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Mister And Mississippi im Gespräch

Auf der Pop-Akademie in Utrecht kennengelernt, machten sich Mister And Mississippi mit Folk-Lovestorys einen Namen. Mit dem Drittwerk »Mirage« versuchen sich die Niederländer an Synthieklängen und mehr Tiefe. Alena Struzh sprach mit Sängerin Maxime Barlag und Gitarrist Tom Broshuis über Visualität, Science-Fiction und die Smartphone-Epidemie.
Geschrieben am

Interview:
Alena Struzh

»Mirage« ist euer drittes Album. Oft wird behauptet, dass auf der dritten LP deutlich weniger Druck lastet, als auf den ersten beiden Platten. Wie seht ihr in dem Zusammenhang eure Entwicklung als Band und in eurem Sound?
Maxime: Wir sind definitiv als Gruppe gewachsen. Alle sagen immer, dass das zweite Album das schwierige sei, aber ich glaube, dass wir uns beim dritten für eine neue Richtung entschieden haben, weil wir uns nach einer Veränderung sehnten und es sich natürlich anfühlte.
Tom: Die zweite Platte war für uns recht einfach. Aber beim dritten Album war der Anfangsprozess sehr schwierig. Was wir zu Beginn gemacht haben, den Folk-Sound, das hat sich nicht richtig angefühlt. Also haben wir alles weggeworfen und beschlossen ganz klein anzufangen. So haben wir etwas Neues versucht, es hat sich von Anfang an richtig angefühlt, und jetzt kommt dieses Album raus. Es war eine tolle Entwicklung.
Maxime: Auch, weil sich unser Musikgeschmack sehr verändert hat und wir selbst uns auch. So haben sich auch unsere Inspirationsquellen und Einflüsse geändert, sie sind im Vergleich zu früheren Inspirationen ziemlich anders.

Ich hab mir eure Spotify-Playlisten angeschaut, wo ihr einen Einblick in eure Einflüsse gebt. Ziemlich Indie. Hat sich das verändert?
Maxime: Naja, ich glaube als Musiker entwickelt man sich immer weiter.
Tom: Stimmt. Wir vier haben ziemlich verschiedene Musikgeschmäcker. Ich zum Beispiel mag auch Metal oder die schwedische Folkband Francis, und Maxime hasst es. Aber wir hören auch ziemlich viel gemeinsam, zum Beispiel im Tourbus, wenn wir zu einem Konzert fahren. Dann läuft ziemlich viel The Cure und The Smiths und andere Bands aus den 80ern. Ich glaube, das kann man aus den Synth-Sounds des neuen Albums raushören. Wir haben uns sehr von diesen Bands beeinflussen lassen.
Maxime: Aber wir haben immer solche Musik gehört, schon vor den ersten beiden Alben. Wir mochten Indie schon immer. Ich denke, mit der Indie-Szene können wir uns am besten identifizieren. Erst war es Indie-Folk und jetzt ist es mehr in der Richtung von New Wave Indie. Wir haben diese Art von Musik schon immer gemocht, aber jetzt machen wir sie einfach selbst!
Gibt es einen bestimmten Grund, dass ihr das Album in eurer Heimatstadt Utrecht aufgenommen habt?
Maxime: Wir haben mit Simon Akkermans gearbeitet, er hat mal bei C-Mon & Kypski mitgemacht und sitzt in Kytopia. Das war mal die größte Location in Utrecht, aber dann wurde sie zu ganz vielen Studios umgebaut. Es ist ein großartiger kreativer Ort mit vielen Musikern und Aufnahmestudios. Als wir das Album aufnahmen, haben wir uns sogar ein paar Instrumente von anderen Leuten geliehen, ein paar Synthies, Drums und Gitarren. Wir hatten schon einmal einen Song mit Simon aufgenommen und uns gefiel, wie er gearbeitet hat.
Tom: Ich glaube wir haben ihn ausgewählt, und nicht Utrecht, also nicht, weil wir das Album in unserer Heimatstadt aufnehmen wollten. Es war nur ein netter Bonus. Wir wollten mit Simon zusammenarbeiten, weil er ein paar coole Platten mit Bombay gemacht hat, die wir sehr mochten. Sie sind kantig und gleichzeitig fließend. Das war genau das, was wir wollten und es hat sehr gut zusammengepasst.
Maxime: Mehr gebrochene Akkorde, mehr Beats, ich glaube das ist, was das Album gebraucht hat.

