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immer noch mit ö wie Böse

Motörhead

Ein schier unglaublicher Zweispalt tut sich in der Seele auf. Auf der einen Seite schreit das Gute, es ist Lemmy, es ist MOTÖRHEAD, sie sind Legenden, ohne die Rock'n'Roll heute ganz anders definiert wäre, auf der anderen Seite schreit das Böse (wieder mit Ö): "Es sind alte Männer, die seit Jahren n
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Autor: intro.de

Ein schier unglaublicher Zweispalt tut sich in der Seele auf. Auf der einen Seite schreit das Gute, es ist Lemmy, es ist MOTÖRHEAD, sie sind Legenden, ohne die Rock'n'Roll heute ganz anders definiert wäre, auf der anderen Seite schreit das Böse (wieder mit Ö): "Es sind alte Männer, die seit Jahren nichts mehr bewegt haben, die ihr letztes Album vor 9 oder 10 Jahren abgeliefert haben. Wer sagt überhaupt, daß Lemmy noch eine Legende ist, ist er nicht vielmehr ein seniler Süchtiger, der seinen eigenen Ruhm verzehrt?"
Mein Gott, alles blanke Theorie, alles totaler Unsinn. Wer fragt sich solchen Quatsch tatsächlich, wenn er im Flugzeug nach Berlin sitzt und sich innerlich auf sein erstes Interview mit MOTÖRHEAD vorbereitet? Ich jedenfalls hatte all meine Zweifel einfach so zur Seite gefegt. Nachdem ich dann auch noch das neue Album "Sacrifice" gehört hatte, lag mir nichts ferner als die gezielte Demontage der Legende MOTÖRHEAD bzw. Lemmy, da hätte nun wirklich keiner was von, und außerdem wäre es blödes Journalistengewichse, das sich wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit selbst demaskieren würde.
Doch vor der Kür steht die Pflicht, in diesem Fall Mickey Dee, Drummer von MOTÖRHEAD, seit "Bastards" dabei. Lemmy war noch nicht wach, und irgendwie mußte man die Zeit ja töten. Dem Exil-Schweden und mir blieb also genug Zeit, einige Floskeln auszutauschen und ein wenig über MOTÖRHEAD und die Folgen zu plauschen. Zwei Kernaussagen blieben in meinem Gedächtnis haften: Zum einen wünscht sich Mickey nichts mehr als eine Doppel-Bill-Tour mit ACCEPT, und zum anderen gibt es riesige Unterschiede zwischen Bands der 70er und 90er. Diese Unterschiede liegen seiner Meinung nach in der Attitüde, aber auch in den musikalischen Fähigkeiten der Musiker begründet. Während es heute ausreicht, einfach cool auszusehen und Verständnis für die verlorene Generation zu mimen, mußte man früher sein Instrument beherrschen und das Publikum unterhalten. Es scheint, als ob ich anfange abzuschweifen, als ob ich beginne zu langweilen, aber was soll's, mir stehen hier, vertraglich garantiert, zwei volle Seiten ohne jede Werbung zu (tja, scheint auf Vertragsbruch rauszulaufen - Anm. d. Red.).
Ich möchte es uns allen ersparen, an dieser Stelle die bewegte Geschichte von Lemmy und MOTÖRHEAD Revue passieren zu lassen, vielmehr finde ich ein paar Anmerkungen zu "Sacrifice" passend, dem wohl besten MOTÖRHEAD-Album 1995. Das wievielte Album der Band es tatsächlich ist, läßt sich auf Grund der völlig chaotischen Anfangsjahre kaum mehr genau sagen, aber solche Erbsenzählerei interessiert auch nur übelste Pedanten.
"Sacrifice" ist auf jeden Fall ein echtes MOTÖRHEAD-Album, es reiht sich nahtlos in die großen Klassiker ein. Fast scheint es, als habe die Band das Geld von ihrer Plattenfirma direkt in das große Rock'n'Roll-Pfandhaus getragen, um sich ihre Riffs wiederzuholen. Vorbei ist die Zeit der Kompromisse, vorbei die Zeiten, in denen die Plattenfirma der Band beratend zur Seite stand, vorbei auch der Anflug von Pop. Stattdessen wagen sie heute wieder Experimente, lassen sie heute wieder die Bassdrum donnern und die Gitarren sägen, kopieren sich selbst bis zum Gehtnichtmehr, machen dies aber so herrlich unspektakulär, so ruhig und professionell, als wollten sie uns nicht wieder Geschichten vom ewigen Krieg erzählen.
