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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

DFA & The Rapture & Radio 4

New Disco

Jeder, der in jungen Jahren auf einer Party versucht hat, seine Lieblings-Punkscheiben mit den neuesten Tanzbodenkrachern zu mischen, wird sich daran erinnern können, dass er das nur einmal gemacht hat. Disco und Punk, das ging jahrelang einfach gar nicht zusammen. Wie sollte es auch? Ich sag' nur:
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Jeder, der in jungen Jahren auf einer Party versucht hat, seine Lieblings-Punkscheiben mit den neuesten Tanzbodenkrachern zu mischen, wird sich daran erinnern können, dass er das nur einmal gemacht hat. Disco und Punk, das ging jahrelang einfach gar nicht zusammen. Wie sollte es auch? Ich sag' nur: "Punks gegen Popper"! Punk, das stand für Nihilismus, Schmutz, Wut, kritisches Bewusstsein, Krach, Nervosität und Verzweiflung. Disco stellte mit dem hedonistischen Glamour, den rosaroten Melodien und seiner (oft vorhandenen) Naivität die komplette Antithese dazu dar. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Egal, ob man sich im Club in Ekstase tanzt oder zur neuesten Knüppelband im Juz um die Ecke abgeht, es tropft immer viel Schweiß, die Regler sind immer am Anschlag, die Haare fliegen wie wild - kurzum: man gibt es sich bis zur totalen Erschöpfung. Natürlich war das jetzt ein platter Versuch der Annäherung, und deshalb sollen auch gleich Beispiele nachgeschoben werden. Es ist nämlich nicht so, dass es ein Zusammentreffen der beiden Welten nie gegeben hätte, man denke nur an The Clash, Primal Scream und vielleicht auch an Billy Idol - wobei bei letzterem die Betonung auf vielleicht liegt. Trotzdem: Das Verschmelzen der beiden Genres, es erschien immer irgendwie exotisch.

Heute ist das Vergangenheit. Die Zeit war schon lange reif für "4 to the floor Punk". Und während dessen Coming-out bei uns gerade erst stattfindet, entwickelte sich jenseits des Ozeans bereits Ende der Neunziger eine Electronic-Punk-Bewegung. Es gab wohl diesen Sommer keinen Track, der europaweit für mehr Adrenalinschübe auf den Tanzflächen sorgte als "House Of Jealous Lovers" von The Rapture. Eine Band mit waschechtem HC-DIY-Label-Vegan-Fanzine-Background. Eine Band, die, fast aus dem Nichts kommend, auf einer unangekündigten Tour für mehr offene Münder sorgte als Ozzys Reality-Soap. Doch The Rapture bilden mit Radio 4 nur die Spitze vom Eisberg, der da im trüben Musik-Ozean straight auf Kollisionskurs steuert. Noch wiegt sich die etablierte Dance-Community in Sicherheit, aber Kylie Minogue kann bald einpacken! Wort.

Punk Meets Ecstasy: DFA

Warum hat es denn nun mit "Punk meets Dance" eigentlich so lange gedauert? James Murphy, New Yorker Produzent mit wohlklingendem Backkatalog (u. a. Les Savy Fav, Trans Am und BS 2000), hat da seine eigene Theorie: "Es gab bis vor kurzem kein Ecstasy in der Punk-Bewegung." Sollte es so einfach sein? Zumindest ist James Murphy ein Mann, der wissen sollte, wovon er spricht. Zusammen mit Tim Goldsworthy (ehemals Unkle) bildet er das Produzententeam und Label DFA. In ihrem abgeschotteten Studio gaben sie den Platten von Radio 4 und The Rapture den letzten Schliff und haben somit einen nicht unwesentlichen Teil zur musikalischen Entwicklung beigetragen, um die es in diesem Artikel geht. Gefragt, ob dieser Mix aus Dance und Punk eine organische naheliegende Entwicklung war, meint Murphy: "Ich war immer ein Punkrockkid, aber 1999 habe ich Tim kennengelernt und angefangen, in Clubs zu gehen und E zu nehmen. Später begann ich, für meine alten Punkrock- und die neuen Dance-Freunde aufzulegen, das war dann eben eine Mischung aus Rock, Kraftwerk und End-70er/Anfang-80er-Kram aus New York. Und es hat funktioniert. Kurz darauf fingen Tim und ich zielstrebig an, Punk-Disco zu produzieren, hauptsächlich, weil ich ein paar neue Platten zum Auflegen brauchte. Wir haben uns entschieden, Dance-Musik ernst zu nehmen und trotzdem mit Leuten aus Punkbands zu arbeiten. Wir wollten nicht nur mal hier und da ein bisschen rumwerkeln, sondern beides 100%ig machen."

Der Fleiß zahlt sich aus. Inzwischen bilden DFA mit Trevor Jacksons Label Output eine Art transatlantisches Bündnis, und seit Monaten erscheint in England und den USA kein In-Magazin, in dem nicht mindestens einmal der Labelname gedroppt wird.

