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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

5 Dinge, die wir in New York gelernt haben

Mit dem Reeperbahn Festival in New York

Wir verbrachten eine Woche mit der Delegation des Reeperbahn Festivals in New York, wo wir zum Beispiel die Musik-Legenden Tony Visconti und Linda Perry erlebten (die in der Jury des Anchor Award 2018 sitzen werden), einen Haufen guter Konzerte sahen, lernten wie effektiv die US-Indie-Szene das Thema #MeToo angeht und bei den A2IM Libera Awards am Times Square staunten, dass man eine Musikpreisverleihung auch völlig spackenfrei besetzen kann. Dazu gibt es die ultimative New-York-Playlist.

Geschrieben am

1. »New York is a state of mind /That doesn't mind fucking up a brother« – die Playlist

Also gut, machen wir erst einmal Musik an. Bevor wir in den Flieger gestiegen sind, haben wir natürlich erst einmal überlegt, zu welchem Soundtrack wir durch Manhattan streifen, im Central Park chillen, auf Coney Island Eis essen, am Rockaway Beach Bier trinken oder nachts angetrunken durch Bushwick wanken wollen. Hier kommt unsere Auswahl, in der wir – wie ihr schon an der Überschrift merkt – nicht nur die verklärten Touristen-Hymnen unterbringen wollten.

>>>> Hier geht es zur Spotify-Playlist

Die Indie-Szene ist mal wieder weiter – in Sachen #MeToo und Gender Balance zum Beispiel

Die Aktivitäten des Reeperbahn Festivals fanden im Rahmen der A2IM Indie Week statt, einer Konferenz mit diversen Workshops, Panels und abendlichen Showcases. Im schmucken Areal um das Theater The Clemente in der Lower Eastside trafen sich vor allem Vertreterinnen und Vertreter der diversen Branchenzweige. Viele Panels und Workshops konzentrierten sich zwar auf rechtliche und geschäftliche Aspekte, dennoch gab es viele Veranstaltungen, mit denen man auch als bloßer Fan oder Schreibender etwas anfangen kann. Ein Schwerpunkt lag dabei vor allem auf der Vorstellung der Initiative Keychange, die sich auf sehr leidenschaftliche und organisierte Weise dafür einsetzt, bis zum Jahr 2022 eine 50/50 Gender Balance in den Line-ups der Festivals zu haben. Aus Deutschland haben sich bereits der Verband Unabhängiger Musikunternehmen E.V. – kurz VUT – und das Reeperbahn Festival der Initiative angeschlossen. Bisher haben sich weltweit über 100 Festivals commited, dieses Ziel zu erreichen. Auf der Indie Week lud Vanessa Reed zu einem Gespräch über die Initiative – sie ist die Präsidentin der PRS Foundation, die Keychange gegründet hat. Mehr über das Panel, an dem auch das Reeperbahn Festival teilnahm, könnt ihr hier lesen. Eine Liste der teilnehmenden Festivals gibt es hier.

Ebenso spannend war auch das Panel über die Folgen der #MeToo-Bewegung für die Musikindustrie, an dem zum Beispiel JD Samson von Le Tigre teilnahm (Foto rechts). Was mir besonders gut gefallen hat, war der praktische Ansatz der Diskussion: Ganz konkret standen die Fragen im Mittelpunkt, wie man »safe spaces« innerhalb der Musikindustrie schaffen kann – bzw. wie man im Idealfall die gesamte Industrie (und hey, bittegerne auch den Rest der Welt) zu einem solchen machen kann. Außerdem ginge es jetzt vor allem darum, vertrauenswürdige Anlaufstellen zu schaffen, um Opfer von Übergriffen konkreter ermutigen zu können, an die Öffentlichkeit zu gehen.

