: das ganze Reisen und die Off-Days im Hotel. S: Tourneen sind eine Stunde intensiver Euphorie, gefolgt von einem Tag purer Langeweile.
B: Aber wir haben Glück: Wir können genau das machen, was wir machen wollen. Da nehme ich gern das bisschen Langeweile in Kauf, wenn man die ganzen spannenden Dinge sieht, die das sonst so mit sich bringt.
S: Es gibt viele langweiligere Sachen, die man machen kann, z. B., in einer Bank zu arbeiten.
B: Oder als Elektriker.
S: Das würde ich aber nicht sagen. Es wäre sicher ganz interessant, Elektriker zu sein.
B: Jetzt weiß ich, was extrem langweilig wäre – das Wasser wechseln zu müssen von diesem riesigen Hotel-Aquarium da unten.
S: Also, mir würde das vielleicht sogar Spaß machen ...
B: Ach ja, du magst ja Sachen, die mit Wasser zu tun haben.

Langeweile ist wohl nicht der Hauptimpuls, um mit New Order weiterzumachen. Und man kann davon ausgehen, dass es nach all den Jahren auch nicht das Geld ist. Was treibt euch also an?
B: Wenn du von Natur aus ein kreativer Mensch bist, dann gibt es dir das Gefühl, dass da erst mal überhaupt nichts ist. Wenn man aber eine Menge Arbeit reinsteckt, entsteht etwas. Eine CD, die man anhören kann. Wir bauen zwar kein Haus und kein Auto, aber wir erschaffen etwas, wo vorher nichts war. Und jedes Stück Musik, das du kreierst, ist verschieden. Das ist der grundlegende kreative Instinkt, den ich verspüre, seit ich ein Kind war. Dinge zu erschaffen, Musik zu machen. Etwas hervorzubringen, das hoffentlich schön ist und Menschen bewegt.

Was denkt ihr, woher kommt es, dass New Order – im Gegensatz zu Bands wie ABC und Human League, die z. T. als Eighties-Revival-Package auf Tour gehen – älter werden, trotzdem aber immer noch eine aktuelle Relevanz haben und interessante Musik veröffentlichen?
B: Wenn man älter wird und einige Zeit dabei ist, dann gibt es eine einfache mathematische Gleichung, die man beachten muss, wenn man erfolgreich bleiben will. Wenn man am Anfang seiner Karriere steht, muss man etwa so hart arbeiten [zeigt mit der Hand ein relativ niederes Niveau an]. Wenn deine Karriere voranschreitet, musst du dich mehr anstrengen. Dann hast du Erfolg und befindest dich auf diesem höheren Level [zeigt ein höheres Niveau an]. Und je älter du wirst, desto härter musst du arbeiten. Mehr als zu der Zeit, als du jung warst. Denn da warst du frisch und das neue heiße Ding. Journalisten schreiben über dich, und die Leute wollen dich hören, denn dein Sound ist neu. Auch für dich selbst. Aber man kann diesen Level an musikalischer Originalität nicht aufrechterhalten. Keiner kann das. Wenn eine neue Band auf der Bildfläche erscheint, die Talent hat, schreiben alle darüber, und jeder will sie kennen lernen. Und wenn sie dann erst mal ein paar Jahre dabei ist, kommt eine neue frische und originelle Band. Es ist unmöglich, immer originell zu sein. Wir nennen das in England »Novelty«.

Muss es denn so sein, dass mit dem Älterwerden die Kreativität erlahmt?
B: Der generelle Trend ist doch: Je länger es eine Band gibt, desto schlechter wird sie. Das ist ein Phänomen, das uns sehr bewusst ist und uns bei den Platten auffällt, die wir selbst hören. Nimm z. B. Velvet Underground: Sie waren immer ein großer Einfluss für uns, und auch Lou Reeds erste Solo-Platten, nachdem er Velvet Underground verlassen hatte, waren klasse. Aber die Alben, die er heute macht, sind höchstens noch interessant. Man sieht das bei Gruppen, von denen wir selbst Fans sind. Und dann sagen wir uns: Wir müssen sicherstellen, dass uns das nicht passiert. Und dann strengen wir uns noch mehr an.

