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»Frauen können alles, Männer aber auch«

Miss Platnum im Gespräch

Zwischen Fischer-Wahn und Taylor-Hype versucht Miss Platnum Männern wie Frauen eine heilsame Lektion in Sachen weiblicher Lässigkeit zu erteilen. Die gebürtige Rumänin beweist, dass Frauen im Pop schon lange nicht mehr nett und adrett sein müssen, sondern einfach sie selbst. Sermin Usta traf die Sängerin in Berlin und sprach mit ihr über bessere Jungs, Castingshows und ihre Flucht ins Schlaraffenland.
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Im Background der Gruppe Moabeat beginnt ihre Reise. Nach sechs Jahren als Rampensau vom Balkan verewigt sich Ruth Renner alias Miss Platnum 2012 mit »Lila Wolken« im Platinhimmel der deutschen Musikszene. Nach fünf Soloalben und Kollaborationen mit Peter Fox und Marteria lautet die Parole ihrer Vorabsingle zum aktuellen Album »Mädchen sind die besseren Jungs«. Schauplatz des dazugehörigen Musikvideos ist ein Berliner Secondhandshop. Inmitten muffiger Klamotten wuselt eine frische, typveränderte Alpha-Frau umher. Neben ihr breakdancen Mädchen in Trainingsanzügen und präsentieren selbstbewusst ihre Skills. An der Decke flackern Neonröhren im Takt des Beats – ein simples, aber wirksames Storyboard.

Gibt es Männer, die empört darüber sind, dass Mädchen die besseren Jungs sein sollen? 
Männer, die sich bei diesem Song verletzt fühlen, haben einfach verkackt. Und die, die darüber lachen können, wissen, was ich meine. Mir geht es nicht darum, irgendwem an den Karren zu pinkeln, aber man darf das ruhig mal sagen. Außerdem wird der Satz im Song auch wieder umgestellt, und die Jungs werden zu besseren Mädchen.

Gibt es etwas, was Frauen besser machen als ihre männlichen Mitstreiter? 
Es wird oft über die süßen »german boys« und deren Zurückhaltung geschmunzelt. Hier dauert es einfach ein bisschen länger, bis die Jungs aus dem Knick kommen. Viele meiner Freundinnen wissen, was ich meine. Aber da so genau zu trennen macht ja auch nicht immer Sinn. Ich kenne Männer mit weiblichen Attributen und Frauen, die Dinge sportlich angehen. Bei »Popstars« hat es mir zum Beispiel sehr geholfen, die Sache wie ein Spiel zu betrachten. Aber zu sagen: »Du kannst das nicht, weil du eine Frau bist«, stimmt halt nicht. Frauen können alles, Männer aber auch.
Aktuell kann man Miss Platnum als Jurorin in der elften »Popstars«-Staffel erleben. Um sie für die Neuauflage des Castingshow-Klassikers zu gewinnen, musste die Sendung generalüberholt werden. Anstelle von geskriptetem Zickenkrieg und Casting-Clowns sitzt nun eine glaubwürdige Miss Platnum in der Jury, die es vermag, Trash-TV mit ihrer Unaufgeregtheit zu infiltrieren. Wie viel Haltung dieses Format verträgt, wird sich zeigen.

Ich muss ehrlich zugeben, ich war überrascht, dich in der »Popstars«-Jury zu sehen ... 
Das Angebot kam Anfang des Jahres. Es gab im Voraus einige Gespräche mit der Redaktion zum zeitlichen Umfang und Konzept der Staffel. Ich hatte das Gefühl, dass das, was ich mache und wie ich bin, gewünscht ist. Also habe ich mich darauf eingelassen.

Warst du in deiner Jugend auch so ambitioniert wie die Kandidatinnen, die du jetzt vor dir hast?
Ich war mit 17 noch nicht so weit wie viele der Mädchen in der Show. Mir war immer wichtig, dass ich machen kann, was ich will, und dass niemand kommt und sagt: »Hier, ich hab dir mal ein paar Songs geschrieben, sing sie mal ein.« Darauf hatte ich keinen Bock. Es ist kein Geheimnis, dass die Band, die am Ende bei »Popstars« herauskommt, fremdbestimmt ist. Es ist eben eine Castingshow.