3. Das Line-up des Reeperbahn Festival verspricht wieder mal gut zu werden

Als Teaser für das diesjährige Reeperbahn Festival fand am Mittwochabend im Rahmen der Indie Week ein Showcase statt, das die Forderungen von Keychange sozusagen übererfüllte. Nur die Kanadier von Little Junior waren eine Jungstruppe – und das bitte im wahrsten Wortsinn, denn Sänger Rane Eliott-Armstrong spricht tatsächlich von einer »Boyband«. Seine abgefahrene Mimik, die Twenty-Somethings in Kleinjungen-Outfits und der Weezer-trifft-Ramones-Soundtrack führen diesen Begriff aber eher ins Absurde. Catchy war es trotzdem. Der Abend wurde von der wundervollen Akua Naru eröffnet, die HipHop-, Jazz-, Soul- und Blues-Einflüsse zeitgemäß vermischt und mit klarer Haltung und starken Aussagen zu einem sehr besonderen Sound verwebt. Große Worte, klar, aber hört euch doch einfach mal ihren Track »Black Future« oder gleich das gesamte »The Blackest Joy«-Album an. Weiter ging es mit der entrückten, faszinierenden Portugiesin Surma. Nach Little Junior kämpfte Jeannel leider gegen zu laut labernde Businessleute im Barbereich, schaffte es aber mit ihrer Stimme und ihrem zart schmelzenden Pop die vorderen Reihen so in den Bann zu ziehen, dass diese nur zu gerne nach hinten brüllten, man sollte an der Bar doch bitte mal die Fresse halten. Jade Bird machte kurz darauf klar, warum sie den Anchor Award des Reeperbahn Festivals im letzten Jahr gewonnen hat: So eine Stimme, so ein Charisma, so eine Wucht erlebt man eben selten auf einer Bühne. Das Duo Haerts, das den letzten Slot bestritt, hatte dann wohl die kürzeste Anreise: Sängerin Nini Fabi und Benny Gebert sind bereits vor einigen Jahren von München nach Brooklyn gezogen und erfuhren kürzlich einen weiteren Karriereschub, als sie Musik zur zweiten Staffel der Serie »13 Reasons Why« Musik beisteuerten. Fazit des Abends: Wenn genau dieses Package auch in Hamburg zu sehen ist, ist man auf einem guten Weg. Hier gibt es ein Video des Abends:

4. Auch 2018 könnte man Tony Visconti im September Molotow treffen – und diesmal auch Linda Perry

Der Anchor Award – der internationale Newcomerpreis des Reeperbahn Festivals – geht 2018 in die dritte Runde und hat schon wieder eine Jury am Start, bei der man sich fragt, wie das eigentlich passieren konnte. Präsident ist wieder Tony Visconti – ein Mann, den man als Musikfan kennen sollte. Vor allem weil er die besten Bowie-Platten produziert hat – inklusive der letzten, brillanten, dramatischen, tragischen »Blackstar«. Visconti arbeitet ständig mit Legenden zusammen und ist selbst eine – und trotzdem macht es ihm glaubhaft alle Jahre wieder Spaß, mit der Jury durch die Hamburger Clubs zu ziehen und sich junge Acts anzuschauen. Bei der Präsentation der Jury beteuerte er noch mal, dass es ihm am meisten Freude bereitet, Neues zu entdecken. Kurz darauf hatten wir übrigens die Gelegenheit mit Tony genau darüber zu sprechen – ein Gespräch, das ihr bald auf intro.de finden werdet und das so gut lief, dass er uns am Ende Fotos von seinem letzten »Job« zeigte: Er war mit Damon Albarn im Studio, um an dessen Allstar-Projekt The Good The Bad And The Queen mitzuwirken. Zweite im Jurybunde ist ebenfalls eine Legende: Linda Perry, die zwar auch die Sängerin der 4 Non Blondes war, aber seitdem eine der gefragtesten Songwriterinnen überhaupt ist. Sie arbeitete zum Beispiel mit Pink, Christina Aguilera, Gwen Stefani, Courtney Love und ... äh ... James Blunt zusammen. Ihr Ratschlag für die jüngere MusikerInnen-Generation: »Lernt euer Handwerk. Lernt Songwriting. Schafft euch eine gute Live-Show drauf. Sonst ist es egal, ob ihr eben ›Imagine‹ geschrieben habt. Wenn ihr danach nur auf dem Sofa sitzen bleibt, werdet ihr ewig John bleiben – der unscheinbanre Typ, der diesen einen großartigen Song geschrieben hat, den keine Sau kennt.« Wise words! Macht euch also drauf gefasst, dass es passieren könnte, neben diesen beiden zu stehen – vielleicht zum Beispiel im Molotow, wenn dort ein Anchor-Nominierter spielen wird.

5. Man kann eine Award-Show auch völlig spackenfrei besetzen

Nach dem Echo ist man ja genügsam. Dennoch waren wir positiv überrascht, als wir zur Verleihung der A2IAM Libera Awards im Playstation Theatre am Times Square eingeladen waren. Auf der Bühne: Aimee Mann, Natalie Prass und die Dap Kings als Live-Acts, als Preisträger zum Beispiel Brett Gurewitz, der für sein Lebenswerk und sein Wirken bei Epitaph ausgezeichnet wurde und das »Album of the Year« wurde das Slowdive-Comeback – das ja auch Intro zum Selbigen gewählt hatte. Da wähnt man sich – bei einem Blick auf die Echo-Verleihung in diesem Jahr – doch gleich im Paradies. Hier kann man sich die GewinnerInnen noch einmal anschauen.