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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Ich war emotional ausgehungert«

Neko Case – Düster zu schillernd

Neko Case ist einfach nicht kleinzukriegen – dem problematischen Verhältnis zu ihren Eltern, Depressionen oder dem Brand, dem ihr Holzhaus zum Opfer fiel, zum Trotz. Im Gegenteil: Sie verwandelt ihre düsteren Jahre in schillernd schöne Lieder. Und was könnte in einem Heft über das Scheitern inspirierender sein als ein starker Charakter wie sie? Annette Walter traf Neko Case.

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Neko Case liebt Tiere fast so sehr wie ihre Gitarren. Da passt es gut, dass sie beim Interview im 27. Stockwerk eines Berliner Hotels vom Fenster aus auf den Zoologischen Garten guckt. An diesem Frühlingsnachmittag sieht die Amerikanerin aus, als habe sie am Morgen nur ein paar Minuten vor dem Spiegel verbracht: Ihre langen, lockigen und ursprünglich roten Haare sind zur Hälfe grau und zerzaust, sie hat kein Make-up aufgelegt, trägt eine schlichte graue Kapuzenjacke und sitzt barfuß auf dem Sofa. Auf ihren beiden Unterarmen ist in massiven Buchstaben der Satz »Scorned as timber, beloved of the sky« tätowiert – der Titel eines Gemäldes der kanadischen Schriftstellerin und Malerin Emily Carr, die Case sehr verehrt.

Mit ihrem unprätentiösen Styling wirkt sie weitaus natürlicher als auf den Promofotos, die man von ihr kennt. Gleichzeitig macht es sie sympathisch, dass sie scheinbar so wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Mit 47 Jahren strahlt sie eine unkomplizierte Lebenserfahrenheit aus und schert sich offenbar nicht darum, ob sie im Interview gestylt ist oder nicht.

Vermutlich liegt ihre Gelassenheit auch an ihrer mittlerweile über 20 Jahre währenden Arbeit als Musikerin in verschiedenen Bands und Projekten. Case stammt aus Virginia und hat einen Uniabschluss in Bildender Kunst. Die bekannteste Formation, an der sie musikalisch beteiligt war, sind The New Pornographers aus Vancouver, der Stadt, in der Case eine Weile gelebt hat und wo ihre Karriere begann. Sechs Soloalben hat sie unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht, das siebte trägt nun den programmatischen Titel »Hell On«, was auf Deutsch »verdammt noch mal« bedeutet.

Es ist ein nachdenkliches und emotionales Album. In den Songtexten verarbeitet Case die Selbstzweifel, die sie in den letzten Jahren geplagt haben. »Are you tired of things going right? Things going wrong? Tired of trying to make everyone happy? Too tired to sing your own songs?« singt sie in »Bad Luck«. »Es hat sehr lange gedauert, diese Platte zu machen«, sagt sie rückblickend.

Denn Case hat eine schwierige Phase hinter sich: Bei der Entstehung ihres letzten Soloalbums »The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You«, das vor fünf Jahren erschien, litt sie an Depressionen, nahm Tabletten gegen ihre Angststörung und suchte Hilfe bei einem Therapeuten. Dann starben ihre Eltern, mit denen sie über Jahre hinweg ein schwieriges Verhältnis verbunden hatte. Sie ließen sich scheiden, als Case fünf Jahre alt war. »Meine Eltern interessierten sich wenig für meine Karriere als Musikerin. Außerdem hatten sie Probleme mit Alkohol und ihrer psychischen Gesundheit. Ich hatte das Gefühl, als sei ich durch sie von zwei schlechten Polen umgeben gewesen.« Deshalb brach sie den Kontakt zu ihnen irgendwann ab. »Ich war emotional wie ausgehungert, deshalb musste ich mich von ihnen distanzieren. Doch auch wenn wir keine Verbindung mehr besaßen, machte es ihren Tod nicht leichter für mich.« Dann musste sie auch noch mit dem Tod ihrer Großmutter fertigwerden, mit der sie eine innige Beziehung verband.

Doch Case gelang es, ihre Probleme zu überwinden, und startete die Arbeit am Album »Hell On«, an dem auch Beth Ditto, Mark Lanegan und K.D. Lang beteiligt sind, mit positiver Energie. So ganz in Worte fassen kann sie auch nicht, was sie aus dem Tief brachte, aber zumindest hat sie eins gelernt: »Jetzt habe ich die Methoden, die Urteilskraft und die Disziplin, die ich in meinen Zwanzigern nicht besaß. Mittlerweile verfüge ich über mehr Selbstbewusstsein, meine Verletzlichkeit zu zeigen. Auch wenn ich meine Stimme in den Songs immer noch nicht hören kann. Es ist noch zu frisch«, gesteht sie.

Ihren Enthusiasmus für die Platte konnte nicht einmal ein dramatisches Ereignis während der Aufnahmen aus dem Lot bringen: Ihr Holzhaus, in dem sie in St. Johnsbury, einer Kleinstadt mit rund 7000 Einwohnern im US-Bundesstaat Vermont, gelebt hatte, brannte im September 2017 komplett aus. Fotografien, Kleidung, Möbel – alles, was Case besaß, wurde dabei zerstört. Doch statt in Trübsal zu verfallen, stand Case bereits am Tag nach dem Feuer wieder im Studio und spielte den nächsten Song für »Hell On« ungerührt ein. Sie kommentiert den Vorfall im Nachhinein abgeklärt: »Zum Glück ist meinen Instrumenten nichts passiert, weil ich die in meinem Büro aufbewahre.« Außerdem half ihr Humor bei der Bewältigung des Unglücks: »Meine Bandkollegen machten Witze über die ganze Geschichte.« Und Case lachte irgendwann mit, statt ihrem Haus hinterherzutrauern. Sie fand auch schnell eine neue Bleibe: Nun lebt sie wieder in einer Holzhütte, gemeinsam mit ihrem Freund, der ebenfalls Musiker ist. Zum Haushalt gehören außerdem drei Katzen, drei Hunde, Hühner und Pferde. Case mag das Landleben und die Abgeschiedenheit Vermonts.

Den Brand thematisiert Case auch mit dem Artwork des Albums: Auf dem skurrilen Coverfoto von »Hell On«, das eher zu einem Metal-Album als zu dem Pop-Folk-Rock-Mix passen würde, trägt Case einen äußerst extravaganten Kopfschmuck aus Zigaretten, auf ihrer Schulter lodert eine Flamme. »Ich war schon immer besessen von diesen Fake-Zigaretten, die Schauspieler in Filmen rauchen. Ich finde, das sind tolle Art Pieces. Irgendwann habe ich mir eine große Menge bestellt und daraus alles Mögliche gebastelt. Die Zigaretten sind für mich auch ein Symbol, schließlich war meine Familie arm und trashy. Mit dem Rauchen habe ich allerdings schon mit 21 Jahren aufgehört.«

Neko Case

Hell-On

Release: 01.06.2018

℗ 2018 Neko Case, under exclusive license to Anti