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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das Ziehen im Bauch

Moderat im Interview

Morgens um zehn am Frühstückstisch bei Monkeytown Records, dem Zuhause der allseits gepriesenen »Supergroup« Moderat. Tiefenentspannt, aufgeweckt und verkatert sprechen Sebastian Szary, Gernot Bronsert und Sascha Ring mit Karola Szopinski über ihr erfolgreiches Zusammenwachsen, ihr neues Album »III« und über Mut: zu Massenkonzerten und zum Singen an sich. 
Geschrieben am
Lasst uns erst mal die Begrifflichkeiten klären. Produzententrio? Band? »Supergroup«? Was sind Moderat?
Gernot Bronsert: Moderat sind zwei Projekte – Modeselektor und Apparat –, die völlig unterschiedliche Musik machen. Da wir uns auf Anhieb zwischenmenschlich und musikalisch gut verstanden haben, entstand 2009 unsere erste gemeinsame Platte. Das war als Projekt zwischen den Projekten geplant. Nach der zweiten Platte haben wir auf Tour gemerkt, dass Moderat inzwischen eine Band sind. Wir spielen jetzt eher konzertant als im Clubkontext.

Wie ist die Rollenverteilung innerhalb der Band?
Sebastian Szary: Wären wir eine klassische Gitarrenband: Szary Bass, Gernot Schlagzeug und Sascha Gesang.
Sascha Ring: Es gibt verschiedene Rollen im Studio und auf der Bühne. Das ist wichtig, denn wir sind drei Leute, und es geht immer darum, Lösungen zu finden.
GB: Es wird viel gesprochen oder sich auf der Couch geprügelt. Im Prinzip können wir alle das Gleiche. Aber Sascha ist für die Vocals verantwortlich.
Musstet ihr als alte Freunde eure Kommunikation in der Band im Laufe der Zeit professionalisieren?
SR: Es war ein langwieriger organischer Prozess. Deswegen fühlt es sich immer noch gut an. Durch das große Glück, so lange befreundet zu sein, gab’s im Studio weniger Überraschungen. Aber wir lernen uns immer noch kennen.

Das Zusammenwachsen als Band, der durchschlagende Erfolg – das klingt beinahe zu glatt. Wo ist der blinde Fleck?
SR: Ja, wie am Reißbrett geplant. Wir haben wahnsinniges Glück. Die Presse hat uns auch noch nie richtig aufs Maul gegeben, vielleicht solltest du das machen.
GB: Boah, du darfst verkatert keine Interviews geben! Wir streiten auch viel, es ist eine leidenschaftliche Beziehung, wo regelmäßig die Teller fliegen. Das ist wichtig, sonst wird’s langweilig. Es ist auch dadurch sehr anstrengend, weil wir uns in einem unendlichen Lernprozess befinden.
Das muss auch so sein, oder?
GB: Ja, weil du so immer einen Weg ohne absehbares Ziel vor dir hast. Ein finales Ziel gibt es nicht, wir lassen die Dinge einfach passieren.
Ist das möglich, wenn man so tief im Business steckt wie ihr?
GB: Ich wünschte, der Tag hätte zehn Stunden mehr und man bräuchte weniger Schlaf. 
SR: Wenn feststeht, wann eine neue Platte rauskommen soll, gehen wir erst mal planlos ins Studio. Deswegen dauert jede Platte unterschiedlich lang. Manchmal muss man sich erlauben, dass ewig nichts passiert. Dieses Mal haben wir viel gewartet.
GB: Wie Profifußballer, die eine Saison lang nicht ins Spiel kommen. Du kriegst einen Monat nichts hin, und plötzlich platzt der Knoten. Das lässt sich schwer planen.
SS: Wir sind ja keine Maschinen.
GB: Doch, du schon ein bisschen. Du bist die Kaffeemaschine. Unser Team macht seine Hausaufgaben. Es wird immer professioneller, die Themen komplexer. Bei uns ist im Studio 80 Prozent Rumeiern, 10 Prozent Angst, der Rest Panik, und am Schluss wird’s dann gemacht. 
SS: Wie bei einem Stück Granit, auf dem man anfängt, rumzuhämmern, eine Ecke zu viel abschlägt ...
GB: ... und die Skulptur immer kleiner wird. [Lachen]

Auf dem neuen Album gibt es keine Interludes zwischen den Liedern. Warum?
SS: Du sagst Lieder – das ist herrlich! Ick find dit jut!
GB: Ick find’s och schön.

