×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Denken, Performen, Handeln - Anziehen?

Mode und Re-Politisierung in der Musik

Es wurde in diesem Magazin in den vergangenen Monaten viel über Re-Politisierung von Musik nachgedacht und niedergeschrieben, immer wieder von anderer Hand und den verschiedensten, oft auch nur subjektiven (Wahrnehmungs-)Standpunkten aus. Und auch in dieser Ausgabe werden wieder viele in diesem Zusa
Geschrieben am

Es wurde in diesem Magazin in den vergangenen Monaten viel über Re-Politisierung von Musik nachgedacht und niedergeschrieben, immer wieder von anderer Hand und den verschiedensten, oft auch nur subjektiven (Wahrnehmungs-)Standpunkten aus. Und auch in dieser Ausgabe werden wieder viele in diesem Zusammenhang bereits gestellte Fragen und aufgestellte Thesen erneut neu aufgegriffen und von anderer Seite durchleuchtet. Einmal von Thomas Venker in der Titelgeschichte zu Tocotronic, von Linus Volkmann in seiner Nachlese zur taz-Veranstaltung "Re-Politisierung von Popkultur" und letztlich auch in seinem Artikel zum Achtziger-Annette-Humpe-Sound von (Zeitgeist?-)Bands wie Mia oder Spillsbury. Gerade Mia, weil hier am offensichtlichsten präsentiert, letztlich aber irgendwo auch Tocotronic, lassen einen die berechtigte Frage stellen, inwieweit Style oder schlicht Mode innerhalb dieses doch recht neuen Modus, den wir eben "Re-Politisierung" genannt haben, eine Rolle spielt.

Oder anders gefragt: Lassen sich hier Zusammenhänge zwischen Denken, Performen, Handeln und Anziehen finden? Etwas vereinfacht aus der entgegengesetzten Perspektive formuliert, und um ein wenig allgemeiner zu bleiben: Lässt sich im Umgang mit Mode eine ähnliche Re-Politisierung konstatieren, die vielleicht sogar entfernt vergleichbar ist mit dem klassischen Gebrauch von Style/Mode als auch politisch zu verstehender Abgrenzungstaktik innerhalb von Pop-/Jugendkultur? Und wenn ja, wie genau sieht das dann heute aus und inwieweit lassen sich hier gegenüber vorangegangenen Mode-Konzepten innerhalb von Pop Unterschiede feststellen? Und schließlich, welche Unterschiede sind es denn eigentlich und wie ist es dazu gekommen?

Verlauf 1

Vor ein paar Ausgaben (Intro 91) habe ich genau an dieser Stelle einen Artikel zu KunstMode/ModeKunst geschrieben und nicht zuletzt auch als Folge der "No Logo"-Rezeption in diesem Zusammenhang eine Art "Neues Denken" im Umgang mit Mode festgestellt. Neu in der Art, dass stellenweise Wege gesucht und gefunden werden, Mode abseits marktwirtschaftlicher, kapitalistisch geprägter Markensysteme zu produzieren und propagieren. Neu aber auch, weil zunehmend ökologische, finanzielle und künstlerisch-theoretische Aspekte direkt oder indirekt an Gewicht innerhalb ihres Gebrauchs und Erwerbs, sowie ihrer Produktion gewinnen. Und schließlich, weil Kleidung vermehrt auch als mögliches Organ oder als mögliche Ebene zum Ausdruck des eigenen Denkens oder eigener Ideen, sowohl seitens ihrer Produzenten, als auch ihrer Konsumenten, verstanden wird, indem sie zum Kunstobjekt umformuliert wird. Bewusst oder unbewusst, sei jetzt hier erst einmal dahingestellt, aber es ist sicherlich von Bedeutung, dass Produzent und Konsument von Kleidung zunehmend in einer Person zu finden sind oder aber doch wenigstens innerhalb eines bestimmten Umfeldes von Personen, für die sich in ihrem Denken und Handeln, kurz, in ihrer Positionierung innerhalb von Gesellschaft und Pop, ein oder mehrere gemeinsame Nenner markieren lassen.