Lou Reed ist ein gutes Beispiel, denn er ist ignorant der Welt gegenüber – und wenn man sich so verhält, dann bekommt man Probleme, mit dieser Welt zu interagieren.
B: Lou hat mal ziemlich gute Songs geschrieben, ›Vicious‹ z. B., ›Sweet Jane‹ und so. Heute ist ihm der Melodie-Aspekt nicht mehr so wichtig, seine Songs entstehen rund um seine Texte. Er sieht sich eher als eine Art Autor denn als Musiker. Er sollte lieber Bücher schreiben. Wenn Leute sich für Worte interessieren, dann kaufen sie sich Bücher. Mir geht es jedenfalls so. Dann kaufe ich mir keine CD. Wenn ich mir eine CD kaufe, dann will ich eine Melodie hören.

Habt ihr bestimmte Techniken, um die gefährliche Routine zu vermeiden?
keine Ahnung, wie die Töne heißen. Und dadurch bleibt die Sache für mich frisch. Ich will mich handwerklich nicht verbessern, mein theoretisches Musikwissen nicht erweitern. Und ich bin als Gitarrist und Keyboarder vermutlich keinen Deut besser als in der Endphase von Joy Division. Das will ich auch nicht. Ich will kein Instrument perfekt beherrschen. Denn dann macht man alles nur noch mit seinen Händen. Wenn du kein großer Virtuose bist, dann machst du die Musik in deinem Kopf, bevor sie sich auf den Weg in deine Hände macht. Ich kenne Leute, die sind großartige Musiker, aber sie machen alles mit ihren Händen und hören überhaupt nicht hin, was eigentlich dabei rauskommt. Es genügt ihnen, möglichst schnell und eindrucksvoll zu spielen. Und sie haben bestimmte Akkordfolgen, die automatisch kommen müssen, z. B. d nach a moll, weil das einfach so sein muss. Wir vermeiden es vorsätzlich, uns Techniken anzueignen. Das ist vom Punk übrig geblieben – wir wollen alles so simpel wie möglich halten. Mehr erreichen mit weniger. Es ist leider unvermeidlich, dass man mit der Zeit auf seinem Instrument besser wird, aber wir üben nicht. Okay, wir proben vor Konzerten, aber wir üben nicht, um gute Musiker zu werden. Dadurch wird man vielleicht sehr gut im Musizieren, aber nicht im Songschreiben. Das ist jedenfalls meine Meinung.
S: Als wir die neue Platte machten, hatten wir sogar vergessen, wie wir unsere Songs schreiben – natürlich hat man da eine Ahnung im Hinterkopf, man erinnert sich ungefähr. Aber man fragt sich: Wie haben wir das eigentlich gemacht? Wie schreiben wir jetzt einen Song? Man fängt dann einfach irgendwie an, und irgendwann hat man den Dreh wieder raus.

Das ist immer ein guter Moment. Das ist auch das, was einen als Autor fasziniert, wenn man eine große Geschichte schreibt. Man denkt jedes Mal: Wie kann ich das nur schaffen? Aber dann macht man den Computer an und schreibt drauflos, und zwei Stunden später hat man das Teil vor sich. Das ist irgendwie magisch.
B: Ja, genau. Ich wollte ja eigentlich nie Sänger oder Texter sein. In der Anfangszeit von New Order, als ich plötzlich der Texter der Band war, nachdem Ian Curtis gestorben war, lief es so: Wir machten ein Instrumental fertig, und alle warteten darauf, dass ich den Text schreibe – aber ich machte einfach überhaupt nichts. Wir gingen auf Tour, spielten Konzerte, waren sturzbetrunken, und plötzlich kam die Frage auf: »Was spielen wir eigentlich als Zugabe?« Und ich sagte: »Lasst uns doch den neuen Song spielen.« Und die anderen meinten: »Wir haben doch gar keinen Text dafür.« Und ich sagte: »Spielt einfach und seht, was passiert.« Ich nahm das Mikrofon und dachte mir irgendetwas aus. Man gerät zwar kurz in Panik – die Band spielt, das Publikum wartet –, aber dann fängt man einfach an zu singen. Man schneidet das dreimal mit, hört es sich später an, schreibt die besten Text-Passagen raus und macht aus drei Auftritten einen Song.

