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Die Jazz-Wiesen

Moers Festival

Seit fast drei Jahrzehnten sendet Moers Signale aus. Signale, die gehört werden. Burghard Hennen, der Gründer des ehemaligen "New Jazz Festivals", das inzwischen den weniger programmatischen Titel "Moers Festival" trägt, verläßt sich auf nichts als seinen guten Geschmack. Er hört, registriert, samme
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Autor: intro.de

Seit fast drei Jahrzehnten sendet Moers Signale aus. Signale, die gehört werden. Burghard Hennen, der Gründer des ehemaligen "New Jazz Festivals", das inzwischen den weniger programmatischen Titel "Moers Festival" trägt, verläßt sich auf nichts als seinen guten Geschmack. Er hört, registriert, sammelt und läßt sich von kaum jemandem ins Programm quatschen. Das wäre auf die Dauer kaum durchzuhalten, würde ihm der Erfolg nicht immer wieder recht geben.
Ein gutes Programm braucht kein Konzept, lautet eine Faustregel, derer sich offenbar auch Hennen heuer bediente. Programmschienen oder Schwerpunkte waren nicht zu erkennen. Im Vorfeld war von Chicago die Rede, doch die beiden Bands, die aus der Windy City rübergekommen waren, reichten schwerlich aus, einen Chicago-Fokus auszumachen. Akzente setzten sie dennoch. Fred Anderson, der Altmeister des Chicagoer Free Jazz und Mitbegründer der AACM, brachte gemeinsam mit Isotope-217-Drummer Chad Taylor und dem Eight-Bold-Souls-Bassisten Kraft und Spiritualität in Einklang. Der Siebzigjährige ließ sich treiben, Konturen ineinanderlaufen, vertraute einzig auf die Spannung seiner Intuition. Sein Spiel glich der Geburt einer Muse. Den Gegenpol zu Anderson bildete die Acid Jazz-Big Band Liquid Soul, angeführt von Saxophonist Mars Williams. Auch er ist ein Anderson-Jünger. Power, Power, Power ohne - und schließlich doch mit einem ganz abrupten Ende, das leider der Organisation der Veranstaltung geschuldet war.
Ein großes Fest feierte Fred Frith, der anläßlich seines 50. Geburtstages gleich drei Projekte auffuhr. Old Friends - New Heroes vereinte alte Frith-Kumpane wie Chris Cutler, Tim Hodgkinson, Zeena Parkins und Ikue Mori mit neuen Partnern wie dem Klarinettisten Claudio Puntin. Mit diesem sich über drei Tage erstreckenden Projekt konnte der Multiinstrumentalist neue Prinzipien von Improvisation und spontaner Komposition ausprobieren. Das Quintett Tense Serenity verlegte sich auf eine Art Kammermusik, die aus Jazz-Versatzstücken bestand. Mit großer Spannung wurde der Auftritt von Massacre, der gemeinsamen Band von Frith und Bill Laswell, die seit 1981 nicht mehr auf der Bühne gestanden hatte, erwartet. Eine Stunde lang öffneten sich alle Höllentore, und das nicht nur in bezug auf die Lautstärke. Mit Drummer Charles Hayward versetzten sie das Publikum mit einer speziellen Schmelze aus Hardcore, Free Jazz und Dub in Taumel und Ekstase.
Darüber hinaus gestatteten sich die Moerser, was gerade genehm war, egal ob es auch nur mittelbar in irgendeine Beziehung zum Jazz gebracht werden konnte oder nicht. Die vor 4000 Jahren gegründeten Mastermusicians Of Joujouka aus Marokko nahmen das Publikum mit in einen Zeittunnel, der alles, was unser Wertesystem ausmacht, in Frage stellte. Zeena Parkins machte mit ihrer Gangster Band, zu der unter anderem der extraordinäre Gitarrist Danny Blume gehörte, die abwegigsten Sound-Kombinationen möglich. Lindsay Cooper, die aufgrund ihrer MS-Erkrankung selbst nicht mehr auf die Bühne konnte, beeindruckte mit einem engagierten Song-Programm und mutigen Statements gegen die Kriege unserer Zeit. Posaunist William Cepeda brachte die Pfeiler des Zirkuszeltes mit seinem Wirbelsturm aus karibischen Rhythmen und ohrenbetäubenden Bebop-Schmettersätzen ins Wanken.
Moers '99 ging in die Breite, nicht in die Tiefe. Aber auch das muß manchmal sein, um neue Ansatz- und Ausgangspunkte zu finden. Besorgniserregend ist hingegen das Umfeld des Festivals. Der Ruf nach Gewaltfreiheit schlug in diesem Jahr in offene Aggression um, die sogar ein Menschenleben forderte. Die von den Veranstaltern angeheuerten Ordnungsgruppen zeigten keinerlei Interesse an Deeskalation. So waren es die Festivalmacher selbst, die entgegen ihrem Motto die Würde des Menschen antasteten. Man wird sich für die Zukunft etwas einfallen lassen müssen.