Aber nicht nur in New York wird fleißig an neuen Ideen gearbeitet. Das Phänomen hat mittlerweile eine ganze Reihe Labels aus dem Punk- und DIY-Umfeld erfasst. Labels wie Troubleman Unlimited, Gern Blandsten, Dim Mak, Saddle Creek und GSL veröffentlichen neben "klassischen" Platten vermehrt kleine Wunderwerke mit Bass, Keyboard oder Drummachine, die mit einer gehörigen Portion Pfeffer im Arsch für einiges Aufsehen sorgen.

Bereits lange vor dem offiziellen 80er-Revival feierte der jahrelang verschmähte Synthesizer sein Comeback in der US-Hardcore-Szene! Selbst Grind-Monster wie The Locust integrierten das Keyboard in ihr Highspeed-Gebolze - und avancierten in Null Komma nichts zur Hypeband Nummer Eins! Mit der Zeit entwickelte sich eine regelrechte "Neo New Wave Wave", in der es nur noch ein Motto zu geben scheint: "Nach vorne!" Die Liste der Bands ist lang, das volle Programm reicht von Casio-Kaputtnicks wie The Hit Device über WaveCore à la Camera Obscura bis hin zum Stadion-Synthie-Rock von The Faint. Es ist ein schier endloses Unterfangen, alle verschiedenen Spielarten aufzuzählen. Und genau diese Vielfalt an Ideen - und der Mut, diese umzusetzen - ist das wichtigste Bindeglied all dieser Bands. Erase Errata, die furiosen RhythmNoise-Punkettes aus San Francisco, bringen die Grundidee von "Dance Damage" (wie sie es nennen) ganz gut auf den Punkt, wenn sie in der aktuellen I:D davon reden, dass sie "besessen vom Rhythmus sind, um die Menschen dazu zu kriegen, sich friedlich in der Menge zu bewegen, so dass die Leute richtig tanzen und umherspringen können." Das liest sich nach einer Mischung aus Tigerentenclub und Bro Sis - ist aber in Wahrheit verdammt heiße Scheiße! Synthies? Ja! Politik? Auch! Und Tanzen? ERST RECHT!

Dance To The Underground: Radio 4

Im letzten Jahr tauchte in den einschlägigen Mailordern die neue Single einer Band auf, die schon vorher mit ihrem funkigen WavePunk positiv aufgefallen war. Der Name der Band: Radio 4. Der Name der Platte: "Dance To The Underground." Während sich auf der A-Seite noch ganz zurückhaltend drei relativ normale Songs fanden - darunter auch die Originalversion des gleichnamigen Songs -, bot die B-Seite eine echte Überraschung: einen Dance-Remix. Und was für einen! Noch nie hat ein Punksong so komplett unironisch moderne Clubästhetik für sich in Anspruch genommen wie auf der unscheinbaren Maxi-Single mit dem roten Stempel drauf. DANCE TO THE UNDERGROUND! Verdammt, das war ein echtes Statement. Und die erste DIY-Punk-Platte, die ohne Probleme zwischen Basement Jaxx und Laurent Garnier ins DJ-Set eingebaut werden konnte. Wie würde sich dann erst das Album anhören? Eine Frage, die sich jetzt beantworten lässt. Denn dieser Tage erscheint via City Slang / Labels auch in Deutschland das Album "Gotham". Im Amerika ist es bereits im Sommer auf Gern Blandsten herausgekommen. Ich will es kurz machen: "Gotham" ist schlichtweg das tanzbarste Punk-Album seit Jahrzehnten. Und somit sind Radio 4 die idealen Gesprächspartner für diese Geschichte. Das Interview findet am Morgen nach ihrem atemberaubenden Berlin-Konzert statt. Anthony Roman und PJ O'Connor machen einen entsprechend mitgenommenen Eindruck.

Ihr wart ja bis vor kurzem noch als Neo-Postpunk-Trio unterwegs. Jetzt seid ihr auf einmal zu fünft mit Congas und Keyboard am Start und habt ein wirklich unglaubliches Album produziert. Wie kam es zu dieser Entwicklung innerhalb von so kurzer Zeit?

Anthony: Es war eine automatische Entwicklung der Band Richtung Dance. Das Problem war, dass man als Trio limitiert ist, wir konnten soundmäßig einfach nicht das erreichen, was wir wollten. Bei den Aufnahmen zur "Dance To The Underground"-Single haben wir uns PJ als Perkussionisten geholt und dann später Gerard als Keyboarder.

Was ist der Hintergrund von "Dance To The Underground"? Die Single ist ja lange vor "Gotham" erschienen.

Anthony: Der Song entstand einerseits als Reaktion auf Rudolph Gulianis Gesetz, welches das Tanzen an bestimmten Orten verbietet, und andererseits ging es um die Szene-Gigs in New York, diese langweiligen, steifen Shows, bei denen sich niemand bewegt. Es geht darum, dass man keinen Schiss davor haben soll, zu tanzen. Bei den Aufnahmen zum Song haben wir Mike Williams kennengelernt, einen DJ, der im Spa auflegt, und er bot uns an, einen Remix zu machen. Wir dachten uns: "Super, dann spielen sie den Song vielleicht auch im Club." Und durch den Remix wurde er tatsächlich von DJs gespielt. Diese 12-Inch bildet so was wie den Wendepunkt in unserer Band, als wir sahen, wie diese Mischung funktioniert, wussten wir auch, wie sich unser nächstes Album anzuhören hat. Wir begannen Freunde zu fragen, wer das Album produzieren könnte. Mit Tim O'Heir, unserem früheren Produzenten, konnten wir dabei nicht mehr zusammenarbeiten - das war uns klar. Er ist ein sehr guter und talentierter Produzent, aber er hat einfach einen anderen Style. Dann haben wir glücklicherweise James und Tim kennengelernt.

