×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Utopie als Anker

Neonschwarz im Gespräch

Gesellschaftliche Realitäten im Blick, Ananas zwischen den Zähnen und die Idee der besseren Welt im Kopf. Neonschwarz sind zurück von der Insel, in den Straßen von »Metropolis« - so heißt ihr neues Album, das am 6. Mai erscheint. Miriam Mentz traf die Band für uns Hamburg. 
Geschrieben am
Ein Stück weg von »dieser Träumerei, von dem in der Natur befinden und dahin schweben wollen, wieder auf dem Boden der Tatsachen«, – die Hamburger Hip-Hop-Crew Neonschwarz, die 2014 mit ihrem Debüt »Fliegende Fische« Inselträume und linkspolitischen Aktivismus unter eine Palme brachten, sind mit ihrem neuen Album »Metropolis« zurück in der Stadt. In Hamburg, sowieso. Aber vor allem in dieser Stadt, die namentlich schon Superman als Wirkungskreis diente, die Fritz Lang zum filmischen Meilenstein meißelte und die nun einmal mehr gänzlich neu aus dem Boden wächst. Oder, wie die Band erklärt: »Es ist zum einen die Stadt, die man selber macht. Was natürlich eine Parallele zu der Wunschvorstellung davon ist, wie es hier sein sollte. Aber sie hat noch mehr Facetten, sie ist nicht nur gut oder schlecht.« Und es ist eine Stadt, die offensichtlich Platz für verschiedenste Sounds hat, deren HipHop-Beats mal kantig reinhauen, mal dahinschweben, Zeckenrap mit Pop-Piano vereinen, an denen unter anderem Szene-Schwergewichte wie Farhot und Monroe beteiligt waren. Johnny Mauser, Marie Curry, Captain Gips und Spion Y halten eben an der Neonschwarzen Farbpalette fest und daran, dass eine Utopie beides sein kann, Ziel und Fluchtpunkt, und trotzdem nicht den Blick versperren muss. So heißt es in 2015 »hat sich viel verändert? Alles nur noch schlimmer« doch bleibt die Idee der Anker, die Idee dass sich diese Gesellschaft zu etwas gutem fortentwickelt, vielleicht ja in »300 Jahren!«

Sowohl auf »Fliegende Fische« wie auch jetzt auf »Metropolis« geht es immer wieder darum, wie es sein könnte. Ist so eine Utopie für euch etwas, wonach man strebt oder eher Möglichkeit zum Wegträumen?
Johnny Mauser: Das ist tatsächlich relativ unklar. Es geht natürlich schon darum, dass man als linker Musiker Themen anspricht, aber wir haben keinen Plan in der Tasche, von dem wir sagen können, so und so müssen wir leben, so und so müssen wir Musik machen, so und so gestalten wir unseren Alltag - und dann ist alles cool. Das würden wir nicht von uns behaupten, deswegen hat das erstmal mehr was mit diesem Ist-Zustand zu tun. Dass es da viele Dinge gibt, die uns nicht gefallen, dass es aber schöner sein könnte! Dafür stehen dann positive Symbole wie die Ananas – es könnte ein besseres Leben geben, wenn die Leute cooler drauf wären in der Welt.
Captain Gips: Momentan ist eine Utopie aber sicher mehr als Wegträumen gedacht. Gerade realpolitisch ist ja alles andere in Aussicht, als dass es mal irgendwann besser wird in nächster Zeit. Aber die Idee, wie es sein könnte, ist natürlich trotzdem gut. Auch wenn sie andersherum total frustrierend sein kann, wenn man merkt, dass man das selber wahrscheinlich nie erleben wird.
Johnny Mauser: Auf der anderen Seite ist das natürlich ein Anker - wenn man ein eher positives Menschenbild hat und denkt, dass die Leute in vielleicht 300 Jahren durch noch mehr Bildung und noch mehr Auseinandersetzungen auf einem anderen Stand sind und sich die Gesellschaft zu etwas Gutem fortentwickelt. Deswegen gibt es halt diesen Hoffnungsschimmer, der auch immer in unserer Musik durchkommt. 
Also glaubt ihr schon daran, dass die bessere Gesellschaft Realität sein kann?
Johnny Mauser:Ja, so ein solidarisches Miteinander, das kann ich mir schon vorstellen. Mit der ewigen Abschottung, Ellenbogengesellschaft und Grenzenzieherei wird das alles nicht funktionieren. Kann natürlich auch worst-case völlig nach hinten losgehen, aber wir glauben eher an das Gute.
Marie Curry:Es geht da eben um die sehr lange Sicht. Vielleicht müsste es eine Region oder ein Land geben, wo das anfängt. Wo die Umwälzungen real werden und andere Regionen auf die Idee kommen, das nachzuahmen.

Johnny Mauer: Vielleicht in Metropolis!
Ist die Stadt der einzige Ort, wo ihr aktuell leben wollen würdet? Oder gibt es ein heimliches Landlust-Abo?
Captain
Gips: Ich habe oft drüber nachgedacht aufs Land zu ziehen, aber das aus Angst vor der Einsamkeit und den Nachbarn immer sein gelassen. So ganz ausschließen würd ich es nicht... Mit einer Wohnung in der Stadt aus Sicherheitsgründen.
Johnny Mauser: Wir kommen alle nicht direkt aus der Großstadt, sondern eher aus dem Umland von Hamburg. Aber dort wieder zu leben und mit den spießigen Leuten im Edeka konfrontiert z sein, kann ziemlich nervig sein. In Hamburg zu leben ist da wohl nicht das schlechteste. Wobei ich die meisten Texte immer nur im Urlaub schreibe. Es ist also doch sehr bezeichnend, dass ich mich in der Stadt vielleicht gar nicht so frei fühle. Oder wir eben mit der Band auch oft ins Wendland gefahren sind, in die Einöde, um da dann so kreative Wochenenden zu machen.
Marie Curry: Stimmt, eigentlich haben wir ein Stadtalbum einfach im Wald geschrieben!

Neonschwarz

Metropolis (Deluxe Version)

Release: 07.04.2016

℗ 2016 Audiolith

– Neonschwarz »Metropolis« (Audiolith / Broken Silence / VÖ 06.05.16)

Auf Tour vom 12.05. bis 06.08.