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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eyes Set Against The Sun

Mira Calix

Ist das noch U oder schon E? Für Warp-Künstler – Mira Calix ist bedauernswerterweise immer der noch einzige weibliche Solo-Artist des Labels – eigentlich eine obsolete Frage, aber bei der in Suffolk lebenden Südafrikanerin drängt sich diese Frage besonders hartnäckig in den Vordergrund. Viel zu expe
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Ist das noch U oder schon E? Für Warp-Künstler – Mira Calix ist bedauernswerterweise immer der noch einzige weibliche Solo-Artist des Labels – eigentlich eine obsolete Frage, aber bei der in Suffolk lebenden Südafrikanerin drängt sich diese Frage besonders hartnäckig in den Vordergrund. Viel zu experimentell für den Dancefloor, zu Pop für das High-Brow-Segment, hat sich die quirlige „contemporary classical composer“, wie sie auch schon getaggt wurde, mit ihrem mittlerweile dritten Studioalbum ziemlich gelassen in ihrer eigenen Nicht-Nische niedergelassen. Das heißt, wenn ihr die Auftragsarbeiten für europäische Kunst-Institutionen wie das Genfer Naturkundemuseum oder E-Festivals wie Ravello und Aldeburgh überhaupt Zeit dazu lassen, für den ambitionierten Pop-Pöbel zu produzieren. Mira Calix, die in Wirklichkeit auf den fast schmerzvoll graziösen Namen Chantal Passamonte hört, steht auf das Geraschel und Gemurmel der Natur, die sie auch jetzt wieder für ihre still-zerfaserten Kompositionen gesamplet hat. Dabei sind es gerade die vermeintlich störenden Nebengeräusche wie Vogel-Gezappel im Baum, die ihr Begeisterung abringen – wie in „Protean“, in dem inmitten des sphärischen Rauschens das Getrippel von Vogelbeinchen auf Ästen zu hören ist, oder im scheppernden „Umbra/Penumbra“ mit eigenem Gesang, das sich von einer verlorenen Klangstudie zum melancholisch-hektischen Beat-Getacker entwickelt. Synthie-eske Streicher- oder Orgelsounds und flirrende Naturaufnahmen werden in den bis zu zehn Minuten langen Stücken mit trocken knackenden Beats kontrapunktiert, und an manchen Stellen hallen wie aus der Ferne die Kinderstimmen des Woodbridge School Junior Choir herüber, mit dem sie für dieses Album zusammengearbeitet hat. Ein besonderer Spaß bildet am Schluss der Hidden Track, in dem die kleinen Schabernacker polyphon avantgardistisch den Albumtitel singen, nur um ihn dann Hände klatschend zu skandieren.

Wie war es, einen Chor mit 30 Kindern zu dirigieren und zu samplen?

Verrückt! Ich ging davon aus, 30 gut funktionierende kleine Roboter zur Verfügung zu haben, aber weit gefehlt. [Lacht]. Die 7-9-jährigen Kinder waren natürlich höchst agil und mussten dauernd von mit entertaint werden, um nicht völlig außer Kontrolle zu geraten – darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Aber es hat großen Spaß gemacht und am Ende haben sich alle ganz artig bei mir bedankt.

Was hat dich damals von deinem idyllischen Elternhaus in Durban/Südafrika direkt am Meer ins kalt-graue London gezogen?


Meine italienischen Eltern haben sich in London kennen gelernt und London war in meiner Vorstellung immer die Stadt, in der alle Fäden zusammenlaufen. Als ich noch in Südafrika gelebt habe, habe ich britische Musikzeitschriften verschlungen. Der Melody Maker kam immer auf einem Schiff zu uns, und wenn er endlich da war, war er bereits sechs Wochen alt. Ich habe damals davon geträumt, all die tollen Konzerte endlich zeitnah miterleben zu können, und nicht erst dann, wenn alles schon seit Wochen vorbei ist.

Was macht dir so große Freude daran, für deine Platten die Natur zu samplen?

Ich mag den Picknick-Gedanken daran. Man geht mit seinem Equipment raus und kann hier einen Vogel aufnehmen, da ein Blatt samplen. Das ist wie Sammeln und Jagen. Es ist natürlich auch umständlicher: Als ich für den ersten Track „because to why“ den schmelzenden Schnee aufgenommen habe, den ich danach gelayert und beschleunigt habe, kauerte ich stundenlang draußen in der Kälte. Irgendwann dachte ich mir: Na, da hättest du auch eine Dusche samplen können. Das wäre einfacher gewesen und hätte auch nicht anders geklungen.