Welche Songs sind auf diese Art entstanden?
B: ›Thieves Like Us‹ z. B.
S: Und ›Temptation‹. Das ist entstanden, als du auf Acid warst.
B: Stimmt.
S: Wir hatten den Track, und Bernhard hatte an diesem Abend die großartige Idee, Acid zu nehmen, also spielten wir, und er sang, was ihm in den Sinn kam. Es waren nicht unbedingt die Worte, die heute zu hören sind, aber ...
B: ... einige der Worte. Diese Vorgehensweise wurde mir nach einiger Zeit jedoch ein bisschen zu heikel.
S: Man kann sich eben nicht das ganze Leben so durchschummeln.
B: Nein nein, man muss natürlich lernen, wie man so was richtig macht.

Kommen wir zurück zum Älterwerden als Künstler. Nehmen wir den Albumtitel ›Waiting For The Sirens’ Call‹. Analog zu Odysseus könnte man den Ruf der Sirenen als denjenigen deuten, der einem zu verstehen gibt, dass es Zeit ist, abzutreten. Ist der Albumtitel ein Hinweis an Menschen, die einen umgeben, Bescheid zu sagen, wenn eure Zeit vorbei ist?
S: ... bevor es zu spät ist. Das ist die Rolle der Sirenen: Alternde Musiker an die Felsen zu locken, an denen sie zerschellen und untergehen.
B: Eigentlich nicht. Der Albumtitel kommt von dem Song. Wir jammten zusammen, um den Backing-Track zu machen. Ich fand das Instrumental ziemlich gut und wollte auch textmäßig einen guten Job machen. Ich arbeite normalerweise zwischen sieben Uhr abends und zwei Uhr nachts und trinke dabei eine Flasche Wein. Eines Abends war ich bereits um neun Uhr mit einem Text fertig, ich hatte Wein getrunken und fühlte mich ziemlich gut und selbstbewusst. Ich öffnete also eine weitere Flasche und fing an. Ich fasste den Entschluss, den ganzen Text in dieser einen Nacht fertig zu bekommen. Ich schrieb also die erste Strophe. Oft entscheide ich vorher, worüber ich schreiben werde, und denke mir irgendwelche Fantasie-Charaktere aus. Dazu höre ich mir die Songs immer und immer wieder an und denke mir Melodien aus. Wenn ich dann die Melodie fertig habe, horche ich in mein Unterbewusstsein und versuche zu erkennen, welche Assoziationen auftauchen – dann schreibe ich darüber. Manchmal kommen die Worte aber einfach so. Wie bei ›Waiting For The Sirens’ Call‹. Ich schaute mir die erste Strophe an und fragte mich: »Von was handelt das eigentlich? Was bedeutet das?« Es fiel mir auf, dass der Text von Sterblichkeit handeln könnte – ein Freund von mir war in diesem Jahr an Krebs gestorben, und ein paar Jahre zuvor war unser Manager Rob Gretton einem Herzinfarkt erlegen. Und wenn so was engen Freunden passiert, fängt man plötzlich an, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken: Mist, ich könnte der Nächste sein! Dann aber schrieb ich den Refrain und die zweite Strophe. Schließlich entschied ich, dass der Song ein ganz anderes Thema hat, nämlich Untreue. Er handelt davon, einen bestimmten Punkt in deinem Leben zu erreichen – auch eine Art Älterwerden –, einen, an dem man entscheiden muss, ob man seiner Freundin treu ist oder sie weiter ständig betrügt. Diese Reife macht aus dir eine solide monogame Person. Der Song handelt nicht zwingend von mir selbst – obwohl ich diesen Punkt einmal in meinem Leben bereits erreicht habe. Ich war mal ein ziemlich schlimmer Junge, was Frauen angeht. Aber ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich beschloss, dass ich das nicht mehr tun kann. Die Sirenen sind in diesem Fall andere Mädchen – wenn du abends in einen Club gehst mit deiner Freundin und ein wirklich gut aussehendes Mädchen siehst, das vorbeigeht ...
S: ... und man hatte ein paar Drinks ...
B: ... und man hatte ein paar Drinks, und man denkt ...
S: ... welchen Schaden könnte das jetzt wohl anrichten ...
B: Wenn wir ehrlich zu uns sind, denken wir das doch immer. Und es spielt dabei keine Rolle, wie sehr du deine Freundin liebst. Wenn ein wirklich hübsches Mädchen in einen Club kommt und du sie anschaust und denkst, hmmm ... Ich glaube, es nennt sich das »Rod Stewart Syndrom«. [alle lachen laut auf]
S: Ja. Ich denke, der Moment kommt dann, wenn die Erste zu dir sagt: »Verpiss dich, Opa!« Dann hast du den Punkt erreicht.

