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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Sakramente der Liebe

Mine & Fatoni im Gespräch

Ihr wollt ein Liebeslied? Ihr kriegt kein Liebeslied! Denn leider hat Deutschrap ein verkapptes Verhältnis zur Liebe – so viel steht fest. Wieso das so ist und warum manche Liebe alle Kriterien einer Pseudoreligion erfüllt, erklären Mine und Fatoni pünktlich zum Release ihres gemeinsamen Albums »Alle Liebe nachträglich«.
Geschrieben am
Bei vielen Menschen ist der Wunsch nach Liebe sehr viel höher als die Fähigkeit dazu. Glaubt ihr, dass unsere Generation ein ganzes Leben mit einem Menschen verbringen und dabei glücklich sein kann?
Mine: Ich glaube daran, aber ich weiß nicht, ob jeder Mensch dazu fähig ist. Um 50 Jahre zu überstehen, muss man Bock drauf haben, immer wieder an der Beziehung und an sich zu arbeiten.
Fatoni: Es ist schon ein gesellschaftliches Ideal, das durch Filme geprägt wird. Ich persönlich finde die Vorstellung cool, im Alter mit meiner Frau auf der Terrasse zu sitzen und aufs Meer zu schauen. Aber natürlich nur, wenn wir dabei glücklich sind.

Welche Eigenschaften müsste euer Partner dafür mitbringen?

M: Das kann man so pauschal nicht sagen.
F: Alles, woran ich gerade denke, ist mega sexistisch. Das will ich jetzt nicht laut aussprechen. 
M: Wirklich? Ich habe als Erstes an Charaktereigenschaften gedacht.
F: Du bist ja auch der bessere Mensch von uns beiden.
M: Es ist schon interessant, was Männern und was Frauen wichtig ist.
F: Ey, ich habe superkrasse Ansprüche. Sie darf nicht dümmer und auch nicht klüger sein als ich. Und sie muss lustig sein. 
M: Ich fände es problematisch, wenn er ein Schönling wäre.
F: Wieso hast du dann ein Album mit mir gemacht?
M: Du sagst es. Ich hab ein Album mit dir gemacht.

Seid ihr in diesem Augenblick in jemanden verliebt?

F: Ja, ich bin verliebt.
M: Ich lass die Frage mal unbeantwortet.

In einer Zeit, in der Beziehungsstreitigkeiten über Whatsapp ausgetragen werden, Leute ihren Partner über Smartphone-Apps finden und die meisten Eltern getrennt leben, frage ich mich, welche Funktion romantische Liebe für uns noch bereithält?

M: Schwer zu sagen, aber eins ist klar: Menschen, die ständig auf der Suche nach einem Partner sind, sind sicher nicht glücklich und zufrieden mit sich. Man kann seine Erfüllung nicht in jemand anderem finden – nennen wir es das Gott-Prinzip. Man sucht die Bestätigung, dass da jemand ist, der einen liebt und niemals verlässt. Viele Menschen glauben heute nicht mehr an Gott, vielleicht spielt diese Unsicherheit oder Suche nach Halt da mit rein.
F: Als Religion noch eine wichtige Rolle gespielt hat, wollten die Menschen doch trotzdem geliebt werden und glückliche Beziehungen führen, meinst du nicht?
M: Klar, aber es gibt Fundamentalisten, die nicht nach der großen Liebe suchen. Ich kann mit Religion nicht viel anfangen, deshalb verstehe ich die Suche nach einer vermeintlichen »Ersatzreligion« ein wenig. Bei mir ist das die Musik. Daran kann ich mich festhalten und bin jemand.
F: Der Mensch sucht auf jeden Fall nach Geborgenheit und Zuflucht. Manche finden das in der Kirche, andere in der Musik oder auch im Fußball. Trotzdem glaube ich nicht, dass das alles die Liebe zwischen zwei Menschen ersetzen kann. Die besten Gefühle meines Lebens hatte ich in Liebesbeziehungen. Wenn ich vor 10.000 Menschen spiele, kommt das nicht an das Gefühl heran, jemanden zu lieben.
M: Müsstest du dich zwischen beidem entscheiden: Rap oder einer glücklichen Beziehung ...
F: Die Vorstellung ist krank.
M: ... dann wäre das eine unglaublich schwere Entscheidung, oder nicht? Ich könnte mich nicht gegen die Musik entscheiden. Was nicht heißt, dass Liebe für mich nicht wichtig ist und ich nicht einsam bin, wenn sie nicht da ist.

