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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Miss.Tic

Wer zum Teufel ist eigentlich...?

Die französische Straßenkünstlerin Miss.Tic ist bekannt für ihre feministisch inszenierten Frauenfiguren. Ein Buch und eine Ausstellung würdigen ihre Urban Art.
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Seit den frühen Siebzigern ist Miss.Tic in Paris aktiv. Zuerst im Straßentheater und seit 1985 als bildende Künstlerin. Edition Nautilus würdigt nun Miss.Tics Schaffen mit einem Buch. Wäre das Medium wirklich die Message, zählte »BOMB IT, MISS.TIC!« zu den ganz großen Werken der modernen Urban Art. Erschienen ist das dünne Bändchen in der verdienten Reihe »Kleine Bücherei für Hand und Kopf«. Die hat uns bereits in der Vergangenheit mit den Brandreden der Futuristen, Dadaisten, Surrealisten und nicht zuletzt Situationisten vertraut gemacht.

Letztere zitiert Miss.Tic – und/oder das Autorenpaar Jorinde Reznikoff / KP Flügel – gern und gründlich. Mal direkt mithilfe von Guy Debord, mal indirekt via Malcolm McLaren, Roberto Orth und anderen. Zudem finden auf den 96 Seiten noch zahlreiche Zitate von diversen Revoluzzern und weiteren Sympathieträgern ihren Platz, allen voran Lydia Lunch. Dieses Buch muss einfach ein Volltreffer sein! Das Format, die Aufmachung und lediglich lumpige 30 Schwarz-Weiß-Illustrationen sowie das implizit damit einhergehende Versprechen, statt »Eye-Candy« echten »Content« zu bieten – es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Nach gefühlten 1000 Bildbänden braucht Urban Art nichts dringender als Inhalte. Darüber sind sich inzwischen alle einig, zuvorderst die ausgebluteten Aktivisten.

Doch Miss.Tic ist keine Galionsfigur. Sie ist nicht das Sprachrohr einer alten oder neuen Generation. Die Französin repräsentiert keine Bewegung, weder schreibt noch malt sie ihren »persönlichen Roman«. Ihr geht es darum, »als Künstlerin und als Frau in der Stadt und in der kreativen Welt Stellung zu beziehen«. Diesen Worten lässt sie dann noch einen dieser Slogans folgen, die fast immer gut klingen: »Kreieren heißt Widerstand leisten.« Gleichzeitig verweigert sich Miss.Tic – die zumeist mithilfe von Schablonen stereotype Frauenfiguren nebst doppeldeutigen Einzeilern an die Wände und auf Leinwände sprüht – dem Ehrenkodex einer widerständigen Kunst-Guerilla. Sie will sich nicht draußen einsperren lassen. Schlimmer noch: Sie will sogar Geld verdienen mit ihrer Kunst. Aber leider findet man ihre Straßen-Kunst ohne Straße nicht nur in zahlreichen Galerien, was schon schwierig genug wäre, sondern in letzter Zeit auch im Werbeteil der Illustrierten und Lifestyle-Kataloge.

Welche Neubewertung erfahren ihre – ehedem ironisch wirkenden – der Werbewelt entliehenen Frauen in den typischen Positionen der Verfügbarkeit, wenn sie ihre Haut oder ihren Lack am Ende doch wieder nur im Dienste der schnöden Warenwelt zu Markte tragen? Und worin genau zeigt sich da der Widerstand gegen wen oder was? Am 30.06. könnt ihr sie das oder anderes ab 19 Uhr im Institut Français de Berlin persönlich fragen. Die Vernissage ist kostenlos – und lasst euch nicht mit dieser wirren Huren-Analogie abservieren, dass niemand Miss.Tic in Frage stellen würde, wenn sie »heute im Bois de Boulogne auf den Strich ginge«. WTF?

Jorinde Reznikoff / KP Flügel (Hg.)
BOMB IT, MISS.TIC!
Edition Nautilus, 96 S., € 12
Infos zur Einzelausstellung von Miss.Tic unter www.institutfrancais.de