Vielleicht hätte dir eine Show wie diese dabei geholfen, dein Talent früher zu fördern? 
Ich wäre nie zu einer Castingshow gegangen. Mein Traum war es, eigene Songs zu schreiben.

Parallel zu den Dreharbeiten hast du dein neues Album produziert, das doch sehr traplastig klingt. Ist es eine zeitgemäße Platte geworden? 
Wenn man sich wirklich mit Trap beschäftigt, dann ist das, was ich mache, noch lange kein Trap. Meine Texte und der Gesang waren schon immer zeitgenössisch und meine Musik sehr beatlastig. Einer Künstlerin abzusprechen, mit der Zeit zu gehen, ist doch irgendwie konträr. Meine Musik klingt nach dem, was ich selbst gerne höre: urbane Popmusik.
Gerade in Anbetracht der politischen Lage bringt Miss Platnum auch eine interessante Biografie in die deutsche Poplandschaft: Aufgewachsen auf einer Wetterstation in Rumänien, zogen sich Ruths Eltern Stück für Stück aus der Zivilisation zurück – weit weg vom damals repressiven Regime und dessen Restriktionen. Eine »innere Flucht« und damit der erste Schritt gen Deutschland, wie die Sängerin heute feststellt. Um die Mauer zu überwinden, riskierten ihre Eltern damals das eigene Leben und ließen dafür Ruth und ihren Bruder vorerst zurück. Nach acht Monaten hatte das Ausharren ein Ende. Der erste Eindruck, den die damals Achtjährige von ihrer neuen Heimat hatte? Deutschland, ein buntes Schlaraffenland – »völlig hochstilisiert«. Aber bekanntlich ist auch ein Schlaraffenland ein zweischneidiges Schwert.

Um zu verstehen, was Flüchtlinge durchmachen müssen, fragt man am besten diejenigen, die einst den Ostblock verlassen haben ... 
Alles aufzugeben ist eine krasse Entscheidung. Meine Eltern haben keinen Sonntagsspaziergang gemacht und dafür ein paar Stullen mehr eingepackt, um über die Grenze zu fliehen. Sein Leben zu riskieren und das seiner kompletten Familie ist keine leichtfertige Entscheidung. All diejenigen, die sich im Moment zu Wort melden, weil sie ihre Heimat angeblich so sehr lieben, sollten sich mal vorstellen, wie es für sie wäre, Deutschland für immer zu verlassen.

Auch wenn die Flüchtlingsthematik die Poplandschaft noch nicht wirklich erreicht hat, bekennst du dich in deinem Song »Blockparty« zu deinen Wurzeln. In einer der Strophen heißt es: »Lieber dreckige Scheiben wischen, als Arschkriechern in den Arsch zu kriechen« ... 
Ja, mit der Strophe verbrüdere ich mich mit meiner Herkunft. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich aus Rumänien stamme, ist der erste Spruch, den ich zu hören kriege: »Sind das nicht die, die am Kotti die Scheiben putzen?« Solche Stempel machen es vielen nicht leicht, sich in Deutschland zu integrieren. Den meisten ist nicht bewusst, dass solche Vorurteile, auch wenn nur im Scherz ausgesprochen, zum Selbstläufer werden. Das ist einfach Rassismus.

Wie reagiert man adäquat auf so viel Dummheit? 
Eine Verkäuferin sagte mal zu mir, ich solle meine Tasche nicht rumliegen lassen, weil sonst die Rumänen kämen und sie klauen würden. Ich sagte nur: »Aha, welche Rumänen wären das denn? Ich komme aus Rumänien.« Binnen Sekunden versank sie im Boden: »Sie wissen schon, welche ich meine.« Obwohl ich ziemlich sauer geworden bin, meinte ich ruhig, dass ich überhaupt nicht wisse, wen sie damit meine, und dass ich mich wirklich beleidigt fühle. Am Ende ist sie mir so dermaßen in den Arsch gekrochen, dass sie mir sogar geholfen hat, die Einkäufe einzupacken. Ich bin einfach gegangen und habe alles in den nächsten Mülleimer geworfen.

Miss Platnum

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Release: 02.10.2015

℗ 2015 Miss Platnum, under exclusive license to Virgin Records, a division of Universal Music GmbH

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