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So war’s in Wolfsburg: »Ganz geil, danke!«

Move On Up mit Jochen Distelmeyer live

Beim Move On Up Festival in Wolfsburg tritt Jochen Distelmeyer nach langer Live-Abstinenz endlich wieder auf die Bühne und belegt seine Aussage im Vorfeld, er habe »Bock auf das Konzert«. Aber auch Sizarr, Cibelle und The Majority Says überzeugen.
Geschrieben am

22.05.2014, Wolfsburg, Hallenbad - Kultur am Schachtweg

 

Gar nicht so leicht, alle Facetten dieses gelungenen Abends auf einen Nenner zu bringen. In Wolfsburg ist man immerhin auch nicht alle Tage, um sich Bands anzuschauen, schon gar nicht in einer Location wie dem Hallenbad im Schachtweg. Die ist nämlich genau das – ein Hallenbad, das zwar nicht mehr genutzt wird, aber immer noch so strahlend blau ausschaut, dass man sich ein wenig beherrschen muss, nicht den Fünfer zu entern und den besten und vermutlich letzten Stagedive seines Lebens zu machen. Da würde man nämlich genau auf der kleineren der beiden Bühnen landen, die inmitten des leeren Bades steht, direkt am »Abgrund« zum tieferen Sprungbecken. Auch das Publikum hier ist nicht unbedingt vergleichbar mit jenem, das einem in den sogenannten »A-Städten« der Konzertwelt begegnet. Hier sieht man alle Altersklassen: die Wolfsburger Jugend versucht mit den Hostessen am Eingang zu schäkern, die kulturinteressierten Ehepaare Ende 40 führen das gute Sakko und das schicke Schwarze aus, der ein oder andere Hipster schleicht durch die Reihen, die VW-Prominenz freut sich über das gut gefüllte Haus und einige kleinere Gruppe zugereister Distelmeyer-Fans schwatzt fachmännisch über das anstehende Blumfeld-Jubiläum.

 

Auf der Bühne im Becken spielt zunächst der Pop-Nachwuchs The Majority Says, die auf der außergewöhnlichen Konstruktion anfangs ein wenig verloren wirken. Hat man als Künstler ja auch nicht alle Tage, dass man unter dem Sprungturm spielt und nur ein kleiner Teil des Publikums auf Augenhöhe ist und der Rest vom Beckenrand hinunter schaut. Aber die jungen Schweden besinnen sich auf ihren gut sichtbaren Zusammenhalt (immerhin sind sie seit Jugendtagen befreundet) und kriegen den Dreh spätestens mit dem offiziellen Song zum Abend. »On My Way«, ein hymnisches Stück Popmusik, das in der Indie-Disse ebenso gut funktionieren dürfte, wie in einer größeren Halle. Vor allem die Stimme von Hanna Antonsson bleibt dabei im Ohr und macht neugierig auf das Debütalbum, das diesen Sommer den Weg in unsere Landen und Läden findet.

 

Auch Sizarr, die im Raum nebenan – der einst das Nichtschwimmerbecken war – aufspielen, mögen optisch noch als Jungspunde durchgehen, kaum stimmen sie die ersten Songs an, merkt man jedoch, dass diese Herren genau wissen, was sie da tun. Das goutiert auch das Publikum, das Sizarr größtenteils noch nicht zu kennen scheint. Während hinter einem noch diskutiert wird, wo denn genau Landau liegt, sagt eine Dame um die fünfzig zu ihrer Begleitung: »Hat was von James Dean, findeste nicht?« Damit ist natürlich Fabian Altstötter gemeint, den man allerdings wohl kaum auf sein smartes Aussehen reduzieren kann. Diese facettenreiche Stimme, die manchmal klingt, als wüsste Altstötter selbst nicht, wann sie das nächste Mal in dieses heisere Raspeln verfällt, bleibt einfach etwas sehr besonderes – was besonders auffällt, wenn sie in Verbindung mit richtig gutem Songwriting erklingt. So zum Beispiel bei »Icy Martini« oder im abschließenden »Boarding Time«. Der Jubel danach macht deutlich: Sizarr werden an diesem Abend noch ein paar Tonträger an Mann und Frau bringen.

 

Zurück unter dem Sprungturm, kämpft die Brasilianerin Cibelle ein wenig damit, die Leute mit ihrem originellen Dance-Entwurf, bunten Visuals und expressivem Tanz nicht zu überfordern. Auch ihr Mitstreiter auf der Bühne – ein junger Mann, der besagte Visuals programmiert hat – wirkt in seiner Funktion ein wenig befremdlich. Die besteht lediglich darin, mit einer Flasche Bier auf der Stelle zu tanzen und hin und wieder an seinem alten Windows-Laptop ein neues Video anzustellen. Was ihm ungefähr bei jedem zweiten Song gelingt. Aber man will ja nicht meckern: Immerhin kann man so mal wieder nostalgisch auf deine alte Windows 95-Oberfläche schauen. Cibelles aufgekratztem Charme ist es am Ende zu verdanken, dass zumindest die ersten Reihen munter in Bewegung sind. OK, zugegeben, die hohe Qualität ihrer Songs »Weapon« und »The Fall« spielten da hoffentlich auch mit rein.