Lemmy, heute fast 50 Jahre alt, hält immer noch nichts von der Rente, denn erstens setzt man sich erst mit 65 zur Ruhe und zweitens treibt ihn immer noch Wut, jene Wut auf die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, dieser Zorn, der junge Menschen normalerweise in den Wahnsinn oder den Terrorismus treibt. Lemmy hat anstelle der Uzi einen Rickbaker Bass, was ihn aber nicht ungefährlicher macht, denn Zorn und Wut produziert Amokläufer, und MOTÖRHEAD laufen Amok, zerstören jeden Tag aufs Neue einen kleinen Teil dieser Gesellschaft, meistens unmerklich, aber immerhin halten sie die Mowhikans of Jesus (Punk Jesus Freaks aus Kalifornien) für die Personifizierung des Satans. Überhaupt diese falschen Heiligen, diese TV-Pfarrer, die den Amerikanern gegen eine kleine Spende die Seligkeit verkaufen, die Familien zerstören und den Rassenwahn schüren, sie stehen auf Lemmys persönlicher Liste der Feinde weit oben. Seiner Meinung nach stehen sie Figuren wie Adolf Hitler in nichts nach, sind brandgefährlich und können zudem modernste Kommunikationsmittel für sich benutzen.
Apropos Hitler, haben wir nicht immer wieder von Lemmys Begeisterung fürs Dritte Reich gehört, gab es nicht diese Bilder, die ihn vor Hakenkreuz- und Reichskriegsfahnen posieren ließen, hängt an seinem Hals nicht das Eiserne Kreuz? Lemmy ist auf Fragen in dieser Richtung vorbereitet, zum einen hat er seine Militaria-Sammlung auf Polaroid gebannt, zum anderen kennt er die deutsche Geschichte bzw. die des zweiten Weltkrieges besser als der Durchschnitts-Europäer, Fangfragen greifen nicht. Seine Faszination für das Dritte Reich liegt mehr in dem Phänomen der Massenbewegung denn in den politischen Idealen begründet. Daß neben Interesse auch noch ein Hauch von Provokation mitschwingt, liegt auf der Hand.
Getreu dem alten Grundsatz "It's a long way to the top, if you wanna rock'n'roll" erinnert sich Lemmy an die Tage, in denen MOTÖRHEAD noch für eine Handvoll Pfund durch die englischen Clubs tingelten, damals mußte jeder Schilling dreimal ausgegeben werden, und kaum ein Gläubiger bekam sein Geld zu sehen, irgendwie ging es weiter. Sowieso erzählt Lemmy gerne Anekdoten aus seiner langen Karriere: Da war der deutsche Promoter, der nach der Show mit dem Koffer voller Geld schon auf dem Weg ins Ausland war, aber dummerweise nicht schnell genug die Grenze erreichte. Auch die genauen Milieuschilderungen der thailändischen Eroscenter klingen reichlich bizarr, wenn da nur die Hälfte von stimmt, muß ich dem Wort Perversion eine neue Bedeutung verleihen. Sex mit Tieren ist Lemmys Erzählungen nach eher pubertäres Petting als abnorm.
Seine Geschichten sind absolut großartig, und keiner mag zu unterscheiden, wo Dichtung und Wahrheit durcheinander geraten. Wer will heute schon genau beurteilen, wie die Zeit war, als Lemmy noch Mitglied der legendären WICKERS war, eine Kapelle, die seinen Erzählungen nach fast schon BEATLEeske Formen der Verehrung im Norden Englands erfuhr, die Band konnte sich Jaguars, Sportboote und ein Double-Bass-Drumset leisten, nur die Steuern wurden nicht gezahlt. Wenn Lemmy dann lachend erzählt, welche Manager ihn wann und um wieviel Geld betrogen haben, bekommt das Interview einen leichten Hauch von Märchenstunde, aber ich bin nicht nach Berlin geflogen, um Sätze wie "Ich bereue keine Sekunde, ich hatte eine gute Zeit mit Rock'n'Roll, und Rock'n'Roll mit mir" zu hören? Hätte ich vermessener Art und Weise tatsächlich daran denken sollen, anderes aus diesem Mund zu hören?
Plötzlich ist das Klirren von Eiswürfeln auf meinem Band zu hören, ich erinnere mich, das war der dritte Cola-Whiskey, den sich Lemmy eingoß, vielleich erinnere ich mich nur, weil er mir keinen angeboten hat, wo blieb die berühmte englische Höflichkeit.
Mein Gott, beim Abhören dieses Interviews wird mir dann schnell wieder bewußt, über was der Mann alles redet, der Satz über die Geschichte des Berliner Staatsschlosses ist noch nicht beendet, da erklärt er, warum er MOTÖRHEAD gegründet hat ("Wißt ihr, ich wollte nie mehr aus einer Band rausgeschmissen werden."), weist im nächsten Augenblick aber sämtliche Bemerkungen zuück, die ihn als den Kopf von MOTÖRHEAD erscheinen lassen. MOTÖRHEAD ist ein demokratisches Unternehmen, nur bei wirklich wichtigen Entscheidungen hat Lemmy das letzte Wort, was seiner Meinung nach selten vorkommt, weil kaum wichtige Entscheidungen zu treffen sind. So hat er zum Beispiel gegen den Willen der Band den Song "1916" aufgenommen, weil er der Meinung war, es wäre Zeit für eine Ballade.