Verlauf 2

Wie formulieren es Tocotronic so schön ein paar Seiten früher: Sie wollen nicht nur eine mögliche Interpretation ihrer Musik bieten. Stattdessen propagieren sie die Meinungs- und Interpretationsfreiheit des Individuums in Bezug auf eine Sache innerhalb der Gesellschaft und des Pop. Jedem seine eigene Idee dazu, jedem seine Individualität. Vielen mag dieses basisdemokratische, liberale Denken wie eine Stellungslosigkeit oder Egalhaltung vorkommen, gegenüber dem, was man selbst tut und dem, was um einen herum geschieht. Aber das wäre, denke ich, viel zu einfach, denn, um beim Beispiel Tocotronic zu bleiben, so wenig ich sie musikalisch mag, so sehr glaube ich doch, dass sie eine Idee haben von dem, was sie musikalisch und inhaltlich an uns herantragen. Und vor allem, wie sie es tun. Der Rückzug auf die Individualität als Konzept, auch in politischer Hinsicht, ohne die Masse aus den Augen zu verlieren oder das, was um einen herum geschieht.

In dem von Jochen Bonz herausgegebenen Buch "Sound Signatures" habe ich seinerzeit in meinem Beitrag "Pret-à-Pop" meine ganz subjektive Verwirrung über den heutigen Verlust oder besser die Entschärfung der Funktion von Mode als politisches Element im Zusammenhang mit dem Finden einer eigenen Position, also der Positionierung innerhalb von Popkultur formuliert und dies in Vergleich gestellt zu meinem eigenen Erleben in den Jahren davor. Eben im Vergleich zu Zeiten, in denen die Hose der falschen Marke, eine falsche Frisur oder auch nur eine Handbewegung, Probleme innerhalb des selbstgewählten Umfeldes hervorrufen konnte. Interessanterweise wurde meine simple, ausgesprochen persönliche Beschreibung des Jetzt von verschiedenen Seiten als ein Herbeisehnen alter Tage ausgelegt. Dabei war es nur ein Versuch, die Situation, die sich mir tagein und tagaus offenbarte, die zunehmende Definition des Ichs allein über Musik, Drogen und andere Faktoren wie der Gemeinsamkeit und den damit einhergehenden Verzicht, ja, das Verwerfen klassischer Abgrenzungsmodi wie Kleidungsstil, Sprache und Gestik, in Worte zu fassen und gleichzeitig Gründe für diesen Richtungswechsel, diese Neudefinition des Subjektes innerhalb von Popkultur zu suchen.

Ebenso wie sich mir die Frage stellte, wohin das ganze Gebären von Jugend, welches sich auch scheinbar zunehmend unpolitischer zeigte, eigentlich führen wird. Anders gefragt, welchen Weg sie (die Jugend/die Popkulturisten) einschlagen werden, um auf die sehr schnelle und schnelllebige Vereinnahmung ihrer Wertigkeiten durch Wirtschaft und die wachsende Masse an Pop-Theoretikern zu reagieren und sich so innerhalb dieses neustrukturierten Systems dennoch einen eigenen (vielleicht auch traditionell geheimen) Raum und Wirkungskreis zu schaffen. Vor allem, weil es sporadisch schien, als hätten sie resigniert und sich bereitwillig dem Flussverlauf ihrer Außenwelt hingegeben.

Schnelldurchlauf: Retro und Artverwandte

Nach den Egal- oder Alles-ist-möglich-Zeiten, also jenen Zeiten, in denen allen, egal, wie sie sich selbst definierten oder kleideten, alle Türen offen standen, die gleichzeitig auch so schienen, als hätten wir resigniert, folgten und folgen immer noch musikalisch wie kleidungstechnisch Momente, in denen auf klassisch, eindeutig auch politisch konnotierte Erscheinungen innerhalb von Jugendkultur der Vergangenheit zurückgegriffen wurde. Selbst auf den Laufstegen dieser Welt erlebten Ideale und Ideen wie Punk, Glam, Folk und Modstyle bekanntlich ihre Reunion. 80er-Pop wurde/wird ohne Ende wieder aufgegriffen, kopiert, neuformuliert und getragen wie gesungen, ebenso wie die Frühphasen der Technobewegung. Und das alles nicht nur von uns, sondern auch von der Gesellschaft um uns herum, die früher jene war, gegenüber der man sich meinte, in jedem Fall abgrenzen zu müssen. War und ist das der Ausverkauf oder Selbstverrat der Jugendkultur? Oder gar die verzweifelte Suche nach klassischen Identifikationsmöglichkeiten des jugendlichen Ichs? Oder aber ist es ein selbstbestimmtes Kaputthauen der eigenen Geschichte, um einen Ausweg aus einem Dilemma zu finden?

