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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Winterabende

Moloko

Es ist einer der ersten Tage mit Schnee in Köln und überhaupt einer der ersten des neuen Jahres, als ich Roisin Murphy in ihrem Hotel treffe. Da sitzt sie, eingemummt in einen großen, warmen, kamelfarbenen Stola-Schal, in einem Sessel ihres Zimmers und lächelt mich zur Begrüßung an - auch wenn sie s
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Es ist einer der ersten Tage mit Schnee in Köln und überhaupt einer der ersten des neuen Jahres, als ich Roisin Murphy in ihrem Hotel treffe. Da sitzt sie, eingemummt in einen großen, warmen, kamelfarbenen Stola-Schal, in einem Sessel ihres Zimmers und lächelt mich zur Begrüßung an - auch wenn sie sichtlich müde von den vielen Interviews zuvor ist. Sie sieht komplett anders aus, als ich sie von ihren Konzerten mit Moloko kenne: weniger spektakulär, weniger offensichtlich stylisch und eigentlich viel, viel hübscher, um nicht zu sagen: umwerfend. Alles harmoniert miteinander, ihre Bewegungen, Gesten, ihre Kleidung und ihre Stimme. Und auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt ein wenig zu schwärmerisch klingt: Wenn ich auf der Suche nach einem Role-Model wäre, hätte ich es spätestens nach diesem Gespräch gefunden. Nicht dass sie so perfekt erschiene, es ist wohl mehr ihr selbstverständlicher und -sicherer Umgang mit der eigenen Person und Persönlichkeit. Diese sehr ehrliche und direkte, aber auch vertrauensvolle Art, mit der sie einem gegenübertritt. Es wirkt nie, als ob sie schauspielere, etwas zu verkörpern versuche, was sie nicht ist. Roisin Murphy ist allein zu den Interviewtagen angereist, ohne ihren Kollegen Mark Brydon.

Wege, die sich kreuzen

Roisin hat Mark mit 19 kennen gelernt. Erst gründeten sie Moloko, dann gingen sie eine private Partnerschaft ein. Während er sich zu diesem Zeitpunkt schon längst einen Namen als Produzent und Remixer gemacht hatte, war es für sie ihr Debüt als Sängerin, ja, überhaupt als Musikerin. Zuvor hatte sie hier und da die fast schon klassischen Aushilfsjobs als Kellnerin gehabt, stets aber mit dem Ziel, Musik zu machen oder, besser, zu singen - "Musik ist mein Leben, meine Obsession", wird sie im Verlauf unseres Gespräches sagen.

Es folgten die ersten Alben und Konzerte. Bis zu den Hits sollte es noch etwas dauern, die dafür aber mit "Sing It Back" und "The Time Is Now" umso heftiger kamen: "Es war eine sehr wichtige Entwicklung, rückblickend betrachtet ist unser neues Album 'Statues' für mich persönlich jedoch das wichtigste. Es ist das Album, auf dem ich zum ersten Mal mein ganzes Können aus meiner Stimme herausgeholt habe, und das ist ein sehr schönes, sehr befriedigendes Gefühl. Anfangs hatte ich ja eher über die Songs gesprochen als gesungen. Dann habe ich mich langsam herangetastet und versucht, meine Fähigkeiten zu finden, wobei mir Mark, großes Vertrauen in mich setzend, sehr geholfen hat. Bei dieser Platte würde ich erstmals sagen, dass ich singe ... Vielleicht fällt deshalb auch der Titel ein wenig aus dem Rahmen. Es ist ein besonderes Album für Mark und mich, eigentlich für uns alle, und so wollten wir ihm im Gegensatz zu den vorangegangenen einen kurzen, prägnanten Titel geben, und es sollte das Erste sein, was uns in den Sinn kam, so wie wir das immer machen. Die Kürze von 'Statues' ist schon etwas Besonderes, denn davor sind uns immer längere Sätze wie 'Do You Like My Tight Sweater' eingefallen und selten nur ein Wort, das für uns die Musik auf der Platte umschreiben könnte."

Musik als gemeinsame Idee, die bleibt

Auch in anderer Hinsicht ist es für die Hauptakteure von Moloko ein besonderes Album, da das erste nach ihrer Trennung als Paar: "Natürlich war es nicht leicht für uns, erstmals nach der Trennung wieder zusammen Musik zu machen, vor allem war es einfach eine andere, ungewöhnliche Situation. Aber wir haben es geschafft, da Moloko wir beide sind und es für uns beide gleich wichtig ist. Und genau genommen war es auch eine sehr schöne Erfahrung, dass wir es hinbekommen haben. Es vereinfacht die Zusammenarbeit, wenn man sich wie wir über die Jahre hinweg so intensiv kennen gelernt hat und genau weiß, was der andere sich vorstellt oder in bestimmten Situationen denkt bzw. fühlt. Und in schwierigen Situationen kann man so besser reagieren und ist dann auch genug Profi, um private Dinge aus der Zusammenarbeit herauszuhalten. Aber vor allem sind Moloko immer noch wir beide, und wir leben für dieses Projekt ... Und zwischendurch hatten wir ja eine längere Verschnaufpause, in der wir uns privat in Ruhe sammeln und alles klären konnten."