Für mich sind das eindeutig Lieder, in denen eure Stärken ineinandergreifen und sich zu komplexen Gebilden zusammenfügen.
SR: Das gelingt nur, weil wir viel Musik machen, die am Ende auf ihre Essenz herunterdestilliert wird. Wir haben keinen Bock mehr auf Ornamente, deswegen fehlen die Interludes. Erst, wenn ein Lied durch alle drei Filter gegangen ist, ist es Moderat. Dann machen die Songs zusammen Sinn, so kommt die Platte zustande. Das ist uns wichtig, denn wir stehen alle auf Alben, oder?
SS: Absolut.
GB: Wir können, glaube ich, nur Alben.
Die Texte ...
GB: ... hab ich geschrieben! [Lachen] Nee, eine Horrorvorstellung, 500 Sachen gleichzeitig zu machen und dann noch Texte zu schreiben und mir zu überlegen, wie ich das singen soll! Das muss man Sascha hoch anrechnen. Er ist in dem Sinne ja auch kein Sänger. Wir haben ihn über die Jahre immer mehr gedrängt, das zu tun.
Kann ich mir gar nicht vorstellen. Sascha, fühlst du dich von den beiden gepusht, genötigt, gestärkt?
GB: Bei der ersten Platte hat Sascha nur auf zwei Songs gesungen, die live kaum singbar waren. Bei der zweiten war das Selbstbewusstsein schon größer, das haben wir ausgenutzt. So ein neues Element ist einfach geil.
SR: Theoretisch kann jeder singen, du brauchst nur die Eier, dich hinzustellen und es zu tun. Den Mut gab es bei mir lange nicht. Auf dieser Platte habe ich mit der Stimme auch herumexperimentiert, der Umgang wird spielerischer.
Abgesehen von den stimmlichen Qualitäten geht es auch darum, was du mit dem Gesang rüberbringst. Das bist ja du.
SR: Man muss eine Vision haben – oder es kommt einfach aus dem Bauch.
GB: Ja, aber du hast eine Vision, so wie wir beim Beats-Machen. Uns verbindet, dass wir immer versuchen, ein bisschen anders zu sein. Wir kommen aus der Berliner Techno-Szene, wo wir damals die Einzigen waren, die keinen 4/4-Techno gemacht haben.
SR: Das klingt so kalkuliert. Wir mochten einfach andere Musik.
GB: Es ist eine Einstellung zum Musikmachen. Für dich ist es eigentlich nicht drin, klassisch zu singen. Es muss immer irgendwie gegen den Strom sein, aber mit Gefühl und Harmonie.

Eure Musik zieht einen gewissermaßen nach innen, hinterlässt dabei aber ein ambivalentes Gefühl, weil sie gleichzeitig so energiegeladen ist. Wenn du singst, habe ich immer ein kleines Ziehen im Bauch, Sascha.
GB: Oh, Sascha, der Plan hat funktioniert!
SR: Ich habe aber heute auch ein Ziehen im Bauch. [Lachen]
GB: Sascha ist der Weltschmerz, und wir kommen und sagen: »Ist gar nicht so schlimm.«

Mich erinnert das Gefühl an Liebeskummer: Es tut weh, aber man weiß, dass es zum Leben gehört und einen auf lange Sicht stärker macht.
GB: Ich finde Musik, die einen zudröhnt, auch geil. Aber wie du es formulierst, klingt es wie ein Auftauchen, eine Hilfe zur Bewusstwerdung.