Es fällt wahrlich schwer zu glauben, dass wir schon am Ende angelangt sind, auch wenn es manchem vielleicht stellenweise genauso vorkommt. Ich kenne genügend Leute, die gerade in der nahen Vergangenheit, langsam den Spaß an Musik verloren haben, weil sie ihnen zu beliebig wurde, austauschbar, nicht fortschrittlich genug und auf der anderen Seite ohne Seele. Und genauso vielen geht es mit der Mode ähnlich. Wie oft sind Freunde von mir in die Stadt gegangen, willig, etwas zum Anziehen zu kaufen, und kamen enttäuscht mit leeren Händen zurück. Und das nur, weil alles gleich aussieht und man eben ein ähnliches Stück schon selbst im Schrank hängen hat oder es fehlt der Kick. Der, bei dem man einfach nur noch denkt: Wow! Ebenso wie der Kick fehlt auch die Möglichkeit, der Idee von der eigenen Identität auch visuell Ausdruck zu verleihen. So konnte und kann man nicht nur stilistisch, was die Kleidung betrifft, sondern auch in Bezug auf das eigene Denken und Handeln, mancherorts eine komische Form des Konservativismus beobachten, wie man ihn vielleicht am ehesten von den eigenen Yuppie-Freunden kannte. Anzüge, Streifenblusen, Collegeschuhe, Faltenröcke und Ballerinas erlebten ebenso ihr Revival, wie knallfarbene Strumpfhosen, die Farbe Weiß und schräge 80er-Schnitte und Frisuren. Der wahre Overkill an Bezugslosigkeit. Scheinbar zumindest.

Interpretationsfehler

Anfangs kam es mir (und sicherlich nicht nur mir) so vor, als wären wir einfach alle alt geworden und hätten den Bezug zum Jungsein und all das Kämpferische, was automatisch für uns damit zusammenhing, verloren. Klassisch eben: Die Leute heiraten, kriegen Kinder, essen lieber mit ein paar Freunden zu Hause, statt auf eine Party zu gehen, picknicken oder aber veranstalten Partys im kleinen privaten Kreis, wo man dann nicht selten - erstaunlicherweise - sogar wieder über bestimmte Themen debattiert etc.. Eine Art Rückbesinnung auf traditionelle Familienwerte, jedoch verschoben in den Kontext der Privatheit innerhalb einer selbst gewählten, meist sehr kleinen Gemeinschaftsstruktur, die nicht immer nur die Familie sein muss.

Bei manchen mag schlicht das Alter hier sicherlich mit eine Rolle spielen, und das ist auch mehr als völlig legitim, liberal gesprochen und in dem Wissen, dass dieser Kelch an keinem von uns vorübergeht, aber eben nicht bei allen, denn nicht alle haben diesen Punkt bereits erreicht. Doch zurück zur Mode: Während also die einen einen scheinbaren Konservatismus pflegen und die anderen Mode sehr traditionell als stetig wandelbare Selbstinszenierung feiern, genaugenommen einem eigentlich erst einmal, egal an welchem Punkt man sich befindet, alle Türen offen stehen, zeigt sich parallel und eben auch innerhalb dieses Geschehens, ein frappanter Wandel im Umgang mit und im Verständnis von Mode, den ich eingangs mit dem "Neuen Denken" (vgl. Intro 91) grob umrissen habe, jedoch noch zusätzlich aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Interpretationsmöglichkeiten

