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Interview - Uncut

Muse

Intro: Ich hatte heute morgen die Chance, euer Album im Rahmen einer Listening Session zwei-dreimal zu hören. Die Eindrücke sind also noch frisch. Würdest Du es als Kompliment nehmen wenn ich sage, dass ich bei einigen Stücken gar nicht auf Anhieb erkannt habe, dass es sich um ein Muse-Album handelt
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Intro: Ich hatte heute morgen die Chance, euer Album im Rahmen einer Listening Session zwei-dreimal zu hören. Die Eindrücke sind also noch frisch. Würdest Du es als Kompliment nehmen wenn ich sage, dass ich bei einigen Stücken gar nicht auf Anhieb erkannt habe, dass es sich um ein Muse-Album handelt…?

Matt Bellamy, Muse-Sänger: Ja, denn wir wollten uns verändern. Jeder Song sollte etwas anders sein als alles, was wir davor gemacht haben. Ich denke aber, dass es vor allem produktionstechnisch eine Abkehr von früherem Material geworden ist. Der Sound ist ein anderer. Würden wir die Songs im Proberaum spielen, etwas rauer, würden sie wieder mehr nach Muse klingen.

War das denn eine bewusste Entscheidung, den Sound derart zu verändern?

In der Tat. Wir wollten unser Wissen erweitern, vor allem im Bezug auf die Produktionstechnik. Wir wollten interessanter werden.

Lag das an Rich Costey, dem Produzenten?

Nein, wir haben das Album gewissermaßen zusammen produziert. Wir dachten, mit dem vierten Album ist es an der Zeit, einen anderen Aspekt von Muse zu zeigen. Viele Elemente des neuen Albums waren schon immer ein Teil von Muse, wir haben es nur nicht geschafft, diese auch auf den vorangegangenen Alben heraus zu arbeiten. Jetzt ist uns das gelungen.

Vor knapp zwei Monaten, das neue Album befand sich gerade im Mix, las' ich ein Posting auf eurer Webseite, das damals auf mich wie reines Kauderwelsch wirkte. Ihr spracht davon, dass es auf dem Album zu einem Menage-À-Trois mit Prince, R2-D2 und der Queen kommt. Jetzt verstehe ich diesen Wink allerdings besser, die Einflüsse - von Prince bis Queen - sind ja überaus deutlich…


"Supermassive Black Hole", ja [lacht]. Wir hatten schon immer dieses Groove-Element, haben es aber nie richtig umsetzen können. Zuvor hatten derartige Riffs immer ein wenig nach Rage Against The Machine geklungen. Dann haben wir einen Drum-Beat ausprobiert, einen elektronischen Beat, den Dom kreiert hatte. Das hat dem Ganzen dann eine völlig neue Richtung gegeben. Es ist eigentlich ein Heavy-Blues Riff, aber der Elektro-Beat inspirierte mich dann zu einer ganz anderen Vocal-Performance. Daher dann diese Funk Vocals. Auf unserem zweiten Album ist ja ein Song namens "Microcuts", auf dem ich Falsett singe. Das wollte ich unbedingt wieder machen, allerdings weniger opernhaft.

Dieser Nonsense in eurem Internet-Posting, fasst der nicht auch ganz gut zusammen, worum es bei Muse geht? Kreativ zu sein, das Unmögliche möglich machen - anything goes?

Diese etwas seltsam anmutenden Wörter und Ausdrücke ist eigentlich genau die Art und Weise, wie wir uns untereinander unterhalten. Wir lieben es, in den hintersten Ecken und abgelegensten Orten zu stöbern. Denn da stolpert man manchmal über sehr interessante Dinge.



Mir scheint das neue Album viel optimistischer ausgefallen zu sein. Vor allem musikalisch, da ich jetzt nur Bruchstücke der Texte mitbekommen habe…

Ja, das Fun-Element ist definitiv größer. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, das Ganze als puren Spaß zu bezeichnen, aber man bekommt schon einen tieferen Einblick in unseren Sinn für Humor. Vielleicht das allererste Mal. Natürlich gibt es ernste Momente auf dem Album, aber der Charakter ist schon eindeutig positiv.