»Mirage« bedeutet etwa optische Erscheinung, und mir ist aufgefallen, dass ihr sehr stark mit Visualität gearbeitet habt. Wie wichtig ist der visuelle Aspekt bei einem Album?
Maxim: Absolut wichtig! Das gibt der Musik ein Gesicht. Als wir nach einem Albumcover gesucht haben, wurden wir von spacigen, intergalaktischen Darstellungen inspiriert und das merkt man auch stark in der Musik. Das dritte Album ist ein bisschen spaciger. Ich glaube wir haben uns mehr darüber gestritten, welches Cover wir nehmen, als über die Musik selbst. Wir wollten der Platte echt ein Gesicht geben und ich bin sehr froh wie es geworden ist.

Technik, Digitalisierung und Weltraum scheinen alles Themen zu sein, die sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen.
Maxime: Definitiv. Tom fängt immer an, die ersten Demos für die Songs zu schreiben. So bekommen wir alle ein bisschen Inspiration und deswegen ist das Album so, wie es jetzt ist.
Tom: Ich lasse mich oft von Filmen inspirieren, und zu dieser Platte waren es überwiegend Streifen aus den 80er Jahren, Science-Fiction und all sowas. Aber auch textlich gesehen, Maxime schreibt bei den Lyrics mit, waren die letzten Alben meistens an Liebesgeschichten und romantische Songs angelehnt. Dieses Mal war es sehr frustrierend zuzusehen, was mit der Gesellschaft passiert, mit den sozialen Medien, den Nachrichten.
Maxime: Es gibt da diesen Song, der letzte auf dem Album, er heißt »Replicants«. Es ist eine erfundene Geschichte, aber sie ist von Science-Fiction-Filmen mit Aliens und Replikanten inspiriert. Man merkt auf jeden Fall eine abgespacete Note, die sich durch die Platte zieht und mit den 80er Synth-Sounds unterstützt wird.

Ein Song ist sogar nach einem Computer benannt.
Tom: Genau, nach HAL9000 aus »2001: Odyssee im Weltraum«.
Hat sich euer Verhältnis zur Albumproduktion verändert?
Maxime: Das erste Album haben wir in einer Woche aufgenommen, das zweite in 14 Tagen. Auf den beiden ersten Alben haben wir mit dem gleichen Producer gearbeitet. Reyn Ouwehand hat die Musik absolut nicht angefasst und uns einfach aufnehmen lassen. Wir haben alles live eingespielt. Dieses Mal nahmen wir uns zwei Monate Zeit und haben uns auf jedes einzelne Detail konzentriert. Das war im Vergleich zu den ersten beiden Platten ein vollkommen anderer Ansatz, was sehr gut war, aber auch aufregend und ambitioniert. Mit den ersten Alben wussten wir schon, wie das Material sich anhören würde, am Ende des Tages hatten wir einen fertigen Song vorliegen. Als wir aber anfingen »Mirage« aufzunehmen, wussten wir nicht, wie der Sound klingen würde und wir mussten lange warten. Es war auch das erste Mal, dass jemand uns beim Schreiben unterstützt hat, weil Simon uns sehr mit den Parts half. Es war definitiv ein komplett anderer Prozess.
Tom: Bei den letzten Alben haben wir alles zusammen live aufgenommen. Hier war es so: okay, erst mal die Drums, dann Bass, später die Gitarren und so weiter. Und am Ende des Monats hatten wir endlich das Ergebnis. Es war eine tolle Entwicklung. Wenn man drei Alben zusammen gemacht hat, hat man mehr Erfahrung, man weiß was man will und was man klanglich so mag.