James ist übrigens der Ansicht, dass Ecstasy mit dazu beigetragen hat, dass es diese Mischung zwischen Club und Gitarre gibt. Was haltet ihr davon?

[beide lachen]

PJ: Es ist uns egal, ob jemand Drogen nimmt oder nicht, aber Drogen haben definitiv keinen Einfluss auf die Musik, die wir machen.

Anthony: Also James hat ja auch diese Theorie, dass Dance-Musik in den USA nie so erfolgreich wurde, weil es am Anfang keine Ecstasy-Revolution gab, wie z. B. in Manchester oder London. Das kam ja erst in den letzten paar Jahren und wurde dann auch schnell unschön.

Ihr seid zur Zeit nicht die einzige US-Band, die mehr wert auf den Groove legt. Was war eurer Meinung nach der Auslöser für diese Entwicklung?

Anthony: Es war einfach langweilig, es war nur noch öde auf den Konzerten, alle standen nur rum und haben sich gegenseitig angestarrt. Als es damals mit Punkrock losging, war da wirklich so ein Gemeinschaftsgefühl, die Leute sind zu den Shows gegangen und hatten eine gute Zeit ... Und dann wurde alles richtig deprimierend. Ich denke, dass die Kids irgendwie wieder Spaß an den Konzerten haben wollten. All diese Bands haben unabhängig voneinander angefangen, sich weiterzuentwickeln, und irgendwo haben sie sich dann getroffen. Am Anfang kannten wir The Rapture oder die Liars gar nicht, obwohl wir in New York leben. Und trotzdem gibt es da einen gemeinsamen Nenner. Aber das passiert nicht nur in New York, wir sind mit Hot Hot Heat aus Vancouver getourt, die verarbeiten ebenfalls Dance-Einflüsse. Wir haben mit vielen Bands auf der Tour gespielt, die etwas Ähnliches machen.

Aber "Gotham" ist doch schon eher ein New Yorker Album, oder?

Anthony: Natürlich. "Gotham" ist ein Synonym für New York, denn "Big Apple" wollten wir unsere Platte nicht nennen. Wir haben ja auch vorhin über diesen Club geredet, das Spa. Phil, unser Soundmann, und ich waren eines Abends da, und in einem Raum war ein House-DJ mit acht Live-Perkussionisten, die alle zusammen gespielt haben, und im anderen Raum war New Wave Disco. Wir waren ganz schön betrunken und meinten, die neue Platte solle sich anhören wie eine Mischung aus beiden Räumen. Das war die Idee ... Und auch wenn alle immer wieder die englischen Einflüsse anbringen, für mich ist die Platte 100% New-York-beeinflusst, sowohl von den Lyrics als auch von der Musik. Ein großer Einfluss kommt z. B. auch von Bands wie ESG oder Liquid Liquid! Die Art, wie sie Funk und Perkussions-Elemente benutzt haben, hat uns mehr beeinflusst als Gang Of Four!

Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Menge Journalisten euch zu den Einflüssen von Gang Of Four oder The Clash befragen. Wo seht ihr die Unterschiede von Radio 4 und diesen Postpunk-Dinosauriern?

Anthony: Für mich ist das absolut was anderes. Wenn ich alte Clash- oder Gang-Of-Four-Platten anhöre, dann ist das für mich Rock, im Gegensatz zu dem, was wir machen. Wir arbeiten mehr mit Electro- und Dance-Elementen, Keyboards und Perkussion. Allein das, was Tim und James bei DFA leisten, ist nicht zu vergleichen mit der Produktion von The Clash oder Gang Of Four. Sie benutzen Technik, die zu Clash-Zeiten überhaupt nicht existent war.

Findet ihr es dann gut, dass in Verbindung mit neuen Bands in der Presse immer in der Vergangenheit nach Orientierungspunkten gesucht wird?

Anthony: Klar, denn schließlich gibt es da immer Verbindungen. Jede gute musikalische Bewegung schaut erst mal zurück und dann nach vorn. In den Siebzigern lösten beispielsweise die Prog-Rock-Bands mit ihren nervigen halbstündigen Arrangements eine musikalische Revolution hin zum Punk aus. Das war trotzdem Retro, denn die Bands orientierten sich an 50s-Rock und -Mod! Aber sie kopierten nichts, sondern entwickelten sich weiter, und ich denke, dass das immer der Schlüssel ist.

Radio 4 und ihre Kollegen The Faint kommen im November auf Deutschland-Tour. Was soll ich dazu noch weiter sagen außer: Reclaim The Club, Punk!