Warum hat es so lang gedauert, das Album fertig zu stellen? Es sind immerhin knapp drei Jahre seit eurem letzten Werk ("Absolution", Anm. d. Autors) vergangen?

Es war in der Tat ein sehr langer Aufnahmeprozess, der längste überhaupt bisher. "Absolution" wurde acht Monate nach dem Europa-Release auch noch einmal in den Staaten veröffentlicht, das verzerrte natürlich auch den Tourplan. Letztlich waren wir dann bis zum April 2005 auf Tour. Dann haben wir einige Monate Pause gemacht und im Juni, Juli damit begonnen, neue Songs zu schreiben. Die sollten dieses Mal eben auch etwas anders ausfallen, deswegen haben die Proben auch länger gedauert. Der Aufnahmeprozess zog sich dann in die Länge, weil wir mit vielen neuen Sounds und Techniken herumexperimentiert haben. Für die Band war das sehr wichtig, denn wir konnten Muse dadurch auf ein neues Level hieven.

Chris sagte im Vorfeld einmal in einem Interview, dass ihr mit dem neuen Album eure Fans schocken werdet. Scheinbar habt ihr ja zwiespältige Reaktionen bewusst in Kauf genommen…

Wir wollten vor allem uns selbst überraschen! Ich bin sehr froh, dass uns Songs wie "Supermassive Black Hole" oder "Knights Of Cydonia" geglückt sind. In meinem Kopf schwirrten die schon länger rum, ich war mir nur nicht sicher, ob wir sie hinbekommen würden. Wir wollten uns aller Fesseln entledigen und zeigen, was mit Muse möglich ist.

Teile des Albums wurden ja in ruhiger Umgebung in einem Chateau in Südfrankreich aufgenommen, andere Teile dann im krassen Gegensatz dazu in New York City. Inwiefern hatten diese beiden Extreme Einfluss auf's Songwriting?


In Miraval (Name des Chateaus/Studios, Anm. d. Autors) waren wir sehr von der Außenwelt abgeschnitten. Unser Tourleben schien auf einmal unglaublich weit entfernt, ähnliche Distanz bauten wir dann zu unserem Privatleben auf - und auch etwaige Erwartungen ließen wir so zurück, so dass wir in völliger Freiheit arbeiten konnten. Wenn man neue Ideen und Wege beschreiten will ist es vielleicht wichtig, sich so abzuschotten. Zumindest für mich, denn der Alltag - Fernsehen, Familie, Freunde - lenkt da nur ab. Erwartungshaltungen der Fans oder der Plattenfirma, all' das haben wir bewusst oder unbewusst zuhause gelassen. Das sind dann die positiven Aspekte einer solch abgeschiedenen Atmosphäre. Auf der anderen Seite führt es aber auch zu Schwierigkeiten, beispielsweise sich endgültig festzulegen. Wir haben fast etwas den Überblick verloren, so sehr schienen wir in neuen Ideen und Ansätzen zu ertrinken. Das war sehr verwirrend. Wir hatten fast 20 Songs, so viele wie nie zuvor.
In New York konnten wir uns dann seltsamerweise recht schnell entscheiden.



Man munkelte im Vorfeld, dass die das Nachtleben in New York überhaupt erst zu Upbeat-Songs wie "Supermassive Black Hole" inspiriert hat…

[lacht]. Als wir Frankreich verließen, waren einige Songs noch in der Rohfassung. "Supermassive Black Hole" erschien uns da noch als eine Art Witz. Oder ein Song wie "Starlight" klang z.B. zunächst viel trauriger, viel melancholischer. In New York haben wir dann offenbar einen Kick gekriegt, so dass der Song letztlich viel optimistischer klingt. Dasselbe bei "Supermassive", das wurde ein regelrechter Fave von uns. Vielleicht lag das wirklich an der Atmosphäre der Stadt, mit all' den Clubs, dass uns der Groove-Aspekt bei einigen Stücken wichtiger wurde.