Man sieht diese Art von Perspektive in einigen Songs des Albums, z. B. in ›Dracula’s Castle‹. Viele Songs beinhalten Fragen, aber auch Ansagen im Imperativ. Es gibt auf der einen Seite eine Menge Himmels/Horizont- und Reise-Motive nach dem Motto »die Welt steht dir offen«. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Songs wie ›Road To Ruin‹ und Textzeilen wie »I told you so«, mit denen ihr dem jungendlichen Sturm&Drang-Gefühl ein Ende setzt, den Horizont enger werden lasst ...
B: Wenn man älter wird, fühlt man sich anders. Ich bin heute glücklicher und zufriedener, als ich es in meinen Zwanzigern war. Als wir mit New Order anfingen, war ich ziemlich unglücklich, denn ich hatte Beziehungsprobleme, und viele Sachen in meiner Familie liefen falsch, es gab jede Menge gesundheitliche Probleme, einige Menschen sind gestorben. Dass ich heute viel zufriedener bin, hört man der Musik ganz einfach an. Wenn du unglücklich bist, tendierst du dazu, Texte zu schreiben, die von dir selbst handeln. Unglücklichsein ist ein Problem, und du willst eine Lösung dafür finden. Kreativ zu sein und Texte zu schreiben ist teilweise therapeutisch. Du schreibst deine Probleme auf ein Papier und arbeitest sie in deine Lieder ein. Als ich älter wurde und einige Lösungen für meine Probleme gefunden hatte, hörte ich auf, über mich selbst zu schreiben. Jetzt nehme ich fiktive Charaktere. Geschichten über Menschen, die ich gekannt habe, oder etwas, das ich in der Zeitung gelesen habe. Anstatt also über einen selbst, schreibt man, wenn man älter wird und zufriedener ist, mehr über die Außenwelt. Denn es wäre ziemlich langweilig zu schreiben: »I’m so happy, what a wonderful day, aren’t we happy, aren’t we gay« ...
S: Mach ruhig weiter. Das klingt gut.
B: Es wäre langweilig. Fröhlich zu sein ist es nicht wert, dass man darüber schreibt. Weil dann jeder denkt, dass du ein Depp bist. Ich versuche also, Themen zu finden, die interessant sind oder seltsam. Das einzige Lied auf dem Album, das wirklich von mir handelt, ist ›Morning Night And Day‹. Da geht es darum, abends in Soho auszugehen, zu trinken und sich in furchtbaren Situationen wieder zu finden und es bitter zu bereuen.
S: Das klingt überhaupt nicht nach dir, Bernhard.