Ist dieses Widersprüchliche euer Geheimnis? Der eine hat beim Konzert Tränen in den Augen, der andere vergisst beim Tanzen alles um sich herum, aber es lässt keinen unberührt.
SR: Dadurch, dass sich bei Moderat drei unterschiedliche Typen verwirklichen, wird die Musik emotional vielschichtiger. Wir hören auch komplett unterschiedliche Musik. Gernot ist der Techno-Dude; keine Ahnung, was Szary hört.
SS: Ich hör nur Reggae. [Lachen]
SR: Ich höre gerade nur Musik aus den 80ern, vorher war es orchestrale Musik. Dieser Pool, aus dem man schöpft, ist sehr wertvoll.
Ihr spielt jetzt im Velodrom statt in der Columbiahalle. Mich schreckt das etwas ab, weil ich mich auf Massenkonzerten schwer fallen lassen kann. 
SR: Ganz ehrlich: Ich habe mal gesagt, ich möchte nie größer werden als die Columbiahalle, sonst ist es eine Massenveranstaltung. Da hat man noch das clubbige Gefühl, auf das es ankommt. Aber was machst du, wenn du an dieser Kreuzung stehst?
Manche sagen dann einfach: »Stopp, ausverkauft!«
GB: Wer sagt das? Berlin war sofort ausverkauft, in London hat’s Sekunden gedauert. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, weil wir aus genau dem Grund zusammen Musik machen, dass wir immer einen fetten Sound und diese Glocke erzeugen wollen. Aber wir können nicht wissen, ob wir es nicht trotzdem schaffen, wenn wir’s nicht probieren.
SR: Ich finde auch gar nicht, dass Moderat in einen Club passen. Wir haben einige große Gesten in der Musik. Wir sehen es als Chance, eine Vollproduktion zu machen, bei der wir alles selbst gestalten können.

Bei Björk haben die Massen dem Ganzen keinen Abbruch getan. Da habe ich auch geweint. 
SR: Der »Underground-Spirit« spielt auch eine Rolle. Die Leute aus unserem Lager kommen aus Kellern und finden große Venues völlig uncool. Aber wenn sie es ausprobieren würden, hätten sie wahrscheinlich auch dieses Erlebnis. Ich war letztes Jahr auch bei Björk in der Zitadelle und fand es überraschend gut.
GB: Open Air kannst du nicht vergleichen. Wir spielen sehr viele Festivals und sind auf großen Bühnen erprobt. Daher ist die Angst nicht, dass das nicht funktioniert, sondern, dass der Moderat-Konzertgänger skeptisch ist.
SS: Ich glaube, dass die Musik in so einer großen Venue gut wirkt. Hängt natürlich davon ab, wo du stehst.
SR: Darf es aber nicht. Es muss überall geil sein.
SS: Genau. Deswegen arbeiten wir daran.

Ihr seht dann statt Gesichtern auch nur noch eine Masse.
GB: Wir kommen aus der Aphex-Twin-Ecke und sind gar nicht so scharf auf Blickkontakt. Lieber Understatement mit Visuals und Licht. Bei uns sollte man versuchen, den Kopf auszuschalten. Wir geben uns Mühe, dass es fett wird.
SR: Schon lange, bevor Paul Techno-Star wurde, hat er kleine Clubs gemieden. Das war ihm zu elitär, er wollte für alle da sein. Wir sind zwar nicht Paul, aber wenn eine Show nach zehn Sekunden ausverkauft ist, wird das unfair und elitär.

Das leuchtet ein. Man weiß ja nie, vielleicht werdet ihr irgendwann wieder kleiner und kommt zurück ...
S: Auf den Boden.
G: Wir sind doch immer auf dem Boden.
S: Wir denken uns was aus, um das interessant zu halten. Vielleicht spielen wir mal für 35 Leute in einem Schuppen auf ‘nem Hof.

Oder wie K.I.Z am Frauentag nur für Frauen.
S: Das ist auf jeden Fall ein sensationelles Konzept!

Moderat

III (Deluxe Edition)

Release: 01.04.2016

℗ 2016 Monkeytown Records


– Moderat »III« (Monkeytown / Rough Trade / VÖ 01.04.16)