Gibt es textlich einen roten Faden im Album? Nicht unbedingt ein Konzept, aber bestimmte wiederkehrende Themen und Motive? [Der Albumtitel stand zu dem Zeitpunkt des Interviews noch nicht fest, Anm. d. Autors]

Vielleicht…Normalerweise singe ich in der ersten Person, ich habe nie sonderlich Geschichten über bestimmte Leute erzählt. Dieses Mal geht es ein bisschen um den Kampf und das Ringen mit verschiedenen Widrigkeiten des Lebens, aber erzählt aus der Sicht eines anderen Menschen, nicht von mir. Es geht um Angst darüber, wer oder was die Welt regiert. Es geht um Vertrauen und darüber, in diesem Wirrwarr nicht die Übersicht zu verlieren. Vielleicht geht es um eine Person, die sich durch dieses Chaos kämpft.

Ein gutes Stichwort. Auf dem Album gibt es mit "A Soldier's Poem" einen nur knapp zweiminütigen Song, in dem ihr aber das erste Mal auch konkret politisch werdet.

Ja, ich hatte irgendwie Mitgefühl mit all' den Soldaten, die im Krieg kämpfen, über die in den Medien aber nie berichtet wird, weil der Krieg so ein anonymes Ungetüm ist. Es wird halt oft vergessen, dass diese ihr Leben riskieren und inmitten all' der politischen Debatten regiert ihr Leben wiederum an letzter Stelle. Für mich war es dabei interessanter auf den - oder die - Menschen einzugehen, die bei einem Krieg sterben. Es geht weniger um den politischen Aspekt oder die Gründe für oder wider den Irak-Krieg. Es ist aus der Sicht eines Soldaten geschrieben. Stilistisch hat sich da für mich auch ein wenig eine neue Tür geöffnet, denn ich singe das erste Mal in der ersten Person, aus Sicht des Soldaten, ohne tatsächlich über mich zu singen. Tom Waits singt z.B. auch oft in anderen Charakteren.

Ist es dann ein Zufall, dass der nächste Song "Invincible" mit einem militärisch anmutenden Marschrhythmus beginnt?

[lacht] Nein. In der Tat waren beide Songs vorher fast ein einziger, zusammenhängender. Ursprünglich waren beide Teile in D-Dur geschrieben, aber "Invincible" war für mich vom Gesang her zu hoch. Das Falsett klang einfach komisch. Dann haben wir im Falle des letzteren die Tonart in C-Dur geändert und erst dann wurden zwei verschiedene Songs daraus. Aber ich wollte beide Songs auf dem Album haben, sie sind ein bisschen das Herz des Albums. "A Soldier's Poem" erzählt von jemandem, der die Hoffnung verliert. "Invincible" hingegen handelt von einem fast unrealistischen Optimismus, so ein bisschen wie: Wir können alles erreichen, wir haben die Macht.



Warum habt ihr euch für "Supermassive Black Hole" als erste Single entschieden?

Der Song ist für mich grundsätzlich anders als der Rest des Albums. Als Ganzes funktioniert das Album gut, aber dieser Song sticht absolut heraus. Weil eine Single im Vorfeld veröffentlicht wird, dachte ich es sei gut, auf eine andere Seite von Muse hinzuweisen. Eine groovigere und auch lustigere Seite. Wenn das Album dann draußen ist, werden wir wahrscheinlich eine Single veröffentlichen, die dem Grundthema des Albums gerechter wird.
Vielleicht "Starlight" oder "Invincible".

Bei einem Song, "Assassin", entpuppt ihr euch hingegen als waschechte Metaller in System Of A Down-Manier…

[lacht] Ja, dieses Speed Metal-Riffing hat mich schon immer begeistert. Dieser ganze Kram, wie Lightning Bolts, SOAD oder auch das stoische Bass-und-Drum-Gerüst von Def Leppard. Immer wenn Muse mit solchen Minimal-Ansätzen spielen, klingen wir wie eine Metal-Band. Oder eben wie bei "A Soldier's Poem", das sind die beiden Spielarten, die ich sehr mag. Drei Leute, die ihre Instrumente spielen. Wir dachten, das wäre auch eine wichtige Seite von Muse [lacht].

Auf dem Album sind ja nun ziemlich verschiedene Stile und Genres vertreten. Glaubst Du, die Leute kommen damit noch zurecht?

Ich weiß natürlich nicht, ob das alle können. Aber einige bestimmt. Gerade die Internet- oder iPod-Generation beschäftigt sich wieder mehr mit Alben und hört mitunter viele unterschiedliche Stile. Eben weil man alles mit sich herumtragen kann. Die Leute können schneller zwischen verschiedenen Stilen hin und her springen und sind offener für viele verschiedene Genres. So höre ich Musik. Das Internet hat insofern auch einen großen Einfluss auf das Album gehabt, all' die Möglichkeiten und Webstations, denen man immer und überall zuhören kann…

Bei diesem Album erscheint es mir andererseits auch viel einfacher, einzelne Songs aus dem Gesamtkontext zu reißen.


Vielleicht ist das ja der direkte Einfluss. Ich glaube sowieso nicht, dass ein Album diesen stringenten Fluss haben muss. Nicht mehr haben muss.

Ihr beschäftigt euch scheinbar auch wieder mit esoterischen Themen. Ein Song trägt den Titel "Exo Politics", also Politik, die durch außerirdische Intelligenz beeinflusst wird und um die sich wüste Verschwörungstheorien ranken…

Verschwörungstheorien haben mich schon immer interessiert. Es gibt mit Sicherheit viele Informationen, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Inklusive mir selbst, ich sage also nicht, dass ich darüber Bescheid weiß. Ich habe im Vorfeld der Albumproduktion viel darüber gelesen, manches ist purer Schwachsinn, manches recht interessant. Ich mag' allerdings diesen schmalen Grad. Viele Songs auf dem Album beschäftigten sich mit Verschwörungstheorien oder der Bildung einer Weltregierung, ein Thema das seit knapp fünfzig Jahren diskutiert wird. Andere drehen sich um Kontrolle und wie die Medien uns bewusst beeinflussen und von der Wahrheit ablenken. Methoden, die die Leute davon abhalten, Dinge und Sachverhalte in Frage zu stellen. Erfindungen und Technologien, die zurückgehalten werden, um sie später militärisch nutzen zu können. All' das interessiert mich und hat das Album beeinflusst.
Im ersten Song ["Take A Bow", Anm. d. Autors] geht es um das Gefühl des kleinen Menschen, der über alles die Kontrolle verloren hat und sich nun ein wenig an der Obrigkeit rächen will. "Exo Politics" bedient allerdings eher die Seite, die ich für verrückt halte [lacht]. Es geht um ein Handelsabkommen zwischen der US-Regierung und Außerirdischen, über die Nutzung neuer Technologien. Viele Leute glauben, dass ein Großteil unserer heutigen Technik nicht von dieser Welt stammt. Ich bin mir da nicht so sicher, aber interessant ist es allemal.

Letzte Frage: Du warst vor der Albumproduktion einige Wochen in Bhutan. War das nur Urlaub oder hatte das einen tieferen Sinn?

Ich bin immer sehr daran interessiert, für eine Zeit lang unserer modernen Welt zu entfliehen, der gleiche Grund, warum wir nach Südfrankreich in dieses urige Chateau gingen. Handys, Computer, Fernsehen. Wenn man davon mal eine Zeit lang Urlaub macht, hilft das sehr - auch beim Songschreiben. Ich schreibe definitiv besser, wenn ich frei von solchen Einflüssen bin. Zudem reizt es mich, eine andere Art zu leben kennen zu lernen. Das ist sehr inspirierend, man kann dann auch objektiver Schreiben. Ich habe zwar nicht direkt Songs dort geschrieben, abgesehen von einigen kleinen Ideen und Skizzen, aber bestimmt doch einige Textideen und -themen entwickelt.