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Eine Stimme gegen die Soundwand

Morrissey live in Köln

Ein bräsiger Sound und eine eigenwillige Songauswahl machen den Abend im Kölner Palladium zu einer durchwachsenen Angelegenheit.
Geschrieben am
01.10.2015, Köln, Palladium

Morrissey kann natürlich nicht wirklich viel falsch machen, dafür ist seine Aura zu intakt und seine Stimme zu geübt. Doch es ist zumindest ärgerlich, welche musikalische Herangehensweise sich mittlerweile eingeschlichen hat. Niemand erwartet das unumstößlich Filigrane alter Smiths-Platten, aber live verkommt der Sound von Morrissey und seinen Mitstreitern zu einem bräsigen Ungetüm aus zu lauten Gitarren, bei dem der deutlich an Gewicht verlorene Sänger Mühe hat, den entstehenden Lärm zu übertünchen. Das konsequent Muckerhafte passt einfach nicht zu der eher weich angelegten Bühnenfigur Morrissey und für einen passablen Kontrapunkt ist die Band zu limitiert. Die Stimmung ist dennoch gut, so feiert man die reine Anwesenheit des ehemaligen Smiths-Sängers stets als uneingeschränkt positiv zu sehendes Happening - die Fanatiker haben sich an diesem Abend aber offensichtlich nur in die vorderste Reihe verirrt.  Nach dem Auftakt mit »Suedehead« spielt der Brite an zweiter Stelle eines seiner besten Stücke: »Speedway« von »Vauxhall & I« – dem wohl besten Solo-Werk. Es folgen viele Lieder von seiner jüngsten Platte »World Peace Is None Of Your Buisness«. »The Bullfighter Dies« ist der beschwingte Höhepunkt, bei dem sich der Hass Morrisseys gegen den Stierkampf hinter spanischen Gitarren versteckt. »The shame of spain« ist sein unmissverständlicher Kommentar. 
Die wenigen Worte die Morrissey an sein Publikum richtet zeigen, dass er auch seinen Humor nicht verloren hat. »I buyed a bock about how to learn german, but you make it to hard for me«. Die anderen Ansagen beschränken sich meist auf ein knappes »Thank You!«. Und immer wieder die Verbeugung, sowohl Richtung Publikum als auch Richtung Band. Doch dieses buddhistische Stilmittel trügt. Morrissey ist immer noch ein Missionar und Moralist, der keine Gelegenheit auslässt, auf die Unerträglichkeiten menschlicher Verfehlungen hinzuweisen. Beim obligatorischen »Meat Is Murder« werden im Hintergrund grausame Akte der Tierquälerei gezeigt. Bei »Ganglort« nimmt Morrissey unmittelbar Bezug auf den Mord an Freddie Gray in Baltimore zu Beginn des Jahres. Im Hintergrund laufen Mordszenen, gewalttätige Übergriffe an Schwarzen. Und ja: Morrissey ist natürlich kein Rassist und auch nie einer gewesen. Es tut weh, dass er je in diese Ecke gestellt wurde. In der Folge bleiben die großen Crowdpleaser aus, erst bei »Everyday Is Like Sunday« zieht er die erste wirkliche Klassikerkarte. Das ist konsequent, aber auch ein wenig schade. Kein »This Charming Man«, kein »There is a light that never goes out«, kein »Irish Blood, english Heart«. Immerhin verkommt dieses Konzert, durch die vielen neueren Stücke, nicht zur Nostalgieveranstaltung. 

Nach »Boxers« verbeugt sich die ganze Band und Morrissey kehrt in einem türkisen Hemd für »The Queen Is Dead« noch einmal auf die Bühne zurück. Und auch dieses Stück wird durch den Rockwolf gedreht. Ein wenig Exaltiertheit darf dann auch noch sein, er schüttelt Hände, sogar die einzige Rose des Abends findet ihren Weg auf die Bühne. Ein Platzsturm wie letztes Jahr in Essen bleibt allerdings aus. Gegen Ende reißt er sich das Hemd vom Leib, letzte Danksagungen, dann entschwindet er ohne weitere Geste.