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Radikal Verbindungen herstellen

Mouse On Mars

Zwei Monate nach Ablauf der von Mouse On Mars kuratierten Ausstellung ›Doku/Fiction. Mouse On Mars Reviewed & Remixed‹ in der Kunsthalle Düsseldorf erscheint die neue Platte ›Radical Connector‹. Bejahende Imperative wie »Move it, groove it« hätte man von der (de-)konstruktivistischsten aller Ele
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Zwei Monate nach Ablauf der von Mouse On Mars kuratierten Ausstellung ›Doku/Fiction. Mouse On Mars Reviewed & Remixed‹ in der Kunsthalle Düsseldorf erscheint die neue Platte ›Radical Connector‹. Bejahende Imperative wie »Move it, groove it« hätte man von der (de-)konstruktivistischsten aller Elektronik-Bands in D nicht unbedingt erwartet, ebenso wenig ein musikalisches Bekenntnis zu R’n’B und P-Funk. Das P steht hier allerdings nicht für Parliament, sondern für die außerparlamentarische Opposition von Pop.

Reviewed & Remixed

Der in den späten 90er-Jahren immer wieder forcierte Crossover von Kunst und (elektronischer) Musik gilt ja weitestgehend als gescheitert. Zu divergent sind die Wahrnehmungsschulen von Auge und Ohr, zu unterschiedlich die Milieus, Rezeptionsmechanismen und Levels der Kritik, als dass sich beide Disziplinen einfach so und unvermittelt miteinander kurzschließen ließen. Für Jan Werner und Andi Toma von Mouse On Mars zählen solche Rahmenbedingungen aber wenig, da ja Kunst wie Musik idealiter gleichermaßen mit der Be- und Verarbeitung von Realität beschäftigt sind: Doku/Fiction. Hinsichtlich des Crossovers von Kunst und Musik haben es sich Mouse On Mars mit ihrer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle (und dem dazugehörigen Katalog) ziemlich einfach gemacht. Unter der sehr offen gehaltenen Devise ›Mouse On Mars Reviewed & Remixed‹ wurden befreundete und verehrte Künstler, Autoren oder Wissenschaftler eingeladen, die Musik von MOM frei zu interpretieren. Malerei, Skulptur, Film, Medienkunst, Poesie oder Diskursives durfte dabei entstehen, in keinem Fall aber Musik. Es ging also um eine Abstraktion – die Übersetzung audio-sozialer, sound-politischer oder mikro-ästhetischer Elemente, Fäden, Ideologeme aus dem MOM-Universum in andere Kosmen. Scheitern, Widerspruch und Kritik waren dabei ebenso willkommen wie Albernheiten und Nichtigkeiten, sofern am Horizont etwas aufschien, das noch irgendwie mit Mouse On Mars zu tun hat. Trotz Offenheit roch das manchem Besucher zu sehr nach Selbstüberhöhung, da ja den Interpreten in erster Linie ein von MOM vorgemischter Realitätsbezug als Material diente. Die Selbstüberhöhungs-Kritik greift aber nur, wenn man die Summe der einzelnen Teile mit dem Ganzen verwechselt. So sprengte auch hier das Ganze den Rahmen. Das MOM-Universum dehnte sich dabei zeitweilig in Zonen aus, in die es nie wollte, oder zog sich sogar peinlich zusammen. Letztlich wollte man von den Rotationen anderer Planeten etwas über sich selbst lernen und konnte dabei vor allem eins aufrechterhalten: den Schwebezustand zwischen »noch nicht« und »nicht mehr«. Ewiges Werden also.

