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Sven Kacirek

Sven Kacirek ist nicht nur Musiker, sondern auch Feldforscher. Für seine »Kenya Sessions« kombinierte der Hamburger Schlagzeuger Spuren afrikanischer Folklore mit westlichen Rhythmen.
Geschrieben am

Vor drei Jahren trieb es Sven Kacirek, ausgestattet mit Mikrofonen und Minidisc-Recorder, nach Kenia. Von der Hauptstadt Nairobi aus machte er sich auf in die Provinz. Dort traf er in kleinen Dörfern auf Musiker, die ihm nicht nur einen Einblick in die Folklore der Regionen vermittelten, gegen kleine Gagen zwischen 50 und 200 Euro waren sie auch bereit, ihre Musik für ihn einzuspielen. Zu Hause in Hamburg reicherte er diese folkloristischen Aufnahmen mit einem sinnlichen Mehrwert aus westlichen Rhythmen an, überführte sie in Krautrock, Dance und europäische repetitive Musik. Dabei ging Kacirek sehr sensibel vor. Nichts lang ihm ferner als die Fettnäpfchen der erwartbaren Ethno-Klischees. »Ich habe versucht, die Grenzen zwischen meinen Einspielungen und den Aufnahmen aus Kenia zu verwischen. Man sollte nicht heraushören, was von mir ist und was ein anderer Musiker gespielt hat«, beschreibt er seine Zielsetzung. So geht er einen Schritt weiter als die bloßen Chronisten solcher Musik – etwa Damon Albarns Label Honest Jon’s –, richtet seine Aufmerksamkeit aber dennoch auf das originäre Material.

Unter dem Titel »The Kenya Sessions« wurde dieses Projekt schon vor einem Jahr auf CD herausgebracht - Anfang des Jahres erschien es auch auf Vinyl -, jüngst gefolgt von dem ebenfalls sehr gelungenen Soloalbum mit dem Titel »Scarlet Pitch Dreams«. Ansonsten publiziert der Dozent der Hamburger School Of Music unter anderem Texte über »Secret Drum Grooves« und veröffentlichte als field musikalische Feldstudien.

»Ich hatte ursprünglich geplant, nur Sängerinnen und Sänger aufzunehmen«, erinnert sich Kacirek an die Anfänge des Kenia-Projekts. »Die Idee habe ich aber schnell verworfen, denn jeder Sänger spielt in Kenia immer sein eigenes Begleitinstrument.« So lag es nahe, lokale Größen wie Okumo Korengo oder Ogoya Nengo mit ihren Instrumenten in das Projekt zu integrieren. Die Reise führte Kacirek in Regionen, in denen Musik nicht bourgeois als »l’art pour l’art« fungiert, sondern mit konkreten Alltagsanliegen verbunden ist. »In vielen Regionen wird zum Beispiel bei einer Geburt, anlässlich eines Besuchs oder wenn es regnet ein bestimmtes Lied gespielt. Ohne diese Anlässe wird die Musik nicht aufgeführt. In Uganda haben die Leute Instrumente, die sie nur bei der Ernte hervorholen. Sonst werden sie nie ausgepackt.« Mit solchen Musikfunktionen müsse man als studierter Europäer erst einmal umgehen lernen und ihnen rücksichtsvoll begegnen, resümiert Kacirek. »Es gab Situationen, in denen ich mit älteren Kenianern zusammenspielte und währenddessen begann, ihre Rhythmusfiguren zu variieren. Dann kam aber ganz schnell jemand und wies mich deutlich darauf hin, bloß immer das weiterzuspielen, was mir vorgegeben worden war.«

Sven Kacirek »The Kenya Sessions« (LP / Altin Village & Mine / Cargo / VÖ 24.02.) & »Scarlet Pitch Dreams« (Pingipung / Rough Trade / VÖ 20.04.)