Besonders im Musikvideo zu »Lush Looms« thematisiert ihr Virtual Reality. Denkt ihr, dass die Etablierung der virtuellen Realität eine positive Entwicklung in unserer Gesellschaft darstellt?
Maxime: Naja, es hilft der Gesellschaft schon, aber ich denke es gibt sehr große Nachteile, die wir einfach noch nicht bemerken. Wir gucken grade die Serie »Black Mirror«. Das ganze Internet, die Technologie, das können wir alles nicht verarbeiten, es ist zu viel. Und genau das ist die Kehrseite, das kann man in den sozialen Medien beobachten, eigentlich überall.
Tom: Und es wird nur wachsen. Ich denke in naher Zukunft wird es uns überfordern und es geht alles nur in eine Richtung. Aber es ist manchmal echt hilfreich. Wir alle sind so süchtig nach Social Media. Wenn ich schlafen gehe, checke ich immer schnell noch Facebook und manchmal frage ich mich, warum zum Teufel ich das eigentlich mache.
Maxime: Wir verwandeln uns langsam in Zombies. Es gewinnt allmählich Überhand, fast wie eine Epidemie. Es ist eine Sucht, welche die Leute nicht wahrnehmen. Meine Freundin ist unglaublich süchtig, aber sie sagt es natürlich nicht. Wir sind so an unsere Handys gebunden, wenn uns die jemand einfach aus der Hand nehmen würde, würden wir uns panisch fragen, was wir mit unserer Zeit anstellen sollen. Also sehen wir es als einen Fortschritt, aber am Ende wird es kein Fortschritt sein, sondern der Niedergang. Und darum geht’s auch in »Black Mirror«.
Könnt ihr euch denn eine post-Smartphone-Zeit vorstellen?
Maxime: Ich wünschte wir könnten zurück zu der handylosen Zeit gehen.
Tom: Ja, damals war alles besonderer. Wenn man eine Band live gesehen hat, hatte man vorher, wenn man Glück hatte, sie einmal bei MTV oder so gesehen. Jetzt ist es einfach »Ja klar, ich hab sie schon hundertmal auf meinem Smartphone gesehen. Und ich hab all ihre Musik aus dem Internet gerippt.«
Maxime: Und dann ist es natürlich auf den Konzerten so, dass alle ihre Smartphones in die Luft reißen. Niemand erlebt mehr den Moment. Und weil alle so einen unglaublichen Zugriff auf Quellen haben, zum Beispiel können wir Alben mit einem Klick downloaden, ist es einfach nicht mehr besonders. Nichts berührt einen mehr wirklich, weil man es so einfach bekommt. Es ist auf jeden Fall ein Niedergang.

Hat sich mit dem Sound auch euer Umgang mit Live-Shows verändert?
Tom: Wir hatten noch nicht so viele Konzerte. Letzte Woche haben wir in Deutschland zwei Support-Shows für Warpaint gespielt. Es hat sich wie ein frischer Wind angefühlt, weil wir mit den vorherigen Alben immer diese sehr fragilen, intimen Songs hatten. Auf einer großen Bühne konnte das manchmal schon ein wenig heikel ausgehen. Jetzt können wir endlich einfach spielen. Das Schlagzeug und der Bass sind deutlich mehr nach vorne gerückt, also groovt alles ein bisschen mehr. Es ist eine großartige Erfahrung!
Maxime: Es war echt toll, weil wir wirklich an der Energie gearbeitet haben. Mit den letzten Alben mussten wir uns gemeinsam sehr stark darum bemühen, Stimmung bei den Leuten zu machen. Jetzt ist da viel mehr Energie. Ich habe auch eine Veränderung in meinen Gesprächen mit der Menge gemerkt, sie sind anders geworden. Früher waren es sehr langsame Songs und man konnte nicht einfach so ausrasten.

Denkt ihr, es ist ein typisches Merkmal von Folk, dass der Sound als absolut nicht energetisch eingeschätzt wird?
Tom: Nein, unsere Musik war einfach nicht so drauf. Es gibt eine Menge an Folk-Bands die sehr dynamisch sind. Zum Beispiel Arcade Fire, die transportieren eine unglaubliche Energie auf der Bühne.
Maxime: Aber jetzt geht’s uns ähnlich. Wir hatten ein paar Lieder, die sehr langsam anfingen und am Ende gab es einen starken Aufbau. Manche Menschen haben sich die Ohren zugehalten, weil es zu heavy für sie war.
Tom: Wir haben jetzt ein paar sehr intime Songs, aber auch Lieder, die sehr leise anfangen und sich dann dynamisch sehr stark aufbauen. Ich denke alle von uns mochten die Veränderung, dass wir mit mehr Energie spielen konnten.

Mister and Mississippi

Mirage

Release: 07.04.2017

℗ 2017 V2 Records Benelux