Schreibt Bernhard die Texte, nachdem die Tracks komplett fertig sind?
S: Diesmal war es anders als sonst. Früher haben wir immer zusammen gejammt, ein paar Riffs ausprobiert, dann nahm Bernhard die Demos mit und schrieb die Texte. In dieser Zeit saßen wir anderen rum und drehten Däumchen. Aber jetzt ist es – u. a. dank Phil Cunningham – anders: Bis Bernhard mit dem Text für einen Song zurückkommt, haben wir bereits drei neue geschrieben, zu denen er wiederum neue Texte schreiben kann.
B: Die meiste Zeit saß ich also zu Hause, ganz alleine, und schrieb Texte für die Songs, die bei den Jams herausgekommen waren. Ich war ziemlich isoliert und schrieb einen Songtext nach dem anderen. Und nach einer Weile fragt man sich: Worüber kann ich verdammt noch mal schreiben? Die letzten vier Monate habe ich hier alleine rumgesessen und Texte in meinen Computer getippt. Der Song ›Jetstream‹ kommt daher, dass ich an einem Tag nach London fliegen durfte und damit endlich wieder etwas outside experience hatte, über die ich schreiben konnte.
S: Ich bin im Flugzeug geflogen!!
B: Ja – Hurrah!
S: Yeah! Ich habe etwas, über das ich schreiben kann!
B: Mein Unterbewusstsein hatte einen dermaßen gierigen Appetit nach Erfahrungen entwickelt. Wenn du deinem Unterbewusstsein ein Problem gibst, das es lösen soll, dann musst du es auch füttern.

Kürzlich kam die Nachricht, dass Tony Wilson ein neues Label (F4) gegründet hat. Interessiert euch das?
S: Tony Wilson macht immer ein neues Label. Ich wünsche ihm viel Glück dabei. Ich würde allerdings jedem raten, der sich in irgendeiner Weise bei diesem Label engagiert, einen guten Rechtsbeistand parat zu haben. Und: Macht keinen Club auf!

Und was haltet ihr von den Joy-Division-Film-Projekten?
B: Es sind zwei Filme geplant. Eine US-Produktion mit Jamie Thraves, in die auch Moby involviert ist. Und eine britische Produktion, an der Ian Curtis’ Witwe Debbie mitarbeitet. Sie hat ein Buch geschrieben, ›Touching From A Distance‹, auf dem der Film basiert. Die Regie wird Anton Corbijn übernehmen.
S: Interessanterweise wird Tony Wilson als Executive Producer fungieren. Wenn das mit seinem Label nicht klappt, hat er also immer noch etwas, das ihn auffängt.
B: Versteht uns nicht falsch: Auch wenn wir uns über ihn lustig machen, wir verstehen uns sehr gut mit Tony. Factory Records als Label gab New Order eine wunderbare Freiheit, und Tony war ein kreativer Katalysator, er machte nichts anderes, als uns ständig zu ermutigen. Er hat nie irgendwelchen Druck auf uns ausgeübt. Unglücklicherweise hat er aber das ganze Geld an andere ausbezahlt, das er uns hätte geben müssen. Und es war ein ziemlicher Haufen Geld, den er uns hätte bezahlen müssen. S: Aber wir ertragen es mit Würde.
B: Ja. Wir ertragen es mit Würde. Wir sind immer noch Freunde.
S: Es ist ganz einfach so: Tony mag es, wenn man sich über ihn lustig macht.
B: Er hat eine extrem dicke Haut. Aber die Filme ...
S: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt zwei Joy-Division-Filme braucht ...
B: Nein. Die müssen sich irgendwie zusammentun und einen machen.
S: Oder einen Kampf austragen, und der Gewinner darf dann den Film machen.
B: Das ist eigentlich eine gute Idee: Anton Corbijn und Jamie Thraves kämpfen, und wer gewinnt, macht den Film.

Der Bandname war ja eine passende Bezeichnung für eine neue Mission. Würdet ihr aus heutiger Sicht sagen, dass die Vision einer New Order umgesetzt wurde?
B: Wir hatten nie eine Vision. Unsere einzige Vision, wenn man so will, war, zu überleben, nachdem Ian Curtis gestorben war. Wir waren in einem Überlebenskampf, unsere Chancen standen sehr schlecht. Wir hatten unseren charismatischen Leadsänger verloren, und wir standen gerade an der Schwelle zum wirklich großen Erfolg mit Joy Division. Aber wir haben’s geschafft.

Im doppelten Sinne. Joy Division ist immer noch da, obwohl die Band schon lange nicht mehr existiert.
S: Die besteht immer weiter fort, ganz unabhängig von uns. Wir machen nichts, und es geht trotzdem weiter, ganz von alleine. Das finde ich ziemlich großartig.