 

Tja, und dann ist es soweit. Jochen Distelmeyer betritt wieder eine Bühne. »Einfach so«, mit vierköpfiger Band im Rücken, spart er sich sämtliche Begrüßungsfloskeln und ist gleich in diesem stoischen, treibenden Song, aus dem Wut, Selbstzweifel und Optimismus in gleichem Maße sprechen. »Er«, ebenfalls aus seiner »Heavy«-Phase, schlägt in die gleiche Kerbe. Es folgt der erste von vielen Blumfeld-Klassikern:  »Mein System kennt keine Grenzen.« Und hier merkt man zum ersten Mal, wie sehr man die Gelegenheit vermisst hat, sich der Gedankenwelt des Jochen Distelmeyer auszuliefern, diesen poetischen Wortfluten, die dank seiner Stimme so schön vordergründig säuseln, einem aber nachhaltig das Hirn verdrehen. »Ich öffne das Fenster / Da steht ein Pferd auf dem Flur / Umringt von Gespenstern / Sie reden mit mir / Ich bin einer von ihnen / Und wir singen im Chor / Die Songs handeln von mir / Du kommst auch darin vor«. Und dann singen wirklich alle im Chor, skandieren »Mein System kennt keine Grenzen!« Das ist irgendwie mitreißend, irgendwie nostalgisch und irgendwie auch a bisserl gaga. Mit »Ich – Wie es wirklich war« geht’s dann zugleich in die Zukunft und die Vergangenheit von Blumfeld, denn dieses Stück wird Distelmeyer ja im Herbst mit der Urbesetzung von »L’etat Et Moi« zum 20. Jubiläum noch einmal spielen.

 

Zeit, mal ein wenig Tempo rauszunehmen. Distelmeyer lässt sich die Akustikgitarre reichen und macht sich an die »Eintragung ins Nichts«. Aber auch wenn hier die Gitarren ein wenig dezenter klingen, der Song haut einem immer noch mit voller Wucht in die Fresse: »Ich schlag die Zeitung auf / und werde zum Rächer / Man muss den Tatsachen ins Auge sehen / O.K., das reicht – wir werden nicht bestehen / Eintragung ins Nichts – das sind wir / unbemerkt und schon vergessen / Eintragung ins Nichts – verrat mir / wer sollte uns vermissen / die Welt in der wir leben / wird zu Grunde gehen«. Das musste einfach mal wieder gesungen werden. Gerade in diesen Zeiten, in denen das »Wir« zu diesem beschissenen Wohlfühl-Wir mutiert ist, das uns permanent eingesungen wird. Von den Julia Engelmanns dieser Welt mit ihren läppischen hochgejazzten Wohlstandsproblemen, die »wir« alle teilen. Von intellektuellen Dünnbrettbohrern, die »uns« immer wieder für ihre Bahnhofsbuchhandelbestseller in eine »Generation« einnorden wollen und sich die Namen dafür neuerdings schon aus Zigaretten-Werbekampagnen borgen. Da muss man sich das endlich mal wieder einsingen (lassen), wie es wirklich ist: »Eintragung ins Nichts – das sind wir.« Und nix anderes. Pardon. Aber so wirkt nun mal ein guter Blumfeld-Song.

 

Jochen Distelmeyer und seine Band haben bei all dem ganz offensichtlich Spaß an der Sache. Beim folgenden »Anders Als Glücklich«, bricht er an einer Stelle fast in lautes Lachen aus, als er singen muss »ich lauf herum als böses Omen / das muß das Alter sein«. Wie er da so steht mit wild gemustertem Hemd (weiße Pflanzen auf dunkelblauem Grund), in die Runde grinst, dabei die lang gewachsenen Haare von links nach rechts wirft – da kann man schon zu der Erkenntnis kommen, dass man die Sache mit dem Altern im Rock doch ganz stilvoll hinbekommen kann. Als die Meute danach laut jubelt, konstatiert Distelmeyer: »Ganz geil, vielen Dank!« Ein Fazit, das man ruhigen Gewissens auf den ganzen Abend ausweiten kann.

 

Auch den ein oder anderen Jokus kann sich Distelmeyer nicht verkneifen. »Wir sind frei«, widmet er kurzerhand Uli Hoeneß, findet dann aber wieder zurück in ernstere Gefilde und spielt das wundervolle Jetzt!-Cover »Kommst du mit in den Alltag«. Nur um dann wenig später sein Publikum zu bitten: »Könnt ihr jetzt mal so hooligan-mäßig mitsingen?« Als das anfangs nicht ganz so klappt, meint er lachend, das klänge eher so nach »Elternsprechtag«.

 

Am Ende werden Distelmeyer und Band über anderthalb Stunden gespielt haben, weil sie es sich nicht nehmen lassen, noch eine gute Handvoll Songs als Zugabe zu spendieren. »Tausend Tränen Tief« zum Beispiel, die Musik kommt vom Band, Distelmeyer steht allein auf der Bühne, raucht eine Kippe und man wünscht sich heimlich, ihn genauso mal ins Abendprogramm auf einem Luxus-Kreuzfahrtschiff zu mogeln, damit er die Passagiere mit dieser Nummer einlullen kann, bevor er ihnen dann – wie an diesem Abend – »Aus den Kriegstagebüchern« vorliest. Mit so kruden Gedanken geht man am Ende also zurück in die Wolfsburger Nacht, schiebt sich auf dem Weg zum Auto durch die Wolfsburger Kneipenmeile mit dem seltsamen Namen »Kaufhof«, wird von einer besoffenen Horde angerempelt und denkt noch ein letztes Mal böse lächelnd an eine Songzeile des Abends: »Manchmal denke ich, ich sollte mir eine Knarre kaufen und durch die Innenstädte Amok laufen, einfach so«. Macht man Ende natürlich doch nicht. Weil man ja auch weiß, selbst wenn es an diesem Abend nicht gesungen wurde: »Es geht mir gut. Die Welt ist schön. Ich lebe gern.«