Mode wird innerhalb von Jugendkultur vielerorts gerade nicht mehr als Ausdruck einer weiträumigen Idee von Pop verstanden, sondern als Idee von der eigenen Identität, die nur wenige teilen und eben nicht eine größere "Bewegung". Es geht eben nicht mehr um eine direkte Abgrenzung gegenüber der gesellschaftlichen Masse innerhalb einer kleinen Gruppe, der man sich zugehörig fühlt. Denn dass das Konzept heute nicht mehr aufgeht, musste man in den letzten Jahren lernen. Mode ist stattdessen einfach ein Teil des eigenen, individuellen Ichs geworden, und kann sich so wandeln und verändern und ohne Probleme auch geteilt werden. Und genauso wird kaum einer mehr ausgegrenzt wegen eines inhaltlich falsch belegten Outfits. Überhaupt ist es die Frage, ob es hier noch um Abgrenzen in diesem Verständnis geht. Ist es nicht vielmehr inzwischen einfach ein Wirken oder Agieren auf einer komplett anderen Ebene?

Diese Ebene hat etwas von einer kleinen eingeschworenen Gemeinde, die genau so an ihre Umgebung herantritt: Nur wenige wissen, was ich wirklich denke und fühle. Das sage und zeige ich, und was die anderen um mich herum daraus machen, sprich, wie sie mein Agieren für sich und ihr eigenes Handeln verwerten, das ist ihnen selbst überlassen. Ich zeige ihnen nur einen möglichen Weg. Und genau deshalb ist es eben nicht gleich unpolitisch. Im Gegenteil, denn es wird heute öfter Stellung zur Gesellschaft um uns herum bezogen, und das nicht nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft, wie früher, sondern auch über diese hinaus. Das zeigt sich in bezug auf Mode beispielsweise in Gestalt der Verweigerung gegenüber Marken, deren Produktionsweisen, inzwischen im Wissen, dass diese Tatsachen der allgemeinen Öffentlichkeit bekannt sind, den demokratisch fundierten Menschenrechten widersprechen.

Dass Mode nunmehr von jenen nach anderen Gesichtspunkten vor allem konsumiert, aber auch produziert wird, wenngleich bisher größtenteils nur im Kleinen, - wobei Dirk Schönberger im Großen mit seinen Verstärker-Variationen ähnlich agiert -, ist ein geschickter Schachzug. Ökologische und weltpolitische Gesichtspunkte gewinnen an allgemeinem Interesse innerhalb dieser Gemeinschaften und gleichzeitig werden Gegenstrategien entworfen. Derart, dass immer mehr Kleinlabels an der Bildoberfläche erscheinen, die, zunächst nur einem kleinen, fast schon privaten Kreis bekannt, zunehmend an weitreichenderem öffentlichen Interesse gewinnen. Berlin und Hamburg sind hier sehr weit vorne mit Labels wie Elternhaus, Betty Bund oder dem Mia-Label Designer 77, aber das sind nur einige wenige Beispiele.

Es ist ähnlich, wie in der Musik, wo es auch zahlreiche Beispiele von Kleinlabels gibt, die neben dem wirtschaftlich gesteuerten Musikmarkt, ihre Existenz halten können, ohne Gefahr zu laufen, den gleichen Weg einzuschlagen oder gar verloren zu gehen, einfach weil ihre Strukturen in sich so stabil und geschlossen sind und sie gleichzeitig nicht darauf hinarbeiten die Gesamtstruktur des Marktes verändern zu wollen. Nischennutzung könnte man das Ganze nennen. Auf der einen wie der anderen Seite. Der Produzent ist Konsument und umgekehrt und selbst, wenn man nun die Mode nicht selbst produziert, sind wir so Konsumenten und Produzenten gleichzeitig und bedienen uns bei allem, was uns zur Verfügung steht, ähnlich wie in der Musik. Und das sehr bewusst. Und sehr auf eine individuelle Idee weniger Menschen beschränkt, womit auch hier eine neue Form politischen Denkens Einkehr hält, die für die Markenwirtschaft nur wenig Handlungsspielraum übrig lässt. Abgrenzung über Individualität, eine politische Idee und eine Form von Liberalismus im weitesten Sinne.