×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war´s in Köln: WIE BITTE??!!?

My Bloody Valentine live

Urlaub in einer Flugzeugturbine könnte erholsamer sein: My Bloody Valentine, der Traum aller Shoegaze-Fans und Ohrenärzte das erste Mal seit 21 Jahren live in Deutschland.
Geschrieben am

Eine Ansammlung rüstiger Menschen fortgeschrittenen Alters füllt den Innenhof der Live Music Hall. Das Toupet sitzt. Hörgeräte sollten vorsichtshalber leise gestellt werden, wird doch am Eingang schon vor der brachialen Lautstärke gewarnt. Ohrstöpsel werden gratis verteilt. Das Besucherdurchschnittsalter überschreitet weit die Dreißig. Trendige, hippe Oberlippenbart-Träger und Dutt-Trägerinnen sucht man vergebens, das äußerliche Erscheinungsbild des Musik-Nerds dominiert. 1992 spielte die Band ihr letztes Deutschlandkonzert, genauer gesagt am 17. Mai im Hamburger Docks. Seitdem ist das ein oder andere graue Haar nicht nur bei Bandleader Kevin Shields dazu gekommen. 22 Jahre nach »Loveless« veröffentliche die Band im Februar dieses Jahres aus dem Nichts heraus ihr neues, knapp »mbv« betiteltes Album.

 

Ein begeisternder Applaus setzt ein, als die Band gegen 20:45 Uhr die Bühne der Live Music Hall betritt. Viele Frauen blicken neidisch auf Belinda Butcher, die immer noch wie eine kleine Alternative-Fee aussieht – trotz ihrer inzwischen 52 Jahre! Schon beim Eröffnungssong »I Only Said« werden hastig die Ohrstöpsel in die Lauscher geschoben, dominiert doch von Beginn an eine wahnsinnige Lautstärke die nächsten 1 ½ Stunden. Die Verstärkertürme stehen dort bestimmt nicht nur zur Deko herum. Laut Bandaussage haben sie in den letzten Jahren ca. 300.000 Euro in neues Equipment gesteckt und das zahlt sich aus. Das meiste wird analog eingespielt und die von Kevin Shields verwendete Effektpalette ist ungefähr so berechenbar wie ein Hornissenschwarm im Zuckertopf. Doch hier spielt nicht irgendwer, schließlich hat Shields diesen Sound erfunden. Live steht der Gesang – wie auch auf Platte – meist im Hintergrund der wallenden, wabernden Gitarrenwände. Sowieso beschränkt sich die Kommunikation mit dem Publikum auf ein ab und zu ins Mikro gehauchtes „Thank you« von Butcher , sowie ein kurzes »That happens all the time« von Shields (als die Band bspw. den Beginn von „Nothing Much To Lose“ verhunzt und von neuem startet). Ein in sich stimmiges Set mit allen Hits und  vier Songs vom neuen Album (»New You«, »Who Sees You«, »Only Tomorrow« und »Wonder 2«). Dann kommt sie, die gefürchtete und doch herbeigesehnte »Holocaust-Section«, der Zwischenteil von »You Made Me Realise«. Über zehn Minuten werden hier fünf (!) zusätzliche Verstärker dazu geschaltet, während die Band auf ihre Instrumente drischt. Das ist keine Musik mehr, das ist Kunst in Form eines Nahtoderlebnisses. Man wird in einen Tunnel gesogen, kann sich diesem Höllenlärm nicht entziehen als wäre die vollständige Zertrümmerung aller Gehörknöchelchen schon seit jeher der geheimste Wunsch.

 

Nostalgie? Fehlanzeige. Hier besteht eine Frische, von welcher sich manche jüngere Band ein Scheibchen von abschneiden könnte. Es ist keine Tour des Geldes wegen, keine »Wir raufen uns noch mal zusammen, reden aber ansonsten nicht miteinander«-Tour. Trotz zwei Jahrzehnte Auszeit knüpft die Band genau dort an, wo sie aufgehört haben. Hä? WO SIE AUFGEHÖRT HABEN!!!