Die einen sagen, »Alle Liebe nachträglich« sei ein Liebesalbum, während andere es als Beziehungsalbum bezeichnen. Ihr hingegen nennt es schlicht ein Trennungsalbum. Worin liegen die Unterschiede?

F: Es ist auf jeden Fall ein Konzeptalbum, aber ich weiß nicht, ob es ein Liebesalbum ist, denn das Thema Liebe war schon immer ein schwieriges Terrain im Deutschrap. Mal abgesehen davon gibt es auch nur einen positiven Song auf dem Album, den man als klassischen Lovesong bezeichnen könnte.
M: Nur dass wir in »Schminke« nichts bewerten. Wir sagen nicht, das Gefühl, verliebt zu sein, ist besonders geil. Es geht um den Zustand des Frisch-verliebt-Seins – der positive und negative Effekte haben kann.
F: Man könnte ihn sogar negativ auslegen, weil der Song auch eine krasse Abhängigkeit beschreibt. Alles ist scheiße, aber ist auch egal, ich brauch ja nur dich.
Ihr seid auch privat befreundet. Habt ihr im Vorfeld schon viel über eure verflossenen Beziehungen gesprochen, oder kam das alles erst mit den Songs? 
F: Im Vorfeld nicht, aber während der Albumproduktion haben wir viel geredet. 
M: Im Grunde kann man jedes unserer Gespräche auf einem der Songs hören.  
F: Eine Sache hat es nicht auf das Album geschafft, trotz langer Diskussion.  
M: Welches?  
F: Das Thema Fremdgehen. 
M: Das stimmt, darüber haben wir gesprochen. Aber in »Mon Coeur« geht es im entferntesten Sinne um das Gefühl, in einem anderen Menschen etwas zu sehen, was man beim eigenen Partner vermisst. 

Habt ihr das Gefühl, dass in euren Gesprächen schlechte Erfahrungen überwogen haben?
 
F: Sagen wir so: Ich finde es spannender, wenn Kunst mehr über die Abgründe des Lebens aufdeckt. 
M: In den Nachrichten wird ja auch über Krieg und Leid berichtet. Das Glück der Menschheit ist leider weniger interessant.  
F: Obwohl in der Popmusik schon öfter gute Gefühle transportiert werden. 
M: Mich inspiriert das eben nicht.  
F: Ich finde neun Songs über gescheiterte Beziehungen und einen Lovesong besser als neun Songs über das Gefühl, glücklich zu sein. So stelle ich mir ein schlechtes Schlageralbum vor. 
M: Aber im Schlager singen sie auch über echt trauriges Zeug. Nur dass dabei halt immer gelacht wird.
F: Das find ich ja eigentlich schon wieder einen geilen Bruch. Vielleicht sollte ich mehr Schlager hören. 

Wie sehr habt ihr Angst davor, mit einer neuen Beziehung zu scheitern?
 
M: Je älter man wird, desto eher geht man davon aus, dass es nicht klappt. Deshalb finde ich auch die Anfangszeit einer Beziehung, so schön sie auch sein mag, irgendwie am schlimmsten. Wenn man sich so richtig verliebt, aber nicht sicher weiß, was der andere wirklich fühlt. 
F: Das ist das Schlimmste. 
M: Um das Gefühl loszuwerden, braucht es eben Zeit. 
F: Ich denke mittlerweile, wenn es nur zwei Jahre klappt, dann sind es eben zwei wunderbare Jahre. 

Wie kommt es, dass im Deutschrap selten über Liebe gesprochen wird?
 