Ob als Katalysator zwischen das Expärchen oder als generell sinnvolle Erweiterung der Band - Moloko haben Zuwachs bekommen: Paul Slowly und Eddie Stevens sind neu im Team - kein leichter Start angesichts der immensen Erwartungshaltung: "Es ist ein sehr großer Druck, der spätestens seit dem letzten Album auf uns lastet. Es ist schon Wahnsinn, was uns unsere Plattenfirma an Möglichkeiten für 'Statues' zur Verfügung gestellt hat. Natürlich ist das toll, weil man wirklich alles machen kann, was man möchte: viel ausprobieren und Dinge wirklich so umsetzen, wie man sie sich vorstellt, ohne darüber nachzudenken, ob das realisierbar ist. Andererseits ist man manchmal aber auch ziemlich unentspannt, weil ständig das Gefühl mitschwingt, dass man Erfolg haben muss, wenn man so viele Mittel zur Verfügung hat."

Andere Wege

Vor diesem Gesamthintergrund vermittelt "Statues" irgendwo auch den Eindruck des wohl persönlichsten Moloko-Albums. Nicht nur Songtitel wie "Familiar Feelings" oder "I Want You" verstärken diesen Eindruck, sondern auch Roisin Murphy als Person: "Natürlich ist gerade in die Texte sehr viel von unserer direkten Vergangenheit mit eingeflossen. Das ist auch ganz normal, da Songtexte immer sehr viel mit einem selbst zu tun haben, also dem, was man denkt und fühlt. Und es ist sicher unser wichtigstes Album, weil wir beide, glaube ich, zum ersten Mal derart viel von uns selbst in die Musik gesteckt haben."

An der Art der Zusammenarbeit hat sich trotz der Neuerungen innerhalb des Projektes nicht viel verändert: "Es ist eigentlich wie immer, nur dass Mark und ich vielleicht etwas vorsichtiger miteinander umgehen. Aber ansonsten ist es wahrscheinlich wie bei allen anderen auch: Mark hat eine Idee zu einem Stück, eine Melodie oder auch nur eine Sequenz, und die arbeitet man dann gemeinsam aus, und ich mache mir meine Gedanken zum Gesang und Text und die anderen zu ihrem Part. Aber es kann auch umgekehrt sein, oder ein Stück entsteht direkt in der Kooperation. Wobei: Bei 'Statues' war die Vorgehensweise schon etwas anders, da wir zwar die Basis hatten, zum Schluss aber noch die ganzen Streicher und Arrangements von einem großen Orchester eingespielt wurden. Das war schon eine neue Erfahrung für uns."

Rastplätze

Wenn die Musik ihr Leben ist, stellt sich doch die Frage, was Roisin Murphy in der Zeit macht, in der sie keine Konzerte und Interviews gibt, nicht im Studio sitzt und arbeitet: "Oh, das ist sehr schwer. Weißt du, ich bin ein Mensch, der nur schwer zur Ruhe kommt, ich muss immer irgendetwas zu tun haben, etwas Kreatives schaffen. Rastlos könnte man das auch nennen, und so sehr es auch anstrengt und manchmal echt zum Kotzen ist, so sehr liebe ich es, immer in Bewegung zu sein. Erst dann habe ich das Gefühl, zu leben. Man muss ja irgendwo auch für das Touren und all das, was mit dem Leben als Band zusammenhängt, geschaffen sein. Und wenn ich dann mal zu Hause bin, mache ich eigentlich genauso weiter wie immer, nur dass ich keine Musik mache. Ich male sehr viel, vor allem geometrische Bilder. Mich interessieren die Formen daran und ihre unterschiedliche Wirkung. Aber das mache ich nur für mich selbst, genau genommen arbeite ich auch sehr lange an einem Bild, sodass ich noch nicht allzu viele habe. Ich entwickele sie immer weiter und verändere sie, weil ich so perfektionistisch bin. Ab und an baue ich mir auch Möbel, letztens einen sehr schönen Tisch, das war eine unglaubliche Schufterei mit all dem Dreck und der Farbe. Aber ich mag das sehr, weil ich so immer in Bewegung bin und das Gefühl habe, mich fortzubewegen."

Ansonsten liebt Roisin Murphy Filme: "Wenn ich Zeit habe, dann schaue ich mir zu Hause auf meinem Sofa alle möglichen Videos an, zuletzt waren es alle Filme von Fellini. Er ist ein großartiger Mann. Du musst dir unbedingt mal 'Stadt der Frauen' [I/F 1980] ansehen! Das Sofa ist eh mein Lieblingsplatz in der Wohnung, von dort aus mache ich einfach alles, und ich habe noch so einen Sitzsack, auf dem liege ich auch sehr gerne. Da fällt mir was ein: Weißt du, was ich mir letztens gekauft habe? Ein paar unglaubliche Vorhänge. Früher hatte ich nie Vorhänge an meinen Fenstern, und irgendwann letztens dachte ich, dass ich unbedingt einmal welche haben möchte, und ich bin in ein Geschäft gegangen, zu so einem richtigen Innenausstatter, und habe mir ganz schwere, dicke Vorhänge mit einem wunderschönen Muster darauf gekauft. In Beige mit Orange. Das war ein ziemlicher Luxus, so etwas hätte ich mir früher nie geleistet, aber ich liebe sie. Nur darf ich echt niemandem, vor allem nicht meinen Eltern, sagen, was die gekostet haben, die würden mich für verrückt erklären ..."