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Rockstars in einer Kleinstadt

Mit Kakkmaddafakka unterwegs in Bergen

Bergen, das gallische Dorf der norwegischen Musikszene: Kaum eine Stadt in Norwegen bringt so viele gute Bands hervor. Was Tromsö für Techno, ist Bergen für Indie. Hannah Bahl hat mit Kakkmaddafakka beim Schlendern durch deren Heimatstadt über Kultkneipen, das Leben in einer Kleinstadt und das neue Album »Hus« gesprochen.
Geschrieben am
Beim Anflug gleite ich über grüne Wiesen, raue Felsen und unzählige schwarze Seen und merke plötzlich, wie weit ich in Berlin von der Natur entfernt bin. Ganz schön wild hier. Landung in Bergen, einer Kleinstadt mit durchschnittlich 240 Regentagen, die klaustrophobisch am Meer klebt, viel zu viele Kreuzfahrttouristen hat und Heimatstadt von Röyksopp, Kygo, Kings Of Convenience, Casiokids, Kakkmaddafakka und vielen weiteren Künstlern ist. Nach der leider sehr verspäteten Ankunft geht es in Richtung Zentrum, wo die Jungs von Kakkmaddafakka schon warten. Ein bisschen Angst bekomme ich im Taxi schon – vor der Entzauberung einer Partyband bei Tageslicht, aber da muss ich jetzt durch, quasi wie bei einem zweiten Date, nachdem das erste im Rausch passierte.
Ironischerweise treffen wir uns am über der Stadt thronenden Universitätsgebäude, in das nur wenige Bandmitglieder einen Fuß gesetzt haben, und wenn, dann auch nur kurzzeitig – Kakkmaddafakka stehen eher auf ruppige Realität als auf dicke Bücher und utopische, wissenschaftliche Luftschlösser. Vor dem Gebäude posieren die Brüder Axel und Pål (genannt Pish) samt der restlichen Besetzung, bestehend aus Stian, Kristoffer, Emin und Lars, im sehr aufgeräumten Garten zwischen Springbrunnen und tropischen Pflanzen. Auf dem Flug habe ich zur Bergen-Einstimmung ein paar alte Kings-Of-Convenience-Songs gehört, und es dauert keine zwei Minuten, bis der Name Erlend Øye fällt. Wie ein guter unsichtbarer Indie-Geist scheint er über dieser Stadt zu schweben. Kakkmaddafakka hat er von Beginn an unterstützt: Er hat der Band am Anfang ihrer Karriere Proberäume besorgt und ihre Alben produziert. Das war vor circa sieben Jahren, zu einer Zeit, als Sänger Axel noch erfolglos versuchte, auf Bergens Straßen Würstchen zu verkaufen, wie er jetzt grinsend erzählt. Natürlich äußerst enthusiastisch und von sich selbst überzeugt, wie man ihn heute auch als Frontmann kennt, bis dann Erlend als Retter des Indierock auftauchte, zwar keine Würstchen kaufte, die Band aber liebevoll in Richtung Bühnen der Welt schubste.
Vom Universitätsgebäude aus gehen wir in Richtung Håkonsgaten, der Partymeile Bergens, wo wir einen Stopp in der Bar Legal einlegen und Zeit für ein Bier haben. Die zur Sicherheit noch schnell vor dem Abflug im Duty Free gekaufte Flasche Berliner Luft bricht dann das Eis, und Mama hatte wieder mal recht: Man sollte im Leben nie ohne Gastgeschenk aufkreuzen. Während die anderen Jungs auf Norwegisch mit dem befreundeten Barkeeper palavern, erklärt mir Schlagzeuger Kristoffer, dass früher jeder Abend der Band in dieser Straße begonnen habe: »Hier war auch unsere Lieblingsbar Vamoose. Wir haben uns praktisch immer die Straße rauf und runter getrunken und dabei unseren Status als Partyband zementiert.« Dass es das Vamoose nicht mehr gibt, ist eine der großen Kakkmaddafakka-Tragödien, die nach ein paar Gläsern Schnaps immer wieder Erwähnung findet. Den Verlust dieser Bar haben die Jungs wie den Tod eines geliebten Familienhundes bis heute nicht verdaut, weil er auch so etwas wie das Ende der unschuldigen Bandjugend bedeutete. Da ist eine unstillbare Sehnsucht nach einem Ort, den es nicht mehr gibt, wie Sänger Axel es schließlich wehmütig beschreibt: »Seit es das Vamoose nicht mehr gibt, sind wir heimatlos wie Einwohner eines Landes, das nicht mehr existiert. Immer auf der Suche nach einer Ersatz-Bar, die wir aber in der Form nie wieder gefunden haben. Das Vamoose war einfach ein besonderer Ort, an dem alles gestimmt hat. Wie bei den meisten Dingen im Leben merkt man die Bedeutung aber erst, wenn dieser Ort plötzlich nicht mehr existiert.«
Beim Anflug auf Bergen musste ich darüber sinnieren, wie es sich wohl anfühlen mag, dieses Leben als Rockstar in einer Kleinstadt. Auf diese Überlegung gestoßen hatte mich »Neighbourhoud«, Kristoffers Kakkmaddafakka-Songwriting-Debüt auf dem neuen Album: »I’m tired now everybody knows my name, I wanna get out of here, I wanna run away, no matter what the others say (...) I meet my heartaches everywhere and I’m stuck in a neighbourhood.« Und genau das zeigt unser kleiner Stadtrundgang: hier ein Handschlag, da ein Hallo – als Kakkmaddafakka-Mitglied wird man sich an den besten Tagen wie der Bruce Springsteen Bergens und an den schlechten eher wie gefangen in der »Truman-Show« fühlen. Diese Beobachtung bestätigt Axel: »Der Erfolg hat früh für uns angefangen: Als ich 18 und Pish gerade mal 15 war, haben wir in Bergen alles ausverkauft, wir kennen das also irgendwie nicht anders. Bergen ist halt unser Zuhause, in dem alles ziemlich bequem, aber eben auch eng ist. Wahrscheinlich würden wir es hier nicht aushalten, wenn wir nicht so viel reisen könnten.«
Zumindest die beiden Brüder, die aus einer klassischen Musikerfamilie stammen, haben sich also mit ihrem Leben als Bergen-Party-Posterboys arrangiert und hauen, wenn es ihnen zu viel wird, ab: in die Sauna oder auch in die Natur. Denn genau das ist vielleicht das Gute am Ende der Vamoose-Ära: Statt jeden Abend ins Bierglas zu fallen, galt es plötzlich neue Orte zu entdecken: »Früher, zu Vamoose-Zeiten, hatte ich vollkommen vergessen, dass es hinter den Bergen die Natur gibt, daran habe ich mich erst jetzt wieder erinnert«, stellt Axel fest. Auf seine Naturspaziergänge mit seinem Hund Alfred nimmt er gern die Welt mit und filmt sich dabei. Die Clips finden sich auf dem YouTube-Channel der Band unter dem Titel »Nature In Nature«. Sie sind irgendwie absurd, lustig und manchmal auch sehr schlau – und seien an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen.