M: Weil es den meisten peinlich ist. 
F: Und weil es in der deutschen Sprache definitiv schwieriger ist, ein Liebeslied zu schreiben. Besonders durch deutsche Popmusik sind solche Texte krass vorbelastet. Im Pop schreiben genau die Leute Lovesongs, die zielgruppen- und gewinnorientiert denken und Mucke machen, um schnell berühmt zu werden. Aber so ist es auch im HipHop. Wenn es im Deutschrap mal Liebesballaden gab, dann waren das die Versuche von Rappern, Geld zu verdienen. Es ist echt schwierig, nicht gleich polemisch zu werden, aber genau diese Herangehensweise ist für echte Musik-Fans der Feind. Wenn man selbst solche gefühlvollen Songs macht, ist man wegen der Hörgewohnheiten gleich mit ganz weaken Leuten in einer Schublade.  
M: Außerdem geht man im Deutschen viel sparsamer mit Liebesbekenntnissen um. Schau dir im Kontrast die Amerikaner an, die schon nach fünf Sekunden sagen: »I love her, she’s awesome!« Dann erkennst du, wie kühl wir eigentlich sind. Ich kenne auch Pärchen, die sich nach fünf Jahren Beziehung noch nicht »Ich liebe dich« gesagt haben. 
F: What? Vielleicht lieben die sich einfach nicht.  
M: Doch! Die sind superglücklich. Aber es kostet manche Menschen einfach Überwindung, das zu fühlen und auszusprechen. 
F: Es ist im Amerikanischen auf jeden Fall was anderes. Kaum ein Deutscher würde am Tisch sitzen und sagen: »Oh mein Gott, ich liebe diesen Burger!« 
M: Die Sprache ist auch phonetisch viel härter, das kommt erschwerend dazu. Und ja, ich sehe das wie Anton. Künstler, die absichtlich in diese Kerbe schlagen, um Geld zu machen, finde ich superätzend. 
F: Klar, das sind die Feinde. Aber ehrlich? Für die ist Musik vielleicht Mittel zum Zweck, um reich und berühmt zu werden, aber die Gefühle der Fans sind doch die gleichen, oder nicht? Ob die Leute jetzt unsere Songs gefühlvoller finden oder die von Max Giesinger, das geht mich nichts an. Es steht mir nicht zu, den Geschmack eines anderen zu beurteilen.  
M: Ich verachte nicht die Kunst an sich, sondern den Move, die Musik als Tool zu benutzen, um in erster Linie bekannt zu werden. Wenn sich jemand hinstellt und einen echt schleimigen Lovesong singt und man trotzdem merkt, dass derjenige das total ernst meint, dann ist das für mich legitim. 

Es gibt also kitschige Lovesongs, die trotzdem okay sind?
 
F: »I Will Always Love You« ist so ein Song. 
M: Oder Songs von Sam Smith. 
F: Aber es gibt auch Gegenbeispiele wie »Die Eine« von der Firma. 
M: Die eine, die eine oder keine. Für keine andere Frau ging ich lieber in den Bau. Keiner Frau trau ich mehr über den Weg ... 
F: Okay, ciao. 
M: Ach komm, ich fand den damals gut. 
F: Weiß nicht, vielleicht liegt es daran, dass ich in Bezug auf mein eigenes Genre kritischer bin. 

Und was ist mit »Weit weg« von Deichkind?
 
F: Das ist schon cool. Der Song ist ja absurderweise auch einer der Klassiker. 
M: Ich finde, dass auch Trettmann krasse Lovesongs macht. Ich war lange nicht mehr so geflasht von einem Künstler. 

Wie sehr unterscheidet sich euer Songwriting? 
 
M: Meistens war es so, dass einer von uns die Idee für den Text hatte und der andere seinen Part darauf geschrieben hat. Im Anschluss haben wir uns gegenseitig Feedback gegeben. Bei »Fundament« hat Anton mir seinen Part geschickt, während die Hook und der Beat von »Meer« von mir kamen und Anton ... 
F: ... ein Jahr gebraucht hat, um den Song zu schreiben. 
M: Das war aber auch der einzige Song, der etwas länger gedauert hat. Ich bin ein eher ungeduldiger Mensch, während Anton sich lieber mehr Zeit für die Dinge nimmt.
Mine, du hörst vor allem gern Deutschrap, weil es dir inhaltlich mehr gibt als Deutschpop. Was meinst du damit? 
M: Rap versucht immer wieder, neue Wege zu gehen. Inhaltlich haben die meisten Texte mehr Wortwitz und sind auch technisch sehr viel besser. 
F: Allein aus der Geschichte heraus ist der Anspruch an den Text im HipHop höher. Was gut ist, aber trotzdem auch irgendwie belastend. Ich bin klassisch HipHop-sozialisiert. Die Vorstellung, bei einem Label zu sein, das mir vorschreibt, was ich schreiben soll, geht gar nicht klar. Aber trotzdem möchte ich nicht verurteilen, dass es bei manchen eben so läuft. 
M: Mir geht es vor allem darum, dass die meisten Rapper ihre Texte selbst schreiben. 
F: Das ist aber auch nicht mehr so. 
M: Okay, sagen wir, die meisten schreiben ihre Texte selbst. Wohingegen im Pop selbst die unerfahrensten Künstler mit Leuten zusammenschreiben, die mal einen Hit gelandet haben. Damit man ja auf der sicheren Seite ist. Bei unserem Label Caroline ist das nicht so, die lassen uns sein, wie wir sind.  

