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So war’s in Berlin: »It’s not a sellout if nobody buys it«

Minor Alps live

Juliana Hatfield und Matthew Caws spielen in der Berliner Berghain Kantine ein Konzert, dass von Anfang an wie eine Ehrenrunde wirkt – und doch genug Raum zum schwelgen lässt.
Geschrieben am

29.4.2014 Berghain Kantine, Berlin

 

Unter den Rock’n’Roll-Animals ist Juliana Hatfield eigentlich schon auf halbem Wege in Richtung Lemmy unterwegs, nur vielleicht ohne dessen lange weiße Limousine. In den Neunzigern erlangte die Songwriterin kurzfristig so etwas wie Halbruhm, doch selbst der hatte etwas seifenoperartiges. Mehr als für Hatfields Songs (mit koketten Titeln wie »Ugly« oder »Everybody Loves Me But You«) interessierte sich die Presse damals nämlich für ihre Standby-Romanze mit Evan Dando und die Medienunerfahrenheit des hübschen Indie-Pärchens. Seitdem hat die Sängerin 13 Alben und eine Autobiographie veröffentlicht und antwortet auf die Frage, ob sie ein feministisches Idol sei, mit einem beherzten Ja. In Europa hatte sich Juliana Hatfield allerdings zuletzt besonders rar gemacht, weshalb die Gelegenheit, sie mit ihrer neuen Band Minor Alps live zu sehen, einem schon fast schicksalhaft vorkommen kann. Für Minor Alps macht sie gemeinsame Sache mit Matthew Caws von Nada Surf. Das Debütalbum des sympathischen Duos sorgte bereits Anfang des Jahres für nostalgische Streicheleinheiten. Nostalgie, und das ist jetzt wild geraten, dürfte dabei gar nicht im Sinne der beiden Musiker sein, die seit mindestens 2008 immer mal wieder kooperieren. Auch wenn sie heute eher zu der sanften Fraktion gehören, haben die zwei zumindest im Zugang ihre Punkrock-Attitüde nie verleugnet.

Angesichts der 70 bis 80 Besucher in Berlin drängt sich allerdings ein anderes Songzitat aus Hatfields Repertoire auf: »It’s not a sellout if nobody buys it.« Das Konzert ist ein Abend unter Freunden, von denen viele offenbar in Urlaub sind, andere ohne Begleitung. Die Vinyl-LP wird nach der Show für zehn Euro verschleudert, Autogramme kann man sich dazu abholen. Der Auftritt davor ist charmant, aber understated, weil sich nur Matthew Caws zu gelegentlichen Bühnenansprachen hinreißen lässt, während sich Juliana Hatfield in der Zeit auf ihr Keyboard konzentriert. Was an Songs gespielt wird, stammt größtenteils vom gemeinsamen Album, dazu gibt es von jedem zwei, drei Solostücke zu hören. Caws entscheidet sich mit »Fruit Flies« und »Inside of Love« für vergleichsweise große Nada Surf-Hits, Hatfield packt eher die Deep Cuts wie »Candy Wrappers« und »Live On Tomorrow« aus. Unter dem wohlwollenden Applaus des bereits leicht unjugendlichen Publikums findet ein Konzert seinen Abschluss, das von Anfang an wie eine Art Ehrenrunde wirkt. »Ich wollte die ja schon immer mal sehen«, sagt ein gemütlicher Typ vor der Tür, zur Feier des Tages eine Zigarette zwischen den Lippen. Auch er hat die Neunziger Jahre gut überstanden und macht sich anscheinend nicht allzu viel aus Nostalgie. Aber ein bisschen zum Schwelgen war’s dann irgendwie doch.