Und ganz so dringlich scheint es mit dem Abhauen auch nicht zu sein, sonst wäre Kakkmaddafakkas neues Album nicht, genau, in Bergen entstanden: Aufgenommen wurde es ganz entspannt im Jugendstilhaus von Axels leicht verrücktem Nachbarn Professor Edward und der Aufnahmeprozess inspiriert von der Seefahrt, wie Pish erklärt: »Für jeden Song haben wir diesmal ein Bandmitglied zum Captain ernannt, der sich darum kümmern musste, und uns so zum ersten Mal nicht in die Haare bekommen.« Wo »KMF« als Album verbissen wirkte, gibt es auf »Hus« plötzlich eine salonhafte Leichtigkeit, die jedoch nicht das Partyband-Image der Band unter den Tisch fallen lässt, das immer noch zu Kakkmaddafakka gehört, obwohl die ersten Bandmitglieder mittlerweile Kinder haben, es feste Beziehungen gibt und eine Ernsthaftigkeit, die im Zuge des Erwachsenwerdens wohl oft droht. Axel betont: »Wir haben immer wahnsinnig gern viel Spaß gehabt, das haben die meisten Leute heute verlernt. Jetzt sind alle immer sehr ernst. Wir sind die letzte Band, mit der man immer noch so richtig Spaß haben kann.«
Was das in der Konsequenz bedeutet, merkt man abends beim Bergenfest, das in einem nicht enden wollenden sintflutartigen Regen untergeht und bei dem sich die Band auf der Bühne die Seele aus dem Leib feiert. Vielleicht liegt das Geheimnis dieser Stadt gerade in der Kleinstadt-Klaustrophobie begründet, dem Wasser von oben, der Erinnerung an die goldenen Vamoose- und Kings-Of-Convenience-Zeiten und im viel zu teuren Aquavit, mit dem wir später im Legal anstoßen. Skål! – auf den Spaß, den ich mit Kakkmaddafakka den ganzen Tag über hatte und hoffentlich auch weiterhin haben werde – ernste Bands gibt es in dieser Welt nun wirklich genug.

Kakkmaddafakka

Hus

Release: 29.09.2017

℗ 2017 Bergen Mafia