Also ist Ghostwriting mittlerweile ein Thema im Deutschrap?

F: Na klar. Manche Nasen von denen würden es allein auch nicht auf die Reihe bekommen. Da gehört so viel mehr dazu, als nur rappen zu können. 

Das da wäre?
 
M: Du musst einfach an deiner Karriere arbeiten. 
F: Du musst vor allem am Start sein. Ich habe das Gefühl, dass es so viel mehr geworden ist, seitdem ich Vollzeit Musik mache.  
M: Und was zusätzlich Druck ausübt, ist die Erwartungshaltung an die eigene Musik.  
F: Deshalb kann ich auch nicht so ganz verstehen, wie manche Rapper, die mit 27 Jahren ein Album machen, das kein Hit wird, direkt verbittert sind. Denen würde ich am liebsten raten, es gleich sein zu lassen. Oder, noch schlimmer: die Gerechtigkeit im Showbusiness suchen und so Sachen sagen wie »wer bist du denn, stell dich hinten an«. Als würde das einen Cro interessieren. Da gibt es keine Gerechtigkeit, das ist das fucking Showgeschäft. 

Wie ist denn das bisherige Feedback eurer Fans auf das Thema? 
 
F: Ich lese normalerweise keine YouTube-Kommentare, aber Mine schickt mir manchmal Screenshots von irgendwelchen Trolls, die mich dann extrem ankotzen. Ich will nicht, dass solche Idioten in meinem Leben sind. Die schmeißen dann mit so Dingen wie »Oli Fatoni P.« um sich. Da weißt du gleich: Die haben nichts kapiert und können auch die musikalische Untermalung nicht unterscheiden. 
M: Es gibt einfach Menschen, die einen Ort brauchen, um ihren Hass abzulassen. 
F: Ich lese auf jeden Fall keine Kommentare mehr, weil das Niveau bei vielen echt im Arsch ist. 

Hattet ihr im Vorfeld die Sorge, mit einem solchen Album Fans zu verprellen?
F: Ein gemeinsamer Freund hat mal gesagt, dass wir verstehen müssten, wenn es enttäuschte Fans auf beiden Seiten gebe, denn es sei ein gewagtes Projekt. Jasmin und ich habe beide nicht nur unsere Komfortzone verlassen, sondern auch unseren Kompetenzbereich. Sie verzichtet auf kryptische Texte, schreibt direkter heraus, ich lege den Sarkasmus ab und spreche über Gefühle.  
M: Ich finde es geil, wenn jeder versteht, worum es geht, und trotzdem nicht unangenehm berührt ist. 
F: Ich mache Sachen immer aus dem Bauch heraus, ohne viel darüber nachzudenken. Das war in diesem Fall auch so. Erst, als wir unsere Single »Alle Liebe nachträglich« im Huxleys vor 2.000 Leuten gespielt haben, dachte ich: »Fuck, was machst du eigentlich hier? Du redest vor allen über deine Gefühle, wie dumm kann man sein.« Ich habe vor so vielen Menschen meine Kunstfigur verlassen müssen, und darüber habe ich vorher tatsächlich nicht nachgedacht.  
M: Man macht sich halt angreifbar, wenn man öffentlich über seine Gefühle spricht. 
F: Gleichzeitig finde ich es mutig und bin stolz darauf, weil es real ist und wir diese Platte aus Überzeugung gemacht haben.

Mine & Fatoni

Alle Liebe nachträglich

Release: 13.10.2017

℗ 2017 Mine & Fatoni, under exclusive license to Caroline International, a division of Universal Music GmbH