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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Der Reiz der Unnahbarkeit«

Motorama Live in Köln

Motorama gleichen live mitunter einem Stilleben. Doch genau in der Kühle und Distanz der aufs Trio geschrumpften Formation liegt der Reiz.
Geschrieben am
12.02.2017, Köln, Gebäude 9 

Es kommt nicht von ungefähr, dass man nicht genau weiß, ob die russische Band gegen 9 Uhr Abends zum Soundcheck oder zum Loslegen auf die Bühne gekommen ist. Kein Blick Richtung Publikum. Keine Ansprache. Es steht außer Frage: Motorama sind soziale Minimalisten. Doch gleichzeitig ist dieses Verhalten auch Trumpf, denn so arbeitet die Band, deren Mitglieder aussehen wie von der Militärakademie, konstant an ihrem eigenen Mythos. Und ja: Das hier ist nicht der Soundcheck, sondern der Auftakt eines reizvollen Konzertabends. 

Eisige Keyboardklänge erheben sich und schon befinden sich die Besucher im gut gefüllten Gebäude 9 mittendrin in der quasi-Ballade »By Your Side« vom mittlerweile vierten Album »Dialogues«. Sänger Vladislav Parshin, der seine große 50er Jahre Brille im Laufe des Konzerts ablegen und wieder anziehen wird, hat das Mikro in alter Liam Gallagher Manier ein wenig zu hoch anbringen lassen und muss sich strecken, um die benötige Stimmkraft aufwenden zu können. Das gelingt nicht immer, die tiefe, an Ian Curtis erinnernde Stimme, ist auf Platte weitaus dominanter in den Vordergrund gemischt. Das macht aber nichts, denn die Mischung aus schleppenden Basslines und Gitarrrenfiguren, die an Johnny Marr erinnern, kommen dadurch besser zur Geltung. Dass es sich bei dem zum Trio verkommenden, ehemaligen Quintett, um versierte Musiker handelt, muss bei den flink wechselnden Akkordfolgen niemand in Abrede stellen. 
Die mystische Aura der Band, wird durch die gelebte Interaktionsvermeidung (auch innerhalb der Band), hochgehalten. Welche Emotionen umtreiben den Sänger? Was fühlt die Band während des Auftritts? Ist es Freude? Gleichgültigkeit? Es ist schwer zu ermitteln. Nach einigen Stücken gibt es ein verhuschtes »Thank You«. Immerhin. 

Die Songs speisen sich aus allen vier Alben der Band, was letztlich aber nur aus Gründen der Dokumentationspflicht erwähnt werden muss. Denn die zarten Post-Punk-Hymnen ähneln sich untereinander sehr. Viele Mini-Hits sind mittlerweile aufgelaufen. Vor allem »Heavy Wave« und »To The South« sorgen für Begeisterung. 

Insgesamt ein gutes Konzert, das zeigt, dass es die musikalische Evolution nicht zwangsläufig braucht, wenn alte Rezepte gut umgesetzt werden und eine unnahbare Aura für visuelle Reize sorgt. 

Motorama

Dialogues

Release: 21.10.2016

℗ 2016 Talitres