Wipe That Sound

Eine konkrete Auseinandersetzung mit der Musik von Mouse On Mars findet sich im Ausstellungskatalog, wo sich Jan Werner den überaus kritischen Fragen von Oswald Wiener stellt (Auszug): Jan: Eigentlich machen wir Popmusik, ein anderes Mal absolut die Anti-Popmusik. So machen wir ein Spiel mit allen Klischees aus der Popmusik. Man denkt, das klingt schön und das ist pentatonisch. Aber es geht nie auf, du hast nie diese komplette Erfüllung, dass es linear läuft, dass der Höhepunkt an der richtigen Stelle kommt, dass es ein perfekter Song wäre, dass du damit eindeutige Gefühle verbinden könntest (...). Immer wieder bricht sich das. (...) Vielleicht sind wir einfach nur Arschlöcher, die ihre Hörer immer wieder auflaufen lassen wollen. Es gibt aber trotzdem diese Hingabe zur Musik. Wir sind ja nicht wie gemeine Wissenschaftler, die einen Plan schmieden, wie man die Leute verrückt machen oder epileptische Anfälle hervorrufen kann, das ist es ja nicht. Oswald: Zwei andere Alternativen drängen sich einem sofort auf. Alternative eins: Es passiert euch einfach, dass ihr eine Sache nicht durchhalten könnt, weil euch das dann doch zu fad ist. Jan: Aber wir arbeiten bis zu drei Jahren an einer Platte. Das ist für »es passiert einfach, und wir gucken mal, was passiert« relativ lange.
Oswald: Dann ist es die nächste Alternative, dass ihr es eben absichtlich macht, um das in der Schwebe zu halten, weil ihr euch aus irgendeinem Grund identifiziert mit dieser merkwürdigen Schwebestellung zwischen Pop und irgendwas anderem, das unausgesprochen bleibt.
Jan: Das müsste noch nicht einmal Pop sein, das könnte eine schwebende Situation zwischen allem Möglichem sein. Pop ist es ja nur, weil es so dominant ist, zumindest in der Welt, in der wir uns begreifen (...).
Oswald: Sicher, aber Pop ist natürlich gar nicht wegzudenken aus der Musik von Mouse On Mars. Das ist nun einmal so. Es könnte etwas anderes sein, aber dort seid ihr nicht. Jan: Aber für mich könnte es etwas anderes sein.

Free Your Mind And Your Ass Will Follow

Das, was nicht nur Anhänger eindeutiger Ästhetiken am Sound und Popverständnis von MOM immer problematisch fanden, ist auf der neuen Platte ›Radical Connector‹ (die kurioserweise zuerst in Japan erscheint) einem locker-souveränen Umgang mit Popmelodien, Funk- und R’n’B-Grooves und technologisch frisiertem Gesang (u. a. von Niobe) samt kurzen Chor- und Streicher-Arrangements gewichen. Ähnlich wie auf dem zweiten MOM-Album ›Iaora Tahiti‹ von Mitte der 90er-Jahre dominiert soundästhetisch ein dubbiges Spiel in die Tiefe. Statt Brechstange nun Flow, statt nebelnder Theorie-Slogans nun offene, narrative Strukturen. »Was soll das heißen: alle Konzepte aufgebraucht, kein neuer Trend in Sicht, Retro ist die Zukunft? So, wie wir in der Vergangenheit alles aufzufangen versuchten, was die Fontäne nach oben spuckte, sollte die neue Platte abgreifen, was direkt aus der Erde kam. Dass alles so wirr sein soll und hoffnungslos, das galt es zu widerlegen«, erklärt Jan Werner. Nicht unfreiwillig kündet der aktuelle MOM-Sound auch von der gegenwärtigen Unmöglichkeit, in der Popmusik die 70er-, 80er- und 90er-Jahre völlig hinter sich zu lassen. Aber Mouse On Mars haben schon immer andere Zeiten mitgeschleppt, Mitte der 90er galten sie mal als die neuen Can. Jetzt finden selbst alte Funk-Imperative wie »Move it, groove it« ihren Platz im Kontext einer Sound-Politik, deren Bedeutung sich erst im Detail erschließt. Fülle und Transparenz geben sich die Hand, immer noch endet kein Stück, wie es anfing, ein Timbaland-Groove mündet in eine Stereolab’ige Balladen-Passage, und die Technik wird so gebügelt, dass sie die »Rauheit der Stimme« hervorkehrt. »All around is too clean«, analysiert diese, »this imperfection« beschwört sie.

Docu/Fiction. Mouse On Mars Reviewed & Remixed
Als Ergänzung zur Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf ist ein Katalog (Die Gestalten Verlag Berlin) erschienen, der neben Abbildungen der Exponate zahlreiche weitere MOM-Interpretationen, Erklärtexte der Künstler sowie Einleitungen und ein langes Musik-Gespräch zwischen Werner und Wiener, aus dem hier zitiert wird, enthält.

Oswald Wiener
Künstler und Erkenntnistheoretiker, der in seinem Roman ›Die Verbesserung Von Mitteleuropa‹ (1969) das Konzept des Bio-Adapters als »vollständige Lösung aller Welt-Probleme« (sic) vorstellte. Wiener vertritt eine Ästhetik des Scheiterns in der Tradition der Wiener Gruppe und der ›selten gehörte musik‹-Schallplatten mit Gerhard Rühm und Dieter Roth. Zu seinem 65. Geburtstag erschien bei Supposé die Audio-CD ›2:3‹, u. a. mit einem Beitrag von Mouse On Mars.