Euch gibt es also zweimal. Ihr führt eine Art Doppelleben.
B: Es gibt nicht viel Video-Footage, Foto-Aufnahmen oder Interviews mit Joy Division. Das trägt natürlich zu diesem mysteriösen, legendären Status bei, der uns wie ein Schatten begleitet. Aber wir sind sehr glücklich damit, weil wir sehr stolz darauf sind, was wir mit Joy Division gemacht haben. Wir spielen heute auch wieder ein paar Joy-Division-Songs live.
S: Die Tatsache, dass es so wenig Promo-Material gibt, sondern lediglich die Musik, bedeutet, dass man den ganzen Rest selbst im Kopf hinzufügen muss. Ich mag das, es bezieht den Hörer mehr mit ein, er muss kreativ sein. Das ist gut.

Be Music
Auch wenn Bernhard Sumner, Stephen Morris und Co. ihre eigenen Skills bewusst keiner Weiterbildung aussetzen wollen, so zählten alle New-Order-Mitglieder zu Beginn der Achtziger zu den gefragtesten Indie-Pop- und Elektro-Produzenten. Zwei Compilations (›Cold As Ice‹ und ›Twice As Nice‹) des großartigen LTM-Labels aus den vergangenen zwei Jahren boten erstmals einen kompetenten Kompaktüberblick über die unter dem Alias Be Music entstandenen New-Order-Produktionen. U. a. vertreten: Section 25, Marcel King, 52nd Street, Shark Vegas, Paul Haig (ehemals Josef K) und Quando Quango (mit dem späteren M-People-Mastermind Mike Pickering).

Phil Cunningham
Der 29-jährige Gitarrist arbeitete bereits am Vorgängeralbum ›Get Ready‹ mit und gehörte zum aktiven Line-up der anschließenden Tour. Vor seinem Engagement bei New Order zählte der aus Macclesfield bei Manchester stammende Cunningham zum Musiker-Pool des Bernhard-Sumner/Johnny-Marr-Sideprojects Electronic. Zuvor war er Mitglied bei den Bands Marion und Tailgunner.

F4 / Tony Wilson
Nach der Pleite seines legendären Factory-Labels am 23. November 1992 versuchte sich der ebenso extrovertierte wie umstrittene TV-Moderator Anthony H. Wilson immer wieder als Labelmacher. So hob er Ende der Neunziger mit Factory Too die erste Fortsetzung der Legende aus der Taufe, die jedoch an der Erfolglosigkeit aller Signings (u. a. Space Monkeys, Italian Love Party) scheiterte. In einem Interview lastete Wilson das Scheitern allerdings jüngst seinem damaligen Majorpartner London Records (New Orders aktuellem UK-Label) an. Nach einigen Internetprojekten wie dem MP3-Shop www.music33.com, der jährlichen Musikmesse In The City und der Nachricht einer Wilson’schen Labelneugründung vor drei Jahren unter dem Namen Red Cellars machte nun die Nachricht die Runde, der 55-Jährige habe mit F4 Records eine weitere Reinkarnation des legendären Indies ins Leben gerufen. Auf der Homepage des Labels heißt es: »F4 Records is the fourth iteration of Factory Record Imprint from Manchester, England.« Einzige F4-Band neben Lebenslang-Signing Durutti Column: die aus Moss Side stammende HipHop-Crew Raw-T.

Hacienda
Factory Records und vor allem New Order verloren angeblich »Millionen von Pfund« mit dem Club Hacienda, einem von Star-Architekt Ben Kelly umgestalteten ehemaligen Ausstellungsraum für Yachten. Die Hacienda existierte von 1982 bis 1997 und war Ort historischer Performances zahlloser Factory-Bands und Madonnas (ihr erster Auftritt in England überhaupt). 2002 wurde das Gebäude in der Whitworth Street West abgerissen. Heute stehen Wohnhäuser (»Hacienda Flats«) an der Stelle. Dubios: Im Gegensatz zur Rave-Hochphase, als Madchester-Touristen wohlmeinende Mancunians nach dem Weg fragen mussten, ist der Hacienda-Standort heutzutage in der ganzen Stadt unübersehbar ausgeschildert.