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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mission erfüllt

The Soundtrack Of Our Lives

»Wir wollten nicht irgendeine Rock’n’Roll-Band sein, sondern die beste! Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber wir haben es geschafft.« Fast scheint es, als sei Ebbot Lundberg, Sänger, Songwriter und Bühnenprediger der Psychedelic-Rock-Combo The Soundtrack Of Our Lives und eindrucksvoll gebauter Bartträger, diese überschwängliche Leidenschaft für die eigene Sache unangenehm. Dennoch ließ der Schwede gemeinsam mit Intro-Autor Bastian Küllenberg anlässlich des neuen, letzten Albums »Throw It To The Universe« seine lange Karriere Revue passieren und erklärte, warum es für die Band nach fast 18 Jahren an der Zeit sei, zu gehen.
Geschrieben am

Große Ereignisse werfen ihre Schatten bekanntlich weit voraus. Auch die Geschichte von The Soundtrack Of Our Lives besitzt einen nicht unwichtigen Prolog. Während der ausgehenden Achtzigerjahre war Ebbot Lundberg als Mitglied der Psychedelic-Punk-Rock-Band Union Carbide Productions Teil einer aufkeimenden schwedischen Rockszene.

»Alles fing als eine Reaktion auf die Achtzigerjahre an. Wir waren gerade Anfang zwanzig, hatten die Schnauze voll und wollten etwas Neues machen.« Neben Union Carbide Productions, die zu Beginn der Neunziger das Zeitliche segneten, bestimmten Bands wie Nymphet Noodlers oder Whipped Cream den Underground und wurden zum fruchtbaren Nährboden. Aus der Ursuppe all dieser Projekte sollte schließlich etwas Neues entstehen.

Schicksalhafte Fügung

Für die Initialzündung sorgte kurz nach Auflösung von Union Carbide Productions 1993 eine Auftragsarbeit. Lundberg, der zu dieser Zeit als Produzent arbeitete, war gebeten worden, den Soundtrack zu einem Film beizusteuern, und hatte rasch eine illustre Schar junger Musiker zu einer wegweisenden Session um sich versammelt. »Unmittelbar im Anschluss an den Film entwickelte sich daraus The Soundtrack Of Our Lives, und wir fingen an, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Insgesamt hatten wir bald rund 40 Stücke fertig. Es existierte ursprünglich sogar die Idee, ein Box-Set als Debüt zu veröffentlichen und die Leute so komplett zu verwirren. Leider konnte unser Label es sich damals nicht leisten, daher wurden aus den Songs am Ende die Alben ›Welcome To Infant Freebase‹ und ›Extended Revelation For The Psychic Weaklings Of Western Civilization‹.«

Was sich als eine Fügung des Schicksals deuten ließe, klingt in den Worten des Bandleaders beinahe beiläufig: »Unser Schlagzeuger Fredrik [Sandsten, Ex-Whipped-Cream] war von jedermann gewarnt worden: ›Spiel nicht mit diesen Jungs, das sind Idioten, und ihre Band wird nicht lange existieren!‹ Es gab also eigentlich nie den Plan, eine neue Band zu gründen, doch da wir uns alle bereits flüchtig kannten, wussten wir, dass wir gute Musiker sind, und gaben der Sache eine Chance.« Als maßgeblicher Antrieb diente das tief empfundene Gefühl, zum fehlenden Puzzleteil bestimmt zu sein. »Es wurde zur Grundidee, eine Band zu erschaffen, die man wirklich liebt.«

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und nach einigen Jahren der Szene-internen Anerkennung gelang der Durchbruch: Das bei Warner veröffentlichte »Behind The Music« hielt nicht nur in Schweden Einzug in die Charts (auf Platz 3). Mit dem folgenden Album erreichten Lundberg und seine Mitstreiter den Zenit: »Origin Vol. 1« erspielte sich in der Heimat der Band Platz 1 sowie Platinstatus und warf mit »Big Time« den größten Single-Hit der Bandgeschichte ab. »›Behind The Music‹ hat eine Menge Türen geöffnet. Wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, die deine Musik lieben und gleichzeitig über genug Einfluss in der Industrie verfügen, ergibt sich vieles wie von selbst.« Es folgten weltweite Konzerte und Festival-Engagements von Südschweden bis Australien in den nächsten fünf Jahren. »Wir haben die ganze Welt gesehen. Einmal waren wir auf ein Festival in der inneren Mongolei eingeladen. Einige offenbar betrunkene Helfer holten uns am Flughafen ab und fuhren mit uns stundenlang durch die nächtliche Einöde, bis wir auf einer riesigen brachliegenden Ebene ein altes Militärlager sahen, von dem das einzige Scheinwerferlicht weit und breit ausging. Es fühlte sich an, als seien wir direkt auf dem Mars gelandet.«

Eine Kulisse, wie gemacht für das Ausleben ausufernder LSD-Fantasien, könnte man meinen. Doch so einfach lassen sich die psychedelischen Verweise in der Musik von The Soundtrack Of Our Lives nicht erklären. »Für uns reflektiert der psychedelische Aspekt unserer Musik schlichtweg die Landschaft, in der wir leben. Die Westküste Göteborgs sieht aus wie ein Gemälde von Dalí oder Magritte. Es hat etwas von einer Traumwelt und ist eine sehr surreale Umgebung. Das ist psychedelisch. Es geht dabei nicht darum, Drogen zu nehmen und einen Song zu schreiben. Um ehrlich zu sein, sind wir wie die meisten Bands, bei denen man Drogen als Inspiration vermutet, einfach Bier trinkende normale Leute, die höchstens hin und wieder zum Entspannen auf andere Substanzen zurückgreifen.«

Das eigene Leben

»Es gab um uns nie diesen riesigen Hype, der zu einem vorzeitigen Ende der Band hätte führen können. Unser Ziel war es immer, Alben zu machen und als Gruppe ehrlich zu uns selbst zu bleiben«, erklärt Lundberg den langen Atem der Band. »Es ist nichts falsch daran, eine große, berühmte Band zu werden, doch leider geschieht dies oft auf Kosten der Musik. Die wenigsten Bands schaffen es, ihrer Kunst treu zu bleiben. Viele vergessen die Musik, wenn sie zu erfolgreich werden, und kümmern sich plötzlich nur noch um Dinge wie Gerichtsstreitigkeiten mit ihren Ex-Ehefrauen.«

Lundberg kennt die Tücken des Geschäfts. Auf zwei kommerziell sehr erfolgreiche Alben folgte daher Mitte der 2000er-Jahre die Entscheidung, sich vom Major Warner zu trennen. »In Zeiten, da Musik ständig digital verfügbar wurde, gerieten die altmodischen Majorlabels in Bedrängnis. Aus Angst fingen sie an, sich nur noch auf die altbewährten Zugpferde zu verlassen und keine neuen Bands mehr aufzubauen. Uns hat das jedoch nie wirklich getroffen.«

Vom Zeitgeist unbeschadet konzentrierten sich The Soundtrack Of Our Lives einfach auf sich selbst und gewannen der Entwicklung des Musikmarkts ihre positiven Seiten ab: »Man wird heute nicht mehr so sehr mit irgendwelchem Mist gefüttert, sondern hat durch das Internet einfachere Möglichkeiten, frei zu wählen und seine eigenen Lieblingsbands zu entdecken.« Bei aller Euphorie für die demokratisierenden Tendenzen der MP3 bleibt im Hause Lundberg Vinyl jedoch das einzig wahre Medium für Musik: »Ich habe noch nie etwas heruntergeladen. Ich möchte meine Platten in einem Plattenladen entdecken. In der Beziehung bin ich sehr konservativ. Es ist ein bisschen so, wie einen Schatz zu finden. Man muss physisch danach suchen.«

Der Weg als Ziel oder viel eher Etappe eines fortwährenden Geflechts an Entwicklungssträngen. Spiritualität und Selbstfindung waren stets zentrale Vokabeln im Wertekosmos der Band und sind es auch nach deren Ende im privaten Leben der Musiker. »Mir gefällt es, wenn Timothy Leary sagt, man solle naiv bleiben, sich selbst befreien und nicht das Leben eines anderen Menschen führen. ›Don’t be a robot.‹ Diese Idee war für eine ganze Weile tot, aber ich denke, sie ist in einer neuen Form zurückgekehrt. Steve Jobs zum Beispiel lebte mit Apple auf seine Art den Traum der Hippies aus, aber niemand hat es wahrgenommen, da es bei ihm um Technologie ging. Er war ein Kind jener Revolution.«

Ende als Anfang

Als Repräsentant einer dynamischen, sich rasant entwickelnden Postmoderne hat es Steve Jobs sogar bis zum Protagonisten eines Stücks auf dem neuen, letzten TSOOL-Album geschafft. In »Busy Land« begegnet der iPod-Erfinder dem Hörer als weißer Gnom. »Er ist zwar tot, aber irgendwie existiert er immer noch, so wie der Zwerg in dem Lied«, versucht Lundberg seinen Text zu erklären. »Es war einer der ersten Songs, die wir überhaupt geschrieben haben. Das Stück sollte ursprünglich von Bill Gates handeln. Ich hatte jedoch lange große Probleme mit dem Text, denn es fiel mir schwer, über Dinge wie das Internet zu singen. Ich wollte zeitgemäß und nicht retro erscheinen, die Entwicklung auf eine humorvolle Art reflektieren. 18 Jahre hat es gedauert, bis wir das Stück fertigstellen konnten.«

Das Abschiedsalbum folgt generell Spuren der Vergangenheit, verknüpft Zusammenhänge, die bislang im nebulösen Halbdunkel unfertiger Schöpfung lagen, und vollendet aufgeschlagene Kapitel. Lundberg und seine Band erinnerten sich bereits begonnener Entwürfe und Skizzen, kehrten zurück, um den Kreis zu schließen. Ruhendes Songmaterial als Basis des letzten Akts, ein Rückgriff im Wissen, nun weiter entwickelt zu sein und Antworten auf ehemals offene Fragen gefunden zu haben. »Es gab keine wirkliche Aufnahmesession, da die meisten Stücke bereits existierten.« Und so verlief die Produktion des finalen Albums ganz ohne tränenreiche Abschiedsszenen mit Sessions bis zum Morgengrauen.
Doch was kommt nach der Auflösung? »Der eigentliche Prozess beginnt jetzt, mit dem Ende. Die Musik muss für sich alleine leben. Wir touren nur noch bis zum Ende des Jahres, danach werden die Alben für sich alleine stehen müssen und die Zeit überdauern.« Ob denn nicht doch ein kleines bisschen Wehmut mitschwinge, möchte man wissen, aber Lundberg scheint ohne jeden Zweifel Frieden mit sich und dem nahenden Abschied geschlossen zu haben. »Wir haben sieben wirklich großartige Alben gemacht. Ich möchte nicht damit angeben, aber für mich ergibt jedes von ihnen Sinn. Ich freue mich einfach, dass uns das gelungen ist und ich immer noch gesund und am Leben bin.« Und schmunzelnd fügt er hinzu: »Mission accomplished!«




– Intro empfiehlt: The Soundtrack Of Our Lives »Throw It To The Universe« (Haldern Pop / Rough Trade / VÖ 22.06.)