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Das neue Unten

Mr. Len / Def Jux

Trauer und Zersplitterungen: Company Flow ist tot - es leben El-P (inkl. Def-Jux-Label), Mr. Len und Bigg Jus!!! Die letzte große Selbstermächtigung, um ganz tief unten mit HipHop zu sein, geht ab sofort dreigeteilte Wege. Ein multiplexes Erarbeiten von noch mehr derben Tracks, die Rest-HipHop wie i
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Trauer und Zersplitterungen: Company Flow ist tot - es leben El-P (inkl. Def-Jux-Label), Mr. Len und Bigg Jus!!! Die letzte große Selbstermächtigung, um ganz tief unten mit HipHop zu sein, geht ab sofort dreigeteilte Wege. Ein multiplexes Erarbeiten von noch mehr derben Tracks, die Rest-HipHop wie in einem fernen Wolkenkuckucksheim lebend erscheinen lassen. Die aktuellen Solo-Alben von Mr. Len, "Pity The Fool: Experiments In Therapy Behind The Mask of Music While Handing Out Dummy Smacks", Bigg Jus, "Plantation Rhymes / Gaffling Whips", und demnächst auch El-P, "Fantastic Damage", dokumentieren in Sachen MC-DJ-Kombinationen Neustart und Systemabsturz zugleich. Ein neuer massiver HipHop-Lauschangriff, der rückwirkend vieles entwertet, was du vorher über Beats, Turntables & Rhymes zu wissen glaubtest. Solche Vorkommnisse sind im tagtäglichen Musikgeschäft normalerweise so unwahrscheinlich wie ruinös; höchste Zeit also, aufklärende Gespräche mit Mr. Len und El-P über neue HipHop-Götter und autonome Label-Welten zu führen.

Die HipHop-Welt krepiert - Endspurt!

Underground, wie tief kannst du gehen? Diese Frage hat die New Yorker Rap-Formation Company Flow schon mit ihren gemeinsamen Platten - damals noch zusammen mit dem gerade angesagtesten HipHop-Label des US-Undergrounds: Rawkus - auszuloten versucht. Das infernale HipHop-Trio aus Brooklyn und Queens veröffentlichte nach vier 12-Inches und einer Doppel-EP 1997 sein Debütalbum "Funcrusher Plus". Die Beatschmiede von Company Flow arbeitete total durchgedreht. Die Samples liefen absichtlich unrund, die lauten Beats polterten eher spröde als an schnödem P-Funk orientiert. Einzelne Songs zersplitterten in diverse Sound-Fragmente. Die Raps klangen teils verzerrt, teils wie in feuchten Kellerräumen aufgenommen. Hatte HipHop tatsächlich seinen Doomsday erreicht? Das MusicMag Spin riskierte anlässlich des Phänomens Company Flow jedenfalls eine superflye Lippe und brachte es genau auf den Punkt: "Like the Wu-Tang Clan if they watched the news as intently as kung fu flicks."

Als alle auf ein neues Company-Flow-Album warteten, servierten uns El-P(roducto) und Mr. Len die scheinbare Zwischenmahlzeit "Little Johnny From The Hospital" (Rawkus, 1999), die allerdings zum Nachtisch wurde: 16 instrumentale HipHop-Tracks, die jede Reim-Karaoke-Bar der Welt zum Zerbersten bringen konnten. Feiste Downtempo-Monster, deren Beats raw, funky und technoid dahersteppten, als wären reduzierte Soundfunktionen und ein radikaler Anti-Popfetischismus die selbstverständlichste aller existierenden HipHop-Welten. CF-Kollege Bigg Jus wandelte damals bereits auf Solo-Pfaden. Der endgültige Split, der einige Zeit später nach gemeinsamer Abschiedsclubtour offiziell bekanntgegeben wurde, konnte niemanden mehr überraschen.

Mr. Len: "Am Ende stimmte die Chemie innerhalb von Company Flow nicht mehr. Vielleicht haben wir einfach eine zu lange Zeit gemeinsam abgehangen. Musikalisch hätte uns ein gemeinsames Projekt nicht mehr weitergebracht. Und darum ging es El-P, Bigg Jus und mir ja hauptsächlich."

El-P: "Das Album 'Little Johnny From The Hospital' war eine Art Versuchsballon, ob Company Flow nicht auch als Duo weitermachen könnten. Bigg Jus war zu der Zeit schon nicht mehr dabei. Doch im Studio merkten Mr. Len und ich, dass wir ausschließlich getrennt voneinander an Tracks arbeiteten, die auf dem Album dann nur zusammengefasst wurden. Da ergab es keinen Sinn mehr, Company Flow aufrechtzuerhalten."

Der womöglich längste Albumtitel der Welt...

...ist schwer übersetzbar, bzw. das beliebteste (MC-) Wort der Welt beginnt mit F und lässt sich sowohl in Sachen Liebesbeweis als auch für strikte Ablehnungsbekundungen verwenden. "Mitleid mit dem Trottel: Therapeutische Experimente getarnt durch die Maske der Musik bei gleichzeitiger Austeilung von Schein-Ohrfeigen" - auf solch einen Albumtitel muss im HipHop-Business erst mal jemand kommen. Naheliegender war es da schon, dass Mr. Len für die zwölf Tracks seines Solo-Debüts viele Einladungskarten verschickte.

Über den Daumen gepeilt fanden so anderthalb Dutzend MCs (u. a. The Juggaknots, Q-Unique (Arsonists), Lord Sear, Mr. Live, Steady Roc und Chubb Rock) den Weg zu ihm ins Aufnahmestudio. Ihr Anliegen: gemeinsam mit Len den HipHop zu retten. Mr. Len: "Es wäre für mich zu früh gewesen, wieder einer festen Gruppe anzugehören. Es gibt genügend Leute da draußen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten will, so habe ich mich für eine lange MC-Gästeliste entschieden. Meist entwarf ich zuerst ein Demo-Instrumental, über das der jeweilige MC im Studio später reimte. Dann habe ich dem Track den letzten Schliff gegeben. Das größte Problem bei so vielen Beteiligten ist, den Terminplan richtig zu koordinieren."

A girl named Stan

Der geniale Gegenentwurf zu Eminems "Stan" (pseudo-kritische HipHop-Fan-Story unterlegt mit poppigsten Momenten) ist da. Und er heißt "Taco Day". Ein einsamer Organist loopt sich durch ein neunminütiges Sozio-Requiem. Rudimentäre Elektronik und ein schleppender Beat bilden den perfekten Soundtrack zu dieser Spoken-Word-Massacre-Story an einer amerikanischen High-School, deren mediale Berichterstattung sich meist nur auf Ratlosigkeit und Bodycounts beschränkt. Auf "Taco Day" erzählt uns Jean Grae (feat. The Melon Bayside High Drama Club) ausführlich, warum die Protagonistin mit dem Konzept Montag nicht mehr klarkam.

Ein ganz und gar unlustiger Blick hinter die Bilderbuch-Fassade eines all-american Collegesweethearts (inkl. Promqueen-Dasein, Cheerleadertum und Quarterback-Boyfriend), das sich jedoch als verzweifeltes Mädchens herausstellt: Ihre Seelenwelt ist durch sexuellen Missbrauch (Vater und Kriegveteran-Opa) systematisch zerstört worden. Der Mutter war's egal, solange alles nur schön in der Familie bleibt. Am blutigen Ende werden, auch zum Schutze der jüngeren Schwester, erst die drei Erziehungsberechtigten und dann noch ein paar Lehrer und Mitschüler zur finalen Rechenschaft gezogen. Stich-stich-stich, Bang-bang-bang. Die Lakonie in Jean Graes Vortragsstimme ist dabei ein Schock. Damit der Dramabezug des Instrumentals nie zur Disposition steht, hat sich Mr. Len selbstverständlich jeden Schmeichelchorus à la Dido verkniffen. Statt dessen gibt's hörspielartige Einschübe zum Thema Gesellschaftskunde.

Mr. Len: "Ich liebe Songs, die eine extreme Länge haben. Isaac Hayes beispielsweise hat ja Stücke von über 17 Minuten Playtime gehabt. Heute wollen alle stets radiokompatibel sein, also beugen sie sich der 3,5-Minuten-Diktatur. Mir kann das ja egal sein. Meine Songs werden sowieso nicht im Radio gespielt. Mit der Story zu 'Taco Day' ist Jean Grae bei mir im Studio aufgetaucht. Und ich habe versucht, das passende Instrumental zu kreieren. Es ist eher ein Kinofilm als ein HipHop-Track. Wobei die Kunst auch darin besteht, dem Hörer die tatsächliche Spieldauer subjektiv viel kürzer erscheinen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist."

Die letzte Versuchung HipHops: Scott La Rock

"WADADADENG, WADADADENG - listen to my piano goes bang." Die Welt, die Boogie Down Productions 1987 auf ihrer ersten LP "Criminal Minded" entwarfen, war eine Welt der Waffen, der Drogendealer und des tagtäglichen Überlebenskampfes. Klar, dass da die verwandte Musikfarbe nur zwischen Schwarz und Grau pendelte. Gerade Scott La Rocks damalige Art, das Piano geradezu brutal einzusetzen, findet man jetzt, fast 15 Jahre später, bei Mr. Len wieder.

Mr. Len: "Ich habe eigentlich keinen bestimmten Sound-Style. Wenn ich einen Track mache, ist immer alles möglich. Egal, ob ich dafür Piano, Gitarre, Bläser oder sonstige Musikinstrumente benutze. Am Ende des Tages muss nur eines garantiert sein: Der Song muss immer funky sein. Aber natürlich bin ich in Sachen Beats eher durch Scott La Rock und ein Album wie 'Criminal Minded' beeinflusst als durch den aktuellen Chart-HipHop."

Wir dröhnen auch anders

New Metal ist das neue Lustig. Und wenn schon Acts wie Limp Bizkit hemmungslos die HipHop-Kultur plündern dürfen, darf auch ein Typ wie Mr. Len mal ordentlich den Gitarrenlärm pegeln lassen. Dass der Song "Force Fed" dabei eher nach guten Helmet als nach öden Linkin Park klingt, müsste wohl gar nicht erwähnt werden.

Mr. Len: "Solche Dinge haben mit Run DMC / Aerosmith oder Public Enemy / Anthrax ja durchaus eine Tradition. Ich bin zwar kein großer Metal-Fan, aber Sachen wie Black Sabbath, Bad Brains oder die frühen Metallica mag ich schon. Von den neueren Sachen finde ich Rage Against The Machine ganz gut. Die Band Agent Of Man kannte ich schon länger. Die kommen auch aus Jersey. Deshalb lud ich sie ins Studio ein, um den Basis-Track zu 'Force Fed' einzuspielen."

Independent as fuck

Nach dem Streit mit Rawkus erhob sich Def Jux (El-Ps neue autonome Label-Bastion) wie ein mächtiger Rache-Phönix aus der Company-Flow-Asche. Es erschien die Doppel-12-Inch "DPA / Iron Galaxy" von Company Flow und Cannibal Ox, die kommende Götterhämmerungen mehr als andeutete. Beispielsweise der Mutanten-Track "DPA (As Seen On TV)", wo die lärmigen Beatattacken plötzlich wegbrechen, der Rap klarer & verständlicher wird und alles in eine komplett andere BPM-Richtung geht, um dann im finale furioso wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren.

Doch auch wenn es hier neue Company-Flow-Songs zu hören gab, ist die Gruppe definitiv nicht mehr existent. El-P, der Master of MC-Blaster, wird ab jetzt nur noch unter seinem Solo-Pseudonym releasen. Ein eigenes Album, das jedoch nicht, wie oft zu hören war, "Pain Cave", sondern "Fantastic Damage" heißen wird, ist erst für April 2002 angekündigt. So lange muss sich der avancierte HipHop-Fan halt mit den beiden Def-Jux-Alben von Cannibal Ox, "The Cold Vein", und Aesop Rock, "Labor Days", vergnügnen, die die Warteschleife kongenial verkürzen.

El-P: "Es gibt keinen einheitlichen HipHop-Sound auf Def Jux. Alle Acts haben ihren ganz eigenen Style. Es sollte aber immer eine progressive Herangehensweise hörbar sein. Mich reizt der HipHop-Entwurf, der sowohl street als auch intelligent ist. Und das, was Leute wie Cannibal Ox, Aesop Rock, Ill Bill und ich teilen, ist die gemeinsame Liebe zum HipHop an sich. Deshalb supporten wir uns gegenseitig, wo es nur geht. Der Erfolg von Company Flow hat es mir erst ermöglicht, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen. Mein erstes Label Official Recordings ist ja bei der Auflösung des Deals mit Rawkus draufgegangen. Ich bereue heute keineswegs, damals auf Rawkus releast zu haben, aber 1999 war es dann auch an der Zeit, das Label zu verlassen. Deren Geschäfte gingen doch immer mehr in Richtung Gold-Abräumer. Das ist nicht schlimm. Nur bin ich für solche Dinge nicht der richtige Mann. Def Jux soll jetzt den Raum einnehmen, der dadurch innerhalb der New Yorker Label-Landschaft frei geworden ist. Dabei geht es mir gar nicht um die Etikettierung Underground. Underground bedeutet ja noch nicht automatisch, dass man auch gute Musik macht.
Es gibt mindestens so viele schlechte Underground- wie Major-Platten im HipHop-Biz. Independent in seiner Kreativität zu sein ist wichtig. Ich möchte bei meinem ganzen Tun und Handeln möglichst wenig Kompromisse eingehen. Und der einzige Druck, den ich bei meiner nächsten Platte auferlegt bekommen möchte, sollte nur der eigene Anspruch sein. Nicht der irgendwelcher Vorstandstypen, die Gewinnerwartungen mit meiner Person verknüpfen. Ich denke, dass die Platten, die auf Def Jux erscheinen, den Leuten Alternativen aufzeigen. HipHop ist schließlich nicht nur das, was Massentauglichkeit besitzt. Trotzdem ist nicht jeder HipHop-Act, der mega-erfolgreich ist, automatisch wack. Jay-Z beispielsweise ist für mich ein absoluter Held. Und auf manche Beats seines neuen Albums 'The Blueprint' bin ich echt neidisch. Redman ist ein ähnlicher Fall. Einer der größten MCs in der gesamten HipHop-Geschichte. Nur dass Def Jam ihn in letzter Zeit zu schnell